25. September 2019 / 18:00 Uhr

Doping-Experte Hajo Seppelt über die Leichtathletik-WM in Doha, das Oregon-Projekt und seine Arbeit

Doping-Experte Hajo Seppelt über die Leichtathletik-WM in Doha, das Oregon-Projekt und seine Arbeit

Jan Jüttner
Hajo Seppelt wirft im Interview mit dem SPORTBUZZER einen kritischen Blick auf die Welt der Leichtathletik und die Probleme des Sports mit dem Doping. 
Hajo Seppelt wirft im Interview mit dem SPORTBUZZER einen kritischen Blick auf die Welt der Leichtathletik und die Probleme des Sports mit dem Doping.  © imago images / Montage
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Durch die Arbeit von Hajo Seppelt wurden schon viele Doping-Skandale in der Sportszene aufgeklärt. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der Journalist über neue Formen des Dopings, den Skandal um Russland und was ihn antreibt.

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Seit über 20 Jahren recherchiert Hajo Seppelt für die ARD im Dopingmilieu. Durch seine Arbeit wurden etliche Skandale aufgedeckt, darunter das staatlich durchgeführte Doping russischer Sportler. In Zusammenarbeit mit Wigbert Löer hat er das Buch „Feinde des Sports“ geschrieben. Im Interview mit dem SPORTBUZZER spricht er über seine riskante Arbeit, die Leichtathletik-WM in Doha und was ihn antreibt.

Herr Seppelt, mit wie vielen Dopingfällen rechnen Sie bei der WM?

Tendenziell wenige. Dopen werden sich bei solchen Großereignissen eher nur die Dummen. Doping während des Wettkampfes ist angesichts der vergleichsweise engmaschigen Kontrollen bei einem Großereignis riskant. Es ist in fast allen ausdauernden und kraftintensiven Sportarten ja auch vor allem dann sinnvoll, wenn es in der Trainingsphase gemacht wird, zeitlich weit entfernt vom Wettkampf. In vielen Gegenden der Welt können Betrüger allerdings darauf bauen, dass das Kontrollsystem lückenhaft ist. Von Chancengleichheit kann keine Rede sein.

"Die Grauzone ist riesengroß"

Welche Rolle spielen Dopingeffekte bei der WM in Doha?

Wenn Sportler sich Wochen, Monate oder Jahre vorher dopen, hat das natürlich einen entscheidenden Effekt auf die Leistung bei der WM. Auch wenn dann vor Ort weniger Sportler erwischt werden sollten, ist dies also noch lange kein Beleg dafür, dass eine WM sauber ist. Nehmen wir die WM 2011 in Südkorea: Eine Studie des Weltleichtathletikverbandes und der WADA (World Anti-Doping Agency, Anm. d. R.) ergab, dass in einer anonymen Befragung 29 Prozent der Athleten zugegeben haben, im Jahr zuvor Dopingmethoden angewandt zu haben. Die bei Tests ermittelte Quote der Auffälligen liegt im Sport aber unter einem Prozent. Die Grauzone des Betrugs ist demnach also riesengroß.

Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM in Doha

Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM: Unter anderen Christina Schwanitz, Konstanze Klostermann und Malaika Mihambo holten Edelmetall. Zur Galerie
Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM: Unter anderen Christina Schwanitz, Konstanze Klostermann und Malaika Mihambo holten Edelmetall. ©
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Russland hat möglicherweise manipulierte Dokumente an die WADA gegeben. Wie beurteilen Sie die Reaktion der WADA, die Russland eine dreiwöchige Frist gesetzt hat?

Man muss den Russen die Gelegenheit zur Stellungnahme geben. Ich weiß nicht, zu welchem Zeitpunkt die Unregelmäßigkeiten aufgetreten sind. Laut der neuesten WADA-Meldung besteht jedenfalls ein hoher Verdacht der Manipulation. Sollte sich dies bestätigen, können die schärfsten Strafen ausgesprochen werden. Das ginge dann bis hin zur Empfehlung, ein Land auszuschließen, auch von den Olympischen Spielen. Ich gehe aber nicht davon aus, weil Thomas Bach (IOC-Präsident, Anm. d. R.) sich in der Vergangenheit immer wieder russlandfreundlich gezeigt hat. Er hat ja bereits deutlich gemacht, dass Russland seiner Ansicht nach durch die Sanktionen bei Winter-Olympia 2018 in Pyeongchang genug bestraft wurde. Wenn sich der Verdacht gegen Russland bewahrheiten sollte, kann von einem Mentalitätswechsel keine Rede sein.

Welche neuen Formen von Doping gibt es?

Es gibt immer wieder neue Medikamente, die noch gar nicht klinisch getestet sind oder für die es überhaupt noch keine Nachweismethode gibt. Die gelangen auf dubiosen wegen ins Dopingmilieu. Dann steht auch der Verdacht des Gendopings im Raum. Gesicherte Erkenntnisse, inwieweit dieses bereits verbreitet ist, haben wir aber nicht.

Wie beurteilen Sie das Oregon-Projekt um die deutsche Medaillenhoffnung Konstanze Klosterhalfen?

Wenn Frau Klosterhalfen der Auffassung ist, dass die Trainingsbedingungen in Oregon für sie besser sind, muss man es akzeptieren. Es gibt im Moment keinen Beleg dafür, dass es bei ihrer Leistungssteigerung nicht mit rechten Dingen zugeht. Man kann sich aber fragen, warum Deutschland es eigentlich nicht schafft, ihr ähnlich professionelle Bedingungen zu bieten. Unabhängig von Klosterhalfen ist es aber völlig gerechtfertigt, nach all den Indizien der letzten Jahre massive Zweifel an Trainer Alberto Salazar zu äußern.

