10. Mai 2019 / 10:00 Uhr

Dietmar Hamann: „Die Bayern werden in Leipzig Probleme bekommen“

Dietmar Hamann: „Die Bayern werden in Leipzig Probleme bekommen“

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Dietmar Hamann erwartet Großes von RB Leipzig.
Dietmar Hamann erwartet Großes von RB Leipzig. © LVZ-Archiv
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Der aktuelle Sky-Experte und ehemalige Nationalspieler Didi Hamann spricht im exklusiven SPORTBUZZER-Interview über RB Leipzig gegen Bayern München, die BVB-Glaubenskrise und die sagenhafte Nacht seiner Reds.

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Leipzig/München. Lothar Matthäus, 58, Wolff-Christoph Fuss, 42, und Didi Hamann, 45 – Sky schickt seine Besten zum himmlischen Hit RB gegen FCB – und die besprechen selbigen am Sonnabend schon zwei Stunden vorm 15.30-Uhr-Anpfiff. Ex-Nationalspieler Hamann, der für Bayern München, Newcastle, Liverpool und Manchester City gespielt hat, über die Chancen der Roten Bullen im Bundesliga-Spiel und im Pokal-Finale (25. Mai), einen Wechsel von Timo Werner von der Pleiße an die Isar, Ralf Rangnick und die Premier League, die Dortmunder Glaubenskrise, die Freuden und Leiden eines TV-Experten und die Nacht der Nächte am Dienstag in Hamanns zweiter Heimat, der Anfield Road. Auch Hamann hat mit den Reds ein 0:3 aufgeholt und Geschichte geschrieben. Gegen den AC Mailand. Im Champions-League-Finale. Am 25. Mai 2005 im Istanbuler Atatürk-Olympiastadion.

Heerscharen neutrale Fußball-Fans haben anno 2005 zur Halbzeit den Fernseher ausgeschaltet.

Wenn der FC Liverpool beteiligt ist, darf man nie abschalten. Weder auf dem Feld noch im Wohnzimmer. Es ist kein Zufall, dass dieser Club immer wieder Rückstände dreht, auch große, scheinbar unaufholbare. Der FC Liverpool kann eine besondere Wucht entwickeln, eine Lawine ins Rollen bringen.

Wie hat sich das 0:3 gegen Milan angefühlt?

Milan war eine Weltauswahl, der Käse normalerweise gegessen. In der Halbzeit blieb Rafa Benitez ganz ruhig, sagte, dass ich reinkomme und dass wir das nächste Tor schießen müssen. Ich bin zum Warmmachen, hatte keine Ahnung, wie wir das Ding noch gewinnen können, war leer im Kopf. Dann hörte ich die Gesänge unserer Fans und dachte: Warum eigentlich nicht? Wir hatten schon ein paar Finals gespielt und enge Spiele gewonnen.

Die magischen Europacup-Nächte des FC Liverpool

Dietmar Hamann (von links), Kevin Keegan sowie Georginio Wijnaldum, Trent Alexander-Arnold und Jordan Henderson haben schon magische Spiele mit dem FC Liverpool erlebt. Zur Galerie
Dietmar Hamann (von links), Kevin Keegan sowie Georginio Wijnaldum, Trent Alexander-Arnold und Jordan Henderson haben schon magische Spiele mit dem FC Liverpool erlebt. ©
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Eng war in Istanbul nach 45 Minuten mal gar nix, Herr Hamann,

Aber es wurde eng, nach 60 Minuten stand es 3:3.

Fünf Minuten vor Ende der Verlängerung haben Sie sich den Mittelfuß gebrochen.

Die Diagnose kam erst ein paar Tage später. Der Schmerz war auszuhalten, eine Auswechslung kam nicht in Frage. Champions-League-Finale, Adrenalin ohne Ende, 3:3. Wir alle wollten nach dieser Aufholjagd den Henkelpott.

Benitez kam auf die reizende Idee, Sie den ersten Elfmeter schießen zu lassen.

Ich war 31 und einer der Älteren bei uns. Der Trainer fragte und ich sagte: ,Klar schieß ich‘.

Sie und der FC Liverpool haben Fußball-Geschichte geschrieben.

Es kam alles zusammen. Milan war sich zu sicher, wir hatten den Glauben, dass noch etwas geht. Und wir hatten einen fantastischen Teamspirit, jeder ist für den anderen durchs Feuer gegangen. Ich habe 2002 ein WM-Finale gespielt (und gegen Brasilien verloren; Red.), aber diese Istanbuler Nacht mit dem FC Liverpool und unseren Fans ist und bleibt das Größte für mich.

Am Dienstag kam ein bleibendes Erlebnis für Ihren Herzensclub dazu. Wo haben Sie die irre Partie Liverpool – Barca verfolgt?

In Dublin, als Experte fürs irische Fernsehen. Ich mache dort seit neun Jahren cirka 25 Spiele im Jahr.

