21. Januar 2022 / 08:58 Uhr

Diskriminierung im sächsischen Sport? Dem Freistaat fehlen ausreichend Daten

Diskriminierung im sächsischen Sport? Dem Freistaat fehlen ausreichend Daten

Britt Schlehahn
Leipziger Volkszeitung
Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) konnte auf parlamentarische Anfrage hin keine Auskunft darüber geben, wie es um Diskriminierung im sächsischen Sport steht.
Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) konnte auf parlamentarische Anfrage hin keine Auskunft darüber geben, wie es um Diskriminierung im sächsischen Sport steht. © dpa-Zentralbild
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Wie viele Fälle von Diskriminierung wurden im sächsischen (Breiten-)Sport dokumentiert? Wie sind extreme Rechte und Vereinsstrukturen miteinander verwoben? Auf diese Frage konnte Innenminister Roland Wöller keine Antwort liefern - und wird vermutlich auch in Zukunft dazu nicht in der Lage sein.

Dresden. Diskriminierung ist im Sport ein großes Problem. Zumindest lassen mehrere Spielabbrüche wegen rassistischer Vorfälle in den vergangenen Monaten in Sachsen dies vermuten. Genau sagen kann das ganz offiziell dennoch keiner. Denn: Im Freistaat gibt es schlicht keine ausreichende Datenlage. Das geht aus einer Anfrage von der sportpolitischen Sprecherin der Linken im sächsischen Landtag, Marika Tändler-Walenta, hervor. Die wollte unter anderem wissen, wie viele Vorgänge von Diskriminierung im Sport der Freistaat in der Vergangenheit dokumentierte. Um eine Entwicklung ablesen zu können, fragte sie nach den gesamten Zahlen seit 2009.

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Recherche zu aufwändig

Innenminister Roland Wöller (CDU) hielt in seiner Antwort fest, dass die Staatsregierung „eine statistische Erfassung im Sinne der Fragestellung“ nicht führt. Der Regierung sei nicht bekannt, wie viele Fälle im Breiten- und Profisport im letzten Jahrzehnt auftraten. Mehr noch: Der Minister macht deutlich, dass er auch künftig keine Zahlen wird liefern können. Das Polizeiliche Auskunftssystem Sachsen listet laut Wöller für den Zeitraum von 2009 bis 30. November 2021 6877 Straftaten im Zusammenhang mit „Sportanlagen, Stadien, Stadien und deren Umfeld“ auf. „Allein für das Jahr 2020 wurden 1008 Straftaten ausgewiesen.“

Um herauszufinden, wie viele davon im Zusammenhang mit Diskriminierung stehen, rechnet der Minister mit einem Zeitaufwand von mindestens 30 Minuten je Datensatz, was allein für das Jahr 2020 mehr als 504 Arbeitsstunden bedeuten würde. „Bei Zugrundelegung einer 40-Stunden-Woche wäre ein Sachbearbeiter mehr als zwölf Wochen mit dieser Tätigkeit befasst und stünde dann für Kernaufgaben des Polizeivollzugsdienstes nicht beziehungsweise nur sehr eingeschränkt zur Verfügung.“ Heißt im Klartext: Die nachträgliche Recherche ist zu aufwändig.

"Zusammenhalt durch Teilhabe"

Auch die Frage nach einem Zusammenhang von Vereinsstrukturen und deren Verbindung zur „extremen Rechten in Sachsen“ konnte der Innenminister nicht beantworten, denn es „liegen keine statistischen Angaben darüber vor, wie viele Menschen, die sich in sächsischen Sportvereinen engagieren, der extremen Rechten in Sachsen zugeordnet werden.“ Weiter verweist Wöller auf den Geheimschutz und die Arbeit des Verfassungsschutzes. Dieser wiederum hatte in seinem aktuellen Bericht von 2020 auf das angewachsene rechtsextreme Netzwerk vor allem in Fußballstadien verwiesen.

Auch wenn dem Freistaat die Daten fehlen, unterstützt er Kampagnen gegen die Diskriminierung im Sport. 65.000 Euro steuert Sachsen in diesem Jahr bei, damit der Landessportbund 20 Workshops in Kreis- und Stadtverbänden für ehrenamtliche Übungsleiterinnen und -leiter unter anderem zum Thema "Diskriminierung im Sport begegnen" anbieten kann. Dies geschieht im Rahmen des Bundesprogramms "Zusammenhalt durch Teilhabe". Um die Zahlen einordnen zu können: Aktuell sind im Landessportbund 656.189 Mitglieder in 4.436 Vereinen organisiert.