14. Februar 2019 / 17:17 Uhr

Doll-Entdecker Engel: Jugend-Fußball beschäftigt sich "viel zu sehr mit Spielsystemen"

Doll-Entdecker Engel: Jugend-Fußball beschäftigt sich "viel zu sehr mit Spielsystemen"

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Arbeiteten beim DFB zusammen: Talente-Trainer Frank Engel (rechts) und der damalige Sportdirektor Matthias Sammer, der in der DDR-Jugend Engels Spieler war.
Arbeiteten beim DFB zusammen: Talente-Trainer Frank Engel (rechts) und der damalige Sportdirektor Matthias Sammer, der in der DDR-Jugend Engels Spieler war. © imago sportfotodienst
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Frank Engel (68) hat „von der E-Jugend bis zur Nationalmannschaft alles trainiert“. Beim DFB war er bis 2016 Sportlicher Leiter Nachwuchsförderung, seine Trainerkarriere begann zu DDR-Zeiten als Nachwuchs-Auswahltrainer. In 271 Länderspielen stand der Leipziger für die DDR und die Bundesrepublik an der Linie. Er arbeitete stets mit den besten Talenten des Landes zusammen. Dazu zählte auch der heutige Trainer von Hannover 96, Thomas Doll, den Engel entdeckte. Unser Sport leidet unter der Bewegungsarmut in Deutschland, sagt Engel. Und: Wir beschäftigen uns in den unteren Fußball-Jahrgängen „viel zu sehr mit Spielsystemen“.

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Herr Engel, wie würden Sie die Nachwuchsarbeit in der ehemaligen DDR charakterisieren?

Man kann das mit dem der Bundesrepublik ja nicht ganz vergleichen. Wir hatten in der DDR ein knallhartes zentralistisches System im Leistungssport. Ich finde, das war im Leistungssport auch ganz gut. Ich denke, wir haben es sehr gut verstanden, altersgerecht zu trainieren. Es ging nicht unbedingt um den mannschaftlichen Erfolg, sondern um die Entwicklung der Spieler. Wir hatten in sehr hohem Maße die Individualisierung auf dem Plan. Es wurde individuell auf den Spieler eingegangen, um seine Stärken auszubauen und an seinen Schwächen zu arbeiten.

Sie gelten ja nicht nur als Förderer von Stars wie Thomas Doll, Andreas Thom, Olaf Marschall, Ulf Kirsten, Dariusz Wosz, sondern später beispielsweise auch von Mesut Özil …

"Oder wenn ich auch an Lars Stindl denke. Da muss man als Trainer dankbar sein, mit solchen Jungs arbeiten zu dürfen."

Meine erste Mannschaft die ich beim DFB übernommen habe, war die damalige U18. Da hatten wir natürlich ein riesengroßes Angebot. Ich habe Mesut Özil und Benedikt Höwedes das erste Mal gesehen in Gelsenkirchen, da war ich mir mit Schalkes Nachwuchscoach Norbert Elgert einig, dass man die Jungs zum Lehrgang einladen sollte. Und insbesondere Mesut hat sich ja zu einem Top-Spieler entwickelt. Ich habe noch ein paar andere ausgegraben: Max Kruse zum Beispiel. Oder Nils Petersen. Das waren alles gute Jungs in dem Jahrgang. Oder wenn ich auch an einen Spieler wie Lars Stindl denke, der damals noch nicht ganz so weit war. Er hat sich über die U20 zum Stammspieler entwickelt. Da muss man als Trainer dankbar sein, mit solchen Jungs arbeiten zu dürfen.

Ihr Ex-Nachwuchsspieler Matthias Sammer hat jüngst die Nachwuchsarbeit beim DFB kritisiert. Unter anderem hat er über die neue, 150 Millionen Euro teure DFB-Akademie, die 2021 in Frankfurt fertiggestellt sein gesagt: „Du kannst eine wunderbare Akademie mit den falschen Schwerpunkten bauen, dann bringt das gar nichts.“ Was meint er damit – und hat er recht?

"Die Reserve des deutschen Fußballs liegt unterhalb der U15."