Internationale Pressestimmen zu Liverpools "Wunder von Anfield" gegen Barcelona

Liverpool hat es geschafft und viele Kritiker Lügen gestraft. Die Reds besiegen den FC Barcelona mit 4:0 und stehen zum zweiten Mal in Folge im Endspiel der Champions League. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt die Reaktionen der internationalen Medien. Zur Galerie
Liverpool hat es geschafft und viele Kritiker Lügen gestraft. Die "Reds" besiegen den FC Barcelona mit 4:0 und stehen zum zweiten Mal in Folge im Endspiel der Champions League. Der SPORTBUZZER zeigt die Reaktionen der internationalen Medien. ©

Ihr Experten-Kollege Jose Mourinho sagt: Diese magische Nacht hatte nichts mit Taktik, Technik, Philosophie et cetera zu tun. Er sagt: ,It was Jürgen‘.

Das stimmt absolut. Kloppo hat seinen Spielern den Glauben vermittelt, dass sie es auch ohne zwei ihrer Besten (Firmino, Salah fehlten verletzt; Red.) schaffen können. Und so haben sie gespielt, gefightet und 4:0 gewonnen. Gegen Messi und den FC Barcelona. Wahnsinn.

Finals spielt man nicht, man gewinnt sie. Gewinnt der FC Liverpool die Champions League?

Ich hoffe das sehr. Für diesen einmaligen Club, die wunderbaren Fans, Jürgen Klopp und seine Jungs. Kloppo hat sich nie über die vielen Spiele beschwert, nie Verletzte als Entschuldigung für was auch immer genannt. Er ist the normal one and only.

Die Bayern werden am Samstag in Leipzig...

...und am 25. Mai in Berlin große Probleme bekommen. Was Ralf Rangnick in diesem vermeintlichem Übergangsjahr mit RB auf die Beine gestellt hat, ist herausragend und hätte ich so nicht für möglich gehalten.

DURCHKLICKEN: Die bisherigen Duelle zwischen RB und Bayern

21.12.2016:  Bayern München - RB Leipzig 3:0, Yussuf Poulsen mit Philipp Lahm im Zweikampf. Zur Galerie
21.12.2016: Bayern München - RB Leipzig 3:0, Yussuf Poulsen mit Philipp Lahm im Zweikampf. ©

Für einen Meister, der zum siebten Mal hintereinander FC Bayern heißt, spricht?

Die vier Punkte Vorsprung auf Dortmund. Die Bayern könnten sich eine Niederlage in Leipzig erlauben und dann daheim gegen Frankfurt alles klar machen. Ich halte diese Variante nicht für ausgeschlossen.

Sie haben vom Berge versetzenden Liverpooler Glauben gesprochen. Ist der BVB irgendwann vom Glauben gefallen?

Wenn ich als Erster nach München fahre, komme ich doch mit breiter Brust, oder? Wenn ich mich dann 5:0 abfertigen lasse, habe ich dafür wenig Verständnis. Ich habe auch kein Verständnis, wenn Lucien Favre nach dem Schalke-Spiel die Meisterschaft als entschieden erklärt. Das ist das Letzte, was ein Spieler in so einer Situation hören will. Da muss man auf Kampfmodus schalten und sagen: Jetzt jagen wir die Bayern! In Bremen spielt Dortmund die beste erste Halbzeit der Saison, muss 3:0, 4:0 führen und legt sich zwei Eier ins Nest. Wenn man so etwas noch hergibt, hat man es nicht verdient, Meister zu werden.

Kann RB Leipzig eines fernen Tages Meister werden?#

Ich rechne in den nächsten zwei, drei Jahren ganz stark mit RB. Der Kader ist jetzt schon top, wird eher besser als schlechter, Julian Nagelsmann ist ein Klasse-Trainer.

Wer gefällt Ihnen besser: Dayot Upamecano oder Ibrahima Konaté?

Das sind Maschinen und Superspieler. An einem Upamecano in Topform kommt man schwer bzw. gar nicht vorbei. Konaté ist fast genauso gut. Ein Sensationsspieler ist für mich Tyler Adams.

Weitere Meldungen zu RB Leipzig

Sollte der vergleichsweise zart besaitete Timo Werner ins Haifischbecken Bayern wechseln?

Vom Naturell her passt er da nicht hin. Und wo soll er bei den Bayern spielen? Die Mitte ist vergeben (an Herrn Lewandowski; Red.) und Werner ist kein Flügelspieler.

Also noch ein Jahr bleiben und unter Nagelsmann Neues lernen?

Ja, warum nicht?

Wegen der dann flöten gehenden Ablöse für RB.

Intelligente Menschen finden intelligente Lösungen.

Rangnick hört im Sommer auf. Das ist, als würde Picasso den Pinsel beiseite legen, oder?

Ich weiß nicht, wie Ralfs Lebensplanung aussieht. Wenn er irgendwann sagt, er will wieder als Trainer arbeiten, werden sich sicher zwei, drei englische Topclubs mit ihm beschäftigen. Kaliber wie Manchester United oder Arsenal. Ralf ist England-affin, wäre ja fast mal englischer Nationaltrainer geworden. Er genießt auf der Insel einen sehr guten Ruf.

Der Beruf des TV-Experten ist kein Quell purer Freude, zuletzt hat sich eine bajuwarische Armada an Ihrer Lewandowski-Kritik gestoßen. Perlt das ab wie Wasser von der Ente?

Ich gehe nicht in eine Sendung und sage mir vorher: ,den knöpf‘ ich mir heute mal vor!‘. Es geht mir ausschließlich um die Sache, ich werde nie persönlich. Ich habe eine Verantwortung gegenüber dem Sender und den Zuschauern. Kritik muss erlaubt sein – auch am Kritiker.

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