07. April 2021 / 18:12 Uhr

"Gibt mir Auftrieb im Olympiajahr": Dimitrij Ovtcharov will hungrig nach Tokio

"Gibt mir Auftrieb im Olympiajahr": Dimitrij Ovtcharov will hungrig nach Tokio

Alexander Flohr
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Ganz vorn dabei: Dimitrij Ovtcharov hat den ersten Wettbewerb der neuen WTT-Serie in Doha gewonnen – bei Olympia gehört er zu den Kandidaten auf eine Medaille.
Ganz vorn dabei: Dimitrij Ovtcharov hat den ersten Wettbewerb der neuen WTT-Serie in Doha gewonnen – bei Olympia gehört er zu den Kandidaten auf eine Medaille. © imago images/Xinhua
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Tischtennisweltstar Dimitrij Ovtcharov im SPORTBUZZER-Interview über seinen Corona-Alltag, die neue Turnierserie "World Table Tennis", die Olympischen Spiele in Japan und seinen Teamgefährten und Freund Timo Boll.

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In der Jugend spielte Dimitrij Ovtcharov in Tündern bei Hameln, wo seine Familie damals lebte (heute in Springe), und trainierte regelmäßig im Sportleistungszentrum in Hannover. Schnell ging es für den heute 32-Jährigen in die große Tischtenniswelt. Mittlerweile ist er zweifacher Europameister, mehrfacher deutscher Meister und Gewinner der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2012 in London.

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Im Interview spricht Ovtcharov über seinen Corona-Alltag, den unbändigen Fokus auf Olympia in diesem Jahr in Tokio und den ewigen Vergleich mit seinem Nationalmannschaftskollegen Timo Boll.

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Herr Ovtcharov, Sie reisen als einer der besten Tischtennisspieler regelmäßig durch die Welt, spielen beim russischen Klub Orenburg und wohnen in Düsseldorf. Bleibt da noch Zeit, um die Familie in der Heimat zu besuchen?

In Düsseldorf verbringe ich schon die meiste Zeit, hier ist auch das deutsche Tischtenniszentrum. Aber ich mag Hannover sehr, mein Onkel und meine Tante leben dort. Meine Eltern besuche ich alle zwei bis drei Monate in Springe. Mein Vater gehört ja auch zu meinem Trainerteam, mit ihm trainiere ich in einer großen Doppelgarage, die er irgendwann zu einer kleinen Tischtennishalle umgebaut hat.

Wegen der Corona-Pandemie fanden viele Wettkämpfe in der letzten Zeit gar nicht erst statt. Wie hat sich Ihr Alltag verändert?

Normalerweise klagen wir Spieler, weil wir wenig Zeit zum Trainieren haben und extrem viel unterwegs sind. Jetzt ist es anders. Ich wache gegen 7 Uhr auf, frühstücke dann mit meiner Familie und fahre gegen kurz nach 8 Uhr mit meiner Tochter zum Kindergarten. Dann fahre ich weiter zum Training – das geht bis 12 Uhr. Danach geht’s ab nach Hause, und von 16 bis 18.30 Uhr trainiere ich noch mal. Wenn ich pünktlich bin, schaffe ich es auch, meine Tochter ins Bett zu bringen.

Wie sehr fehlt Ihnen der Trubel?

Es ist brutal. Im vergangenen Jahr waren die German Open in Magdeburg, als ich die Nummer eins der Welt geschlagen habe. Dann ist von einem auf den anderen Tag die Welt stehengeblieben, Olympia wurde verschoben und alle Turniere wurden abgesagt. Es wurde quasi ein Jahr gestrichen bei uns.

Anfang März ging es für Sie dann aber nach Katar, zur neuen Turnierserie „World Table Tennis“. Es war der erste offizielle Wettbewerb seit einem Jahr. Und Sie gewannen auf Anhieb …

Ich war sehr froh, wieder mal alle zu sehen und mich auf Wettkampfniveau messen zu können. Es war ein extrem stark besetztes Turnier. Der Sieg gibt mir einen Auftrieb im Olympiajahr.

Die neue Serie ersetzt die bisherige World Tour. Es soll höhere Preisgelder und eine Struktur geben, die an die ATP-Serie des Tennis erinnert – mit vier Grand-Smash-Turnieren als Highlights. Das klingt nach einer kleinen Revolution.

