30. Januar 2020 / 06:00 Uhr

Dieter Hecking über die HSV-Perspektiven, den Bundestrainer-Job und den Fall Bakery Jatta

Dieter Hecking über die HSV-Perspektiven, den Bundestrainer-Job und den Fall Bakery Jatta

Christian Müller
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Dieter Hecking spricht im SPORTBUZZER-Interview über HSV, Gladbach und Bakery Jatta. 
Dieter Hecking spricht im SPORTBUZZER-Interview über HSV, Gladbach und Bakery Jatta.  © imago
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Man muss die 2. Liga annehmen, um aus ihr rauszukommen, sagt HSV-Trainer Dieter Hecking. Im SPORTBUZZER-Interview verrät er außerdem, dass er noch auf seinen Ex-Klub aus Gladbach schaut - und den Job als Bundestrainer reizvoll findet. 

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Es ist noch nicht lange her, da hatte Dieter Hecking gerade mit seinem Team den Champions-­League-Platz in der Bundesliga zurückerobert. Ende Januar 2019 zum Rückrundenauftakt als Trainer von Borussia Mönchengladbach. Ein Jahr später blickt der 55-Jährige wieder zuversichtlich auf die Saison – als Chefcoach des Ham­bur­ger SV. Auf die 2. Liga habe er sich erst einmal einstellen müssen, sagt er im SPORTBUZZER-Interview „Nach einem halben Jahr kann ich sagen, dass mir das ganz gut gelungen ist.“ Und: „Wenn beim HSV alle an einem Strang ziehen, dann wird es schwer werden, uns zu stoppen.“ Zum Auftakt ins neue Fußballjahr geht es am Donnerstag gegen den 1. FC Nürnberg (20.30 Uhr, Sky).

SPORTBUZZER: Herr Hecking, welche Besonderheiten weist der vom Selbstverständnis noch immer große HSV im Vergleich zu Ihren vorherigen Vereinen auf?

Dieter Hecking (55): Nachdem ich mich ein halbes Jahr in der Stadt bewegt habe, weiß ich, die Leute haben auch in Hamburg erkannt: Wir müssen die 2. Liga annehmen. Nur dann kommen wir wieder aus ihr raus.

Wie hat der HSV zuletzt auf Sie als Außenstehenden gewirkt?

Sehr unausgewogen, hin- und hergerissen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Man hat sich dreimal knapp in der Bundesliga gehalten, dabei oft mit dem Kopf unter der Wasseroberfläche gelegen. Irgendwann hat es den Klub erwischt und ihn nach unten gezogen. Man hatte immer das Gefühl, der HSV ist getrieben. Er muss ständig diesem Anspruch gerecht werden, der ihn aus der Tradition heraus zu Recht umgibt, aber im Moment realistisch nicht greifbar ist.

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Ist der Reiz, nach München oder Dortmund zu fahren, bei Ihnen nach einem Jahr Pause neu entfacht?

Ich habe grundsätzlich immer Lust auf die Bundesliga. In Gladbach dachte ich aber durch die Enttäuschung darüber, wie es für mich dort am Ende gelaufen ist: Das brauche ich mir nicht mehr anzutun. Mit Jochen Schneider von Schalke 04 gab es ein Gespräch, die Aufgabe hätte mir auch Spaß gemacht. Da gab es aber mehrere Kandidaten. Wenn ich abgewartet hätte, hätte es für mich im Herbst sicherlich eine Möglichkeit gegeben, in der Bundesliga wieder einzusteigen. Aber ich habe in Hannover, Nürnberg, Wolfsburg und Mönchengladbach immer einen Verein übernommen, dem die Klinge am Hals hing. Das hat mich jetzt nicht noch einmal gereizt. Ich wollte etwas mit aufbauen und benötigte auch nicht unbedingt ein Jahr Urlaub. Von daher kam die Anfrage des HSV zu einem richtig guten Zeitpunkt.

Trauen Sie Gladbach in dieser Saison den Meistertitel zu?