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Wie sehen Sie die Entwicklung im Kampf gegen Doping?

Durch die kritische Berichterstattung der letzten Jahre hat sich das Bild des Sports in der Öffentlichkeit partiell gewandelt. Die Aufmerksamkeit ist größer geworden, die Wahrnehmung der Schattenseiten des Spitzensports eine andere. Dabei war etwa in den 70er bis 90er Jahren das Dopingproblem noch größer als heute. Aber kaum jemand recherchierte oder ermittelte. Damals, in der vermeintlich heilen Welt des Sports, war auch der Sportjournalismus deutlich unkritischer. Nun wird genauer hingeschaut, und es gibt Anti-Dopinggesetze in mehreren Ländern.

"Ich glaube, ich bin immer noch Persona non grata"

Unter Sportfunktionären sind Sie alles andere als beliebt. Haben Sie schon Drohungen erhalten?

Das passiert immer wieder, wir treten den Leuten ja auch auf den Schlips. Man sieht uns manchmal als Nestbeschmutzer an. In Russland gelte ich für manche quasi als Staatsfeind, da gab es auch schon Drohungen. Im Internet wurde mal eine Adresse von mir veröffentlicht, es hieß, da könne man mir ja mal einen Besuch abstatten. Das fand ich dann nicht mehr so amüsant. Russland wollte mich zunächst auch nicht zur Fußball-WM 2018 einreisen lassen, und das Einreiseverbot galt wieder nach der WM. Dass wir manchmal mit unserer Berichterstattung einen Nerv treffen, spüren wir. Wir hinterfragen eben Geschäftsmodelle des Spitzensports, das gefällt nicht jedem. Ob ich heute in Russland einreisen dürfte, weiß ich gar nicht genau. Ich glaube, ich bin immer noch Persona non grata dort.

Was treibt Sie an?

Ich habe mir das Risiko nicht gesucht, aber es gehört in gewissem Maße zum Job. Dass wir auf Widerstände und Gegenwehr treffen, ist allerdings keine Überraschung. Wenn ich von Missständen mitbekomme, kann ich davor nicht die Augen verschließen. Dann ist es meine Aufgabe zu recherchieren. Der Sport hat Regeln, ohne die er nicht funktionieren kann. Und wir berichten über die Regelbrecher. Ich habe im Sport viele Ungerechtigkeiten und Heucheleien erlebt. Mir ist aber auch klar, dass nicht jeder Kollege das so wie ich sieht.

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Im katarischen Nationalstadion Khalifa International messen sich bei der Leichtathletik-WM die besten Athleten der Welt. Das sind die Favoriten:  Zur Galerie
Im katarischen Nationalstadion Khalifa International messen sich bei der Leichtathletik-WM die besten Athleten der Welt. Das sind die Favoriten:  ©

Woran könnte dies liegen?

Es gibt immer Kollegen, die eine große Nähe zu ihrem Verein oder ihren Sportlern haben. Diese Nähe, die man angeblich braucht, bringt nach meiner Wahrnehmung aber oft gar keine wesentlichen Informationen. Manche Journalisten verstehen sich zudem mehr als Partner des Sports. Damit kann ich nicht viel anfangen. Gefährlich wird es vor allem dann, wenn Journalisten aufgrund von zu viel Nähe zum Berichterstattungsgegenstand nicht mehr genau hinschauen oder gar Erkenntnisse verschweigen. Alles leider schon passiert. 

Welches war Ihre spannendste Recherche?

Die spannendste Phase war sicherlich die Zeit mit dem russischen Whistleblower-Ehepaar Julia und Witali Stepanova. Sie war Läuferin, er hatte in Russlands Anti-Doping-Agentur gearbeitet. Die beiden haben wesentlich dazu beigetragen, dass die ARD-Dopingredaktion den russischen Dopingskandal enthüllen konnte. Die Vorbereitung der ersten großen Recherche war aufregend. Ich stehe heute noch in Kontakt mit den beiden, sie leben an einem unbekannten Ort in den USA.

"Doping erhöht zunächst die Leistung der Athleten - also auch die Attraktivität des Wettbewerbs"

Kann es Sport ohne Doping überhaupt geben?

Ich stelle mal eine Gegenfrage: Wird es jemals eine Gesellschaft ohne Mord, Raub oder Betrug geben? Nein, wird es nicht. Ich habe den Eindruck, dass es so manchen Funktionären nie darum ging, Doping wirklich zu bekämpfen. Ihnen war wichtig, das Thema aus der öffentlichen Diskussion rauszuhalten. Ich habe es so erlebt: Aus ihrer Sicht schädigt nicht Doping selbst das Geschäft, sondern die Diskussion darüber. Wo sie Recht haben: Doping erhöht zunächst die Leistung der Athleten - also auch die Attraktivität des Wettbewerbs.

Und die lässt sich gut vermarkten.

Wenn Doping unentdeckt bleibt, niemand etwas weiß vom Betrug, ja: Dann profitieren die Athleten, die Manager, die Sponsoren und die Verbände. Wenn es aufgedeckt wird, ist es genau andersrum: alle verlieren. Die Verbände können nach dieser kommerziellen Logik eigentlich gar kein großes Interesse daran haben, das Dopingproblem wirklich ernsthaft anzugehen. Dazu kommt: Je mehr Dopingfälle ein Sportverband hat, desto mehr entsteht der geschäftsschädigende Eindruck, dass der Sport dopingverseucht ist. Der Verband - mag er noch so konsequent Betrüger aus dem Verkehr ziehen wollen - steckt quasi in einer Dopingfalle. Das gesamte System hat ein Problem, grundlegend, in seiner Struktur. Deswegen muss der Sport von außen kontrolliert werden. Eine andere Lösung sehe ich nicht.

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