05. September 2019 / 08:30 Uhr

Dieter Hecking im SPORTBUZZER-Interview: "Wir sind ein normaler Zweitligist"

Dieter Hecking im SPORTBUZZER-Interview: "Wir sind ein normaler Zweitligist"

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Dieter Hecking spielt mit dem Hamburger SV beim VfL Wolfsburg
Dieter Hecking spielt mit dem Hamburger SV beim VfL Wolfsburg © (c) Copyright 2019, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
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Vor dem Testspiel am Donnerstag beim VfL Wolfsburg: Dieter Hecking, Trainer des Hamburger SV, spricht im SPORTBUZZER-Interview über Druck, den Fall Jatta und seine Kontakte nach Wolfsburg.

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Wiedersehen mit Dieter Hecking: Der ehemalige VfL-Coach, der mit Wolfsburg 2015 Vizemeister und DFB-Pokalsieger wurde, ist am Donnerstag mit dem Hamburger SV zum Testspiel (16 Uhr) im AOK-Stadion zu Gast. Mit den Hanseaten, deren Trainer er seit Sommer ist, schwimmt der 54-Jährige nach den ersten Spielen auf einer Erfolgswelle, führt die Tabelle der 2. Liga ohne Niederlage an.

Fünf Zweitliga-Spiele, 13 Punkte – das ist ein Traumstart. Hatten Sie damit gerechnet?

Nicht unbedingt, wir hatten in der Vorbereitung unsere Testspiele gegen internationale Gegner allesamt nicht gewonnen, außerdem war ich mir am Anfang nicht sicher, wie die 2. Liga einzuschätzen ist – und wie gut wir eigentlich sind. Was man aber vom ersten Tag an gemerkt hat, ist: Wir haben eine Mannschaft, in der die Spieler im zwischenmenschlichen Bereich überragend gut zusammenpassen. Das Miteinander war von Beginn an sehr gut und das hilft natürlich bei der Integration der neuen Spieler enorm. Wir waren nicht in der Lage, große Ablösesummen zu zahlen, sondern haben stattdessen Spieler für uns gewonnen, für die es etwas Besonderes ist, für den HSV zu spielen.

Ist die Arbeit in der 2. Liga für Sie anders?

Nein, da ändert sich nichts.

Weil der HSV kein „normaler“ Zweitligist ist?

Doch, wir sind ein normaler Zweitligist, mittlerweile haben das die meisten Leute hier auch verstanden. Dass wir von außen anders gesehen werden, ist klar. Aber das darf uns nicht interessieren und wir dürfen vor allem nicht den Anspruch daraus ableiten, wie ein Erstligist auftreten zu müssen. Wir sind nicht besser als die anderen Zweitligisten, denn wir sind in derselben Liga. Wir müssen erst einmal die Voraussetzungen schaffen, vielleicht mal wieder ein Erstligist zu werden.

"Ich hatte immer eine Affinität zu Schalke und dem HSV"

Ist das der besondere Reiz Ihrer Aufgabe? Sind sie darum nach der Zeit in Wolfsburg und Gladbach in die 2. Liga gegangen?

Ich hatte als Kind immer eine gewisse Affinität zu zwei Vereinen, das waren Schalke und der HSV. Schalke, das gebe ich zu, hätte ich mir auch vorstellen können, aber das hat sich nicht ergeben. Ich hätte dann auch warten und erst einmal nichts machen können, aber als der HSV Interesse zeigte, stand ich vor der Wahl: Entweder mitten in der Saison irgendwo anfangen oder beim HSV vom ersten Tag an alles mitgestalten. Und das war dann schon ein sehr großer Reiz.

Haben Sie den Druck, aufsteigen zu müssen?

Ich empfinde da keinen Druck. Natürlich wollen wir sportlich erfolgreich sein. Und ich glaube, dass ich weiß, wie es mit meiner Art, eine Mannschaft zu führen, funktionieren kann. Dazu braucht es Mitstreiter im Verein, die diesen Weg miteinander gehen wollen. Wenn das klappt, kommt auch der Erfolg.

Dieter Hecking: Seine Trainer-Karriere in Bildern

Die Anfänge einer Karriere: Der neue Lübeck-Trainer Dieter Hecking (r.) 2001 mit VfB-Macher „Molle“ Schütt. Zur Galerie
Die Anfänge einer Karriere: Der neue Lübeck-Trainer Dieter Hecking (r.) 2001 mit VfB-Macher „Molle“ Schütt. © Wolfgang Maxwitat

Sie haben gerade Martin Harnik geholt, einen gebürtigen Hamburger, der sein erstes Spiel im HSV-Trikot in Wolfsburg machen wird. Er ist 32 und fällt damit in Ihrem Team als „Oldie“ auf...

Für mich ist er in erster Linie ein Spieler, der für eine zweistellige Zahl an Saisontoren gut sein kann. Er ist ein Hamburger, möchte seinen Lebensmittelpunkt auch nach der Karriere nach Hamburg verlegen. Er hilft uns mit seiner Erfahrung – das ist eine Geschichte, die rundherum passt.

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"Jatta konnte nicht verstehen, warum alle plötzlich gegen ihn sind"

Der „Fall“ Bakery Jatta ist geklärt, das Bezirksamt hat festgestellt, dass es keine Probleme mit seiner Identität gibt. Sie sind ein Trainer, der sich immer schützend vor seine Spieler stellt – inwiefern haben Sie diese Geschichte und die Anfeindungen gegen den Spieler auch persönlich beschäftigt?

Gar nicht mal so sehr, denn vom ersten Tag war mir klar, dass man weder dem Spieler noch dem Verein Fehlverhalten vorwerfen kann – jedenfalls, wenn man mein Rechtsempfinden und meine Kenntnis der Sachlage zugrunde legt. Dass wir uns als Verein vor den Spieler stellen werden, war ohnehin klar. Für Jatta selbst war vor allem das Spiel in Karlsruhe schwierig, was aber auch mit der Gemengelage zu tun hatte – zum einen war da die Erinnerung an die Relegation 2015, zum anderen gab es in dem Spiel früh eine Situation, bei der ihm die KSC-Fans eine Schwalbe unterstellt haben. Plötzlich beschimpft ihn das ganze Stadion, das hat ihn schon sehr beschäftigt, weil er einfach nicht hat verstehen können, warum plötzlich alle gegen ihn sind.

Zuletzt war er etwas angeschlagen, spielt er in Wolfsburg mit?

Davon gehe ich aus, ja. Zudem werden wir einigen Spielern Spielpraxis geben, die zuletzt nicht immer gespielt haben, Julian Pollersbeck und Tom Mickel etwa werden sich im Tor abwechseln. Und Aaron Hunt ist nach seinen Leistenproblemen auch wieder dabei.

Wie ist drei Jahre nach Ihrem Abschied Ihr Kontakt nach Wolfsburg?

Mit Jörg Schmadtke und Marcel Schäfer ist er sowieso gut, mit Josuha Guilavogui schreibe ich regelmäßig Nachrichten. Oliver Glasner habe ich kennengelernt, als ich mir Ende Mai ein VfL-Nachwuchsspiel im AOK-Stadion angeschaut habe. Man hat insgesamt den Eindruck, dass beim VfL jetzt vieles richtig und rund läuft. Die sieben Punkte zum Start konnte man bei den Gegnern sicherlich so erwarten, aber wichtiger ist, dass Jörg und Marcel für eine gewisse Stabilität sorgen. Das ist gut für den VfL.