Es soll den Sport in ganz andere Sphären hieven. Es ist eine große Veränderung für alle. Wir sind es als Tischtennisspieler nicht gewohnt, dass wir eine 100-prozentige Verpflichtung haben, Turniere zu spielen. Wir können es uns nicht mehr aussuchen, sondern müssen nun bis zu zwölf Turniere pro Jahr spielen. Ich denke, in zwei bis drei Jahren kann man beurteilen, ob die Idee funktioniert oder nicht.

Zunächst stehen im Sommer die Olympischen Spiele in Tokio an. Glauben Sie überhaupt daran, dass sie stattfinden werden?

Momentan höre ich, dass es stattfindet – natürlich unter anderen Bedingungen. Wenn ich mir als Leistungssportler Gedanken machen würde, dass es vielleicht abgesagt wird, kann ich nicht 120 Prozent im Training bringen.

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Die chinesischen Sportler – fünf von ihnen sind in den Top 10 der Weltrangliste – haben bereits angekündigt, dass sie das Land bis zu Olympia nicht mehr verlassen werden. Wie sieht eine Olympiavorbereitung zu Coronazeiten aus?

Wir werden in Europa keine Wettkämpfe mehr ausrichten können, an denen die Chinesen teilnehmen werden. Andersrum werden die Europäer aller Voraussicht nach auch nicht mehr an Wettbewerben in China teilnehmen. Dafür sind die Quarantänebedingungen dort zu streng, man würde zu viel Zeit verlieren. Ich hoffe, dass es noch stark besetzte Turniere in Europa geben wird, um ein gutes Wettkampfgefühl zu bekommen.

Das Turnier in Katar hat aber bereits gezeigt, dass Sie in einer guten Form sind. Was ist drin bei Olympia?

Ich habe mich im Januar und Februar schon hochkonzentriert vorbereitet. Den Grundstein der Vorbereitung habe ich bereits gelegt. Nach der Performance in Katar, einem Quäntchen Glück und einer guten Auslosung bei Olympia sind Medaillen im Einzel- und Mannschaftswettbewerb drin. Das ist auch definitiv mein Ziel.

Das klingt erstaunlich konzentriert, obwohl die Austragung noch immer nicht sicher ist. Wie können Sie da fokussiert bleiben?

Ich probiere, die Diskussion, ob es stattfindet, auszublenden. Meinem Vater war es immer extrem wichtig, dass ich mental fit bin. Mir fällt es tatsächlich nicht schwer, mich zu 100 Prozent zu motivieren im Training.

Timo Boll wird im Einzelwettbewerb sicher ein ernster Gegner sein. Wie hart ist Ihr Konkurrenzkampf mit ihm?

Timo sehe ich nicht als Konkurrenten, sondern als Teamgefährten. Wir stehen uns an der Platte natürlich gegenüber und wollen dann auch gewinnen. Aber wir sind sehr gut befreundet. Er war schon da, als ich frisch reingekommen war, und ist auch immer noch da.

Flachsen Sie untereinander auch mal, wer der beste deutsche Tischtennisspieler ist?

Ganz ehrlich: Das ist kein Thema für uns. Wir sind glücklich, dass wir beide erfolgreich sind und gönnen uns gegenseitig den Erfolg.

2018 waren Sie zumindest faktisch die Nummer eins. Danach hat Sie eine schwere Verletzung zurückgeworfen. Mittlerweile sind sie Weltranglistenneunter. Wann sieht man Sie wieder ganz oben?

Ich bin jetzt wieder auf dem gleichem Niveau wie 2018. Es gibt gerade aber eben nur wenige Turniere, um in der Weltrangliste voranzukommen. Ich glaube, wenn ein normaler Turnieralltag da ist, werde ich es schaffen, noch weiter vorzurücken. Wenn sich irgendwann wieder eine Möglichkeit ergibt, um ganz vorn zu stehen, werde ich alles dafür geben.

Mit 32 sind Sie acht Jahre jünger als Ihr Kumpel Timo Boll. Da wird nach diesen Olympischen Spielen ja bestimmt noch kein Karriereende in Sicht sein?

Nein, das denke ich auf keinen Fall. Olympia in Tokio und danach in Paris sind für mich klar geblockt. Ich glaube, wenn ich auf meinen Körper achte, cleverer Turniere plane und das Training anpasse, kann ich den Sport auch noch sehr lange ausüben. Das zeigen viele Profis in anderen Sportarten auch. Timo ist mit seinen 40 Jahren natürlich ein Extrembeispiel. (lacht)