07. September 2020 / 12:32 Uhr

Kommentar zur Disqualifikation bei den US Open: Djokovic setzt sein sportliches Vermächtnis aufs Spiel

Kommentar zur Disqualifikation bei den US Open: Djokovic setzt sein sportliches Vermächtnis aufs Spiel

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Größer als der finanzielle Schaden und die vertane Chance auf den 18. Grand-Slam-Sieg ist der weiter voranschreitende Imageverlust von Novak Djokovic, meint <b>SPORT</b>BUZZER-Redakteuer Tim Lüddecke.
Größer als der finanzielle Schaden und die vertane Chance auf den 18. Grand-Slam-Sieg ist der weiter voranschreitende Imageverlust von Novak Djokovic, meint SPORTBUZZER-Redakteuer Tim Lüddecke. © dpa
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Egal, wie viele Titel Novak Djokovic am Ende seiner Karriere gewonnen haben wird: Mit Vorfällen wie der Disqualifikation bei den US Open in New York gefährdet der Weltranglistenerste seine sportliche Reputation, findet SPORTBUZZER-Redakteur Tim Lüddecke.

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Er will der beste Tennisspieler aller Zeiten werden, das hat Novak Djokovic selbst gesagt. Der Serbe plant, die meisten Grand Slams zu gewinnen und sich den Rekord für die meisten Wochen auf Platz eins der Weltrangliste zu sichern. Er wird das eines Tages vielleicht sogar schaffen, Djokovic besitzt alle sportlichen Anlagen dafür. Ob er dafür aber je dieselbe Bewunderung und Liebe erlangen würde, die anderen Sportsmännern, allen voran Roger Federer und Rafael Nadal, seit Jahren entgegengebracht wird, ist schon jetzt höchst fraglich.

Auf diese Art und Weise wird das jedenfalls nichts.

Drei Satzbälle hatte er bereits vergeben im ersten Satz der Achtelfinal-Partie bei den US Open gegen den Spanier Pablo Carreño Busta. Auch sein Aufschlagspiel lief nach einem Sturz auf die Schulter nicht so rund wie gewohnt. Novak Djokovic war frustriert. Jeder (Hobby-)Tennisspieler kennt diese Momente im Spiel. Anflüge der Wut, die schon so manchem Tennisschläger das Genick gebrochen haben. Momente, in denen es dennoch ganz sicher nicht passieren darf, dass der Ärger über eigene Fehler andere Menschen in Gefahr bringt. Mal ganz abgesehen davon, dass ein Profi, gar die aktuelle Nummer eins der Welt, sich diese Blöße ohnehin gar nicht geben sollte.

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Am Sonntagabend versagten Djokovic in New York jedoch die Nerven. Er pfefferte einen Tennisball unbeherrscht zur Seite, traf eine Linienrichterin dabei mitten ins Gesicht. Es war nicht der erste Aussetzer dieser Art. Bei den French Open im Jahr 2016 hatte er sogar seinen Schläger in Richtung Werbebande geschleudert, ein Linienrichter konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen. Diesmal kam der Weltranglistenerste jedoch nicht so glimpflich davon; damals wie auch jetzt hob er entschuldigend die Hand. Nun wurde er disqualifiziert, ist damit vom weiteren Verlauf der US Open ausgeschlossen. Sämtliche erspielten Weltranglistenpunkte werden ihm aberkannt, das bisher kassierte Preisgeld muss er zurückzahlen. Eine gerechte, wenn auch nicht wirklich empfindliche Strafe.

Noch größer als der finanzielle Schaden und die vertane Chance auf den 18. Grand-Slam-Sieg (Djokovic war Topfavorit), mit dem der 33-Jährige den Kontrahenten Federer (39 Jahre, 20 Titel) und Nadal (34 Jahre, 19 Titel) bedrohlich auf die Pelle gerückt wäre, ist allerdings der weiter voranschreitende Imageverlust des Serben. So setzt Djokovic sein sportliches Vermächtnis aufs Spiel. Egal, wie viele Titel er am Ende seiner Karriere gewonnen haben wird. Die Fehltritte häufen sich.

Verantwortung für Fehler zu übernehmen fällt Djokovic schwer

Schon im Sommer hatte Djokovic wegen der Organisation der in Südost-Europa und während der Corona-Pause ausgetragenen Adria-Tour viel Kritik für seinen rücksichtslosen Umgang mit dem Virus einstecken müssen, mit dem er sich dabei letztlich sogar selbst infizierte. Geläutert zeigt er sich bis heute nicht. Verantwortung übernehmen für eigene Fehler? Damit tut sich der "Djoker" schwer. Er glaube nicht, "irgendwas Böses" getan zu haben, betonte er, und dass er das Turnier jederzeit wieder ausrichten würde.

Auch am Sonntagabend diskutierte er mehrere Minuten mit den Offiziellen, versuchte einmal mehr, den Vorfall zu verharmlosen. "Sie muss dafür doch nicht ins Krankenhaus, und ihr wollt mich dafür rauswerfen?", debattierte er und plädierte stattdessen für einen Punkt- oder Satzverlust. Ein eigentlich unglaublicher Vorgang. Dass Djokovic in der Nacht zu Montag nach der sausen gelassenen Pressekonferenz dann doch noch neben einer Entschuldigung via Instagram (Größe beweisen ist etwas anderes) verlauten ließ, die Disqualifikation sogar als "Lektion" verbuchen zu wollen, fällt da leider wirklich schwer zu glauben.