Ich glaube, dass man die Lage dort realistisch einschätzt. Wenn am Ende wieder der europäische Wettbewerb und im Idealfall die Champions League stünden, dann hätte die Borussia eine hervorragende Saison gespielt. Für den ganz großen Wurf wird es vielleicht doch noch nicht reichen.

Bundestrainer? Hecking: "Warum nicht?"

Haben Sie sich mal bei dem Gedanken erwischt, dass die Mannschaft mit Ihnen Ähnliches erreicht hätte?

Nein, wir haben ja den Strukturwandel eingeläutet, indem wir vom 4-4-2 weg zu einem 4-3-3 gegangen sind, das in Gladbach unter Lucien Favre über Jahre sehr erfolgreich war. Borussia hat einen sehr guten Kader. Die Arbeit ist mit anderen Inhalten fortgesetzt worden – und man hat vorn mit Tempo und Körperlichkeit an Qualität gewonnen. Das war auch zu meiner Zeit schon angedacht, jetzt ist es umgesetzt worden.

Man hat Sie schon oft mit dem Job des Bundestrainers in Verbindung gebracht. Für Sie weiter eine Option?

Wenn man irgendwann der Meinung wäre, dass ich dafür der geeignete Mann sei, und Jogi Löw nach hoffentlich vier weiteren erfolgreichen Jahren abtritt – warum nicht?

Was genau reizt Sie daran?

Den Fußball noch aus einem anderen Blickwinkel kennenzulernen. Du hast dann nicht mehr die tägliche Arbeit. Aber die Besten eines Landes zu trainieren, die man auf Turniere oder Qualifikationsspiele vorbereitet, ein bisschen was anderes von der Fußballwelt zu sehen – das halte ich für sehr interessant.

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Machen Sie im Aufstiegsfall auf jeden Fall beim HSV weiter?

Ja, klar. Ich will nicht gleich wieder etwas Neues machen, wenn wir es geschafft haben. Dafür fühle ich mich in diesem Verein und mit den handelnden Personen um Bernd Hoffmann, Jonas Boldt und Michael Mutzel zu gut aufgehoben.

Wie groß ist die Herausforderung, langfristig auch den HSV wieder zu einem Europapokalkandidaten zu formen, wie Sie es in Wolfsburg und Gladbach geschafft haben?

Da muss man realistisch sein. Wir haben in der Vorbereitung gegen Schalke gespielt (0:4, d. Red.). Da war schon ein Unterschied zu sehen. Mit mindestens zwei Jahren in der 2. Liga verlierst du finanziell den Anschluss. Auch Mannschaften wie Mainz 05 oder der FC Augsburg liegen im Etat deutlich höher als der HSV. Darum müssen wir viele kreative Transfers tätigen, sollten wir unser erhofftes Ziel erreichen.

Fall Jatta: "Der Junge hat gespürt, dass ich ganz nahe bei ihm bin"

In der Debatte um die vermeintlich falsche Identität von Bakery Jatta hat der HSV ein Bild der Geschlossenheit abgegeben. Was ist aus dieser Zeit bei Ihnen hängen geblieben?

Da passte kein Blatt zwischen irgendetwas. Das haben die Menschen da draußen wahrgenommen – und wir waren sehr erfolgreich in dieser Phase. Und wenn der HSV lernt, das bei allen Themen zu schaffen, hat er viel gewonnen. Hängen geblieben ist bei mir, dass wir gezeigt haben, dass so etwas in unserer Gesellschaft kein Thema sein darf. Bakery aber kam nach Deutschland, hat hier die Initiative ergriffen und Höchstleistungen abgeliefert. Da haben wir als Verein, aber auch als Staat die soziale Verantwortung, ihm alle Möglichkeiten offen zu lassen.

Und für Jatta sind Sie jetzt so etwas wie ein Ersatzvater.

Das nicht. Aber der Junge hat gespürt, dass ich als Trainer ganz nahe bei ihm bin. Denn ich habe ihn jeden Tag gesehen. Und mit jedem Tag, an dem die Geschichte größer gemacht wurde, merkte man Bakery doch die Unruhe an. Er hat mir seine Geschichte erzählt – und es gab für mich keinen Grund, an ihr zu zweifeln.

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