Von Matthias wissen wir, dass er immer ein bisschen aufrüttelt und wachrüttelt. Ich habe immer gerne mit ihm zusammengearbeitet. Er war früher mein Spieler und dann beim DFB als Sportdirektor mein Chef. Es ist ja auch alles gar nicht so neu, ich sage auch schon seit vielen Jahren: Die Reserve des deutschen Fußballs liegt unterhalb der U15. Und damit meine ich, dass wir im Bereich der Basics viel besser und konzentrierter ausbilden müssen. Wir beschäftigen uns in den unteren Jahrgängen viel zu sehr mit Spielsystemen, das ist doch zweitrangig.

Und was ist erstrangig?

Die Spieler müssen die Basics beherrschen, einen sauberen ersten Kontakt haben, dibbeln können, ein gutes Passspiel und Kopfballspiel haben. Sie müssen ein 1:1-Verhältnis auflösen können. Das sind die Schwerpunkte. Wenn das verpasst wird ist es später nicht mehr aufzuholen. Es sollte nicht vorrangig um Titel gehen, sondern um die altersgerechte Ausbildung der Spieler. Ich sage immer: Geben Sie mir 20 hervorragend ausgebildete Spieler, mit denen spiele ich innerhalb kurzer Zeit jedes System, ob Dreierkette, Fünferkette oder Viererkette – meinetwegen auch Perlenkette. Aber wenn die den Ball drei Meter weit springen lassen, dann ist es eben schwierig. Ich glaube, in diesem Bereich haben wir eine Reserve. Das betrifft aber nicht nur den DFB, sondern das fängt in den Vereinen an.

"Wir müssen jeden Spieler aufs Leben, auf seine Zukunft vorbereiten."

Dortmund Jugendchef Lars Ricken hat neulich auch Kritik am Zustand des deutschen Nachwuchses geübt. Als einen Grund dafür, dass „unsere Spieler in ihrer Entwicklung im internationalen Vergleich ein bis zwei Jahre hinterherhinken“, hat Ricken die völlig unterschiedlichen Schulsysteme ausgemacht. Ist das so?

Es ist schon mal eine große Errungenschaft, dass wir Eliteschulen des Fußballs haben. Und uns an dieser dualen Karriere orientieren. Denn wir haben nicht nur die Verantwortung für die wenigen Spieler, die den Sprung ganz nach oben schaffen, sondern Verantwortung für jeden Spieler. Wir müssen jeden Spieler aufs Leben, auf seine Zukunft vorbereiten. Wo es sicherlich Probleme gibt, das hängt auch mit dem deutschen Schulsystem zusammen: dass wir zum Teil nicht die Möglichkeiten haben, wie es sie früher an den Kinder- und Jugendsportschulen in der DDR gab. Diese hatten mehr den Status von „Sonderschulen“, hatten einen größeren Freiraum in der Gestaltung der Tagesablaufs und Zeiträume für das Training. Aber das kann nicht die einzige Ursache sein.

Sondern?

Es geht in erster Linie auch um inhaltliche Dinge, um die individuelle Begleitung der Spieler. Und vor allem müssen die jungen Spieler im Alter von 19 bis 21 Jahren auch genügend Wettkampfeinsätze haben. Ohne Spieleinsätze ist es sehr schwer, sich zielstrebig zu entwickeln. In dieser Hinsicht hat mir vor allem auch die Abschaffung von zahlreichen U23-Mannschaften weh getan.

"Wir haben eine Bewegungsarmut in Deutschland, das betrifft auch die Einordnung des Schulsports."

Wie wird Deutschland wieder Weltmeister?

Nach wie vor ist Deutschland eines der führenden Fußballländer – und das werden wir auch bleiben. Ich bin davon überzeugt, dass wir auch wieder oben anklingeln werden. Allerdings, jetzt als Rentner kann ich das ja auch noch ein bisschen mehr beobachten: Wir haben eine Bewegungsarmut in Deutschland, das betrifft auch die Einordnung des Schulsports. Da muss einfach wieder mehr Bewegung rein.

Ist das unser einziges Problem?

Straßenfußball und solche Dinge sind ja weg – und dann ist es an mancher Stelle sicher auf ein gesellschaftliches Phänomen. Es geht uns im Schnitt ja sehr sehr gut – und wenn ich in den Leistungssport rein will, muss ich das mit Herz und Haaren machen. Manchmal ist vielleicht diese Bequemlichkeit da, dass man sagt: Wenn es weh tut, höre ich lieber auf.