06. Dezember 2020 / 08:00 Uhr

Aue-Trainer Dirk Schuster warnt: "Die Stadien werden nach der Öffnung nicht direkt ausverkauft sein"

Aue-Trainer Dirk Schuster warnt: "Die Stadien werden nach der Öffnung nicht direkt ausverkauft sein"

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Trainer Dirk Schuster vom Zweitligisten Erzgebirge Aue fürchtet aufgrund der Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie um die Attraktivität des Fußballs für die Fans.
Trainer Dirk Schuster vom Zweitligisten Erzgebirge Aue fürchtet aufgrund der Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie um die Attraktivität des Fußballs für die Fans. © Foto2press/Imago Images (Montage)
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Trainer Dirk Schuster vom Zweitligisten Erzgebirge Aue spricht im SPORTBUZZER-Interview über die Entwicklung des Fußballs in Corona-Zeiten. Er fürchtet um die Attraktivität der Sportart für die Fans und gibt einen Einblick in seine Arbeit unter den derzeitigen Bedingungen.

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SPORTBUZZER: Dirk Schuster, macht Ihnen der Fußball derzeit noch Spaß?

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Dirk Schuster (52): Ja, aber es ist ein anderer Fußball als noch vor einem Jahr. Die Zusammenarbeit mit den Spielern bereitet mir immer Freude, die Einschränkungen aufgrund der Hygienevorschriften sind aber groß. Vor allem fehlen mir die Zuschauer, die Atmosphäre im Stadion, das Theater auf den Rängen. Es wirkt steril. Wir laufen im Fußball Gefahr, die Attraktivität für die Leute zu verlieren.

Das ist eine gefühlte Entwicklung der vergangenen Jahre, oder?



Die Spieler werden immer mehr abgeschirmt und der Zugang der Fans wird beschränkt. Damals in Darmstadt zum Beispiel hatten wir eine extreme Nähe, weil wir uns immer erst am Spieltag am Stadion getroffen haben und dann durch die Fans in Richtung Spielertrakt mussten. Wir haben die Gefühle hautnah miterlebt. Auch hier in Aue ist alles sehr offen, was ich gut und wichtig finde. Ich kenne aber auch die Betonschüsseln, wo es kaum mehr Kontakt zu den Fans gibt.

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Wie wichtig sind Ihnen Fans?

Die aktive Fanszene macht mit ihrem Support einen großen Teil unseres Sports aus. Sie ist der Gegenpol zu denen, die etwas gediegener auf der Haupttribüne sitzen wollen, und der darf nicht vergessen werden. Deren Emotionen sind für uns Trainer und die Spieler hör- und spürbar, sie rufen bei uns Reaktionen hervor. Aktuell hörst du Kommandos auf dem Spielfeld oder den gegnerischen Trainer. Das Publikum kann auf der einen Seite Unterstützung sein, auf der anderen Seite Schrecken für den Gegner – das bleibt derzeit völlig aus.

Glauben Sie, dass eine "Normalität" schnell wieder Einzug halten kann in den Stadien?

Ich habe die Befürchtung, dass sich dies so schnell nicht wieder ändert. Ich bin der Überzeugung, dass die Stadien nach der Öffnung nicht direkt ausverkauft sein werden. Wir müssen uns erst wieder aufeinander zubewegen. Viele Fans schauen aktuell kritisch auf den Fußball, auch durch die so wahrgenommenen Privilegien in der Pandemie. Zudem das Theater um den Videobeweis – um nur ein Beispiel zu nennen. Das trägt zum Graben zwischen dem Profifußball und den Fans bei.

Auf der anderen Seite wurde der Fußball dafür gelobt, dass gespielt werden kann.

Der Fußball hat durch das Hygienekonzept eine große Vorreiterrolle eingenommen – auch weltweit. Es ist gut, dass versucht wurde, Wege zur Rückkehr zur Normalität zu finden. Dass es im Fußball bis zur Sommerpause kaum positive Fälle gab – das war ein Meilenstein für das Ansehen des Fußballs in der Politik.

Inzwischen gibt es aber auch im Fußball immer mehr positive Corona-Tests. In Aue können Sie ein Lied davon singen.

Man kann die Spieler nicht wegsperren. Jeder Spieler hat ein soziales Umfeld, in dem es Kontakte gibt, allen voran familiär. Niemand kann und sollte über längere Zeit in Einzelisolation leben, nur um Fußball zu spielen. Eine Infektion kann deshalb nie ausgeschlossen werden. Wir haben immer sofort Maßnahmen getroffen – vor dem Spiel beim Hamburger SV war dies nicht mehr möglich, weil die Mannschaft zusammen im Bus und beim Abendessen saß. Die Absage des Spiels und die Verordnung der Quarantäne durch das Gesundheitsamt Aue war richtig. Stellen Sie sich doch mal vor, wir hätten gespielt und eine Woche später hätten wir und der HSV zig positive Tests gehabt. Wo hätten dann gewisse Schadensforderungen hingehen sollen? Hätte es dann Punkteentscheidungen am grünen Tisch gegeben?

Wie hat sich Ihre Arbeit als Trainer durch Corona verändert?

Wir müssen das Trainingsprogramm so gestalten, dass die Corona-Tests integriert werden können. Normalerweise trainieren wir vor Spielen zur gleichen Uhrzeit wie des Anpfiffs. Wenn allerdings die Tests am Morgen sind, kann ich die Spieler nicht zwei Stunden in einzelne Kabinen einsperren, bis ich zum Beispiel um 13 Uhr trainieren kann. Die Jungs müssen zudem so schnell wie möglich nach den Einheiten das Gelände verlassen und sich vorher in mehreren Kabinen umziehen.

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Langfristige Pläne sind für Sie als Trainer schwieriger geworden, oder?

Wir planen schon normal, weil wir erst einmal von negativen Tests ausgehen. Wir müssen erst reagieren, wenn sich etwas anders darstellt. Bis dahin nehmen wir immer Bezug auf die jeweiligen Spiele und haben eine reguläre Trainingsplanung, die längerfristig nur durch die wegfallende Winterpause anders ausschaut.

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Ist der Fußball in Corona-Zeiten noch ein fairer Wettbewerb?

Es ist ein Wettbewerb, der gewissermaßen fair abläuft, weil er Regeln unterliegt, auf die sich alle geeinigt und an die sich alle zu halten haben. Aber von einem normalen Wettbewerb kann keine Rede sein. Wir spielen, um Entscheidungen herbeizuführen, die wichtig sind für die Existenz aller Vereine. Aber mit dem Fußball – so wie wir ihn lieben – hat das nichts zu tun.