23. Juli 2020 / 05:30 Uhr

DOSB-Boss Alfons Hörmann über Olympia-Szenarien, Spiele ohne Fans und Corona-Schäden im Sport

DOSB-Boss Alfons Hörmann über Olympia-Szenarien, Spiele ohne Fans und Corona-Schäden im Sport

Sebastian Harfst
RedaktionsNetzwerk Deutschland
DOSB-Präsident Alfons Hörmann äußert sich im <b>SPORT</b>BUZZER-Interview über die Olympischen Spiele in Tokio. 
DOSB-Präsident Alfons Hörmann äußert sich im SPORTBUZZER-Interview über die Olympischen Spiele in Tokio.  © imago images/Camera4/Getty
Anzeige

Die Coronavirus-Pandemie hat den Sport weltweit in eine Krise gestürzt. Die Verluste gehen in die Millionen - auch in Deutschland. Im Interview spricht Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) über die Austragung der Olympischen Spiele im kommenden Jahr, die Schäden für den Sport und einen offenen Dialog mit den Athleten.

Anzeige
Anzeige

SPORTBUZZER: Herr Hörmann, für wie realistisch halten Sie die Austragung der Spiele im nächsten Jahr?

Alfons Hörmann (59): Wir hoffen sehr, dass es klappen kann – wohlwissend, dass ein erhebliches Restrisiko besteht, je nachdem wie sich die Pandemie entwickelt. Aber alle unsere Planungen und Vorbereitungen gehen von der Umsetzung im Jahr 2021 aus. Wir drücken dem IOC und den japanischen Ausrichtern die Daumen. Verantwortungsvolles Management bedeutet aber natürlich auch, dass man sich mit alternativen Szenarien beschäftigt.

Was wären Alternativszenarien?

In letzter Konsequenz bedeutet das wohl den Verzicht auf die Olympischen und Paralympischen Spiele. Japan und das IOC haben mehrfach deutlich formuliert, dass eine Verschiebung nur um dieses eine Jahr möglich ist. Das wäre die Höchststrafe für die Athletinnen und Athleten.

Mehr vom SPORTBUZZER

Für wie realistisch halten Sie es, dass Zuschauer dabei sein werden?

Das lässt sich derzeit schlichtweg nicht beantworten. Die zentrale Frage für die Weltgemeinschaft wird sein, ob zeitnah ein Impfstoff wirkungsvoll zum Einsatz kommen kann. Davon wird dann entscheidend abhängen, wann internationaler Wettkampfsport wieder im mehr oder weniger normalen Zustand umgesetzt werden kann. Das gilt für Tokio wie für den Rest der Sportwelt.

"In Japan wird alles für eine erfolgreiche Ausrichtung getan"

Halten Sie die Japaner für die schwierige Aufgabe einer Verschiebung für gerüstet?

Sie haben in den letzten Monaten bewiesen, dass sie mit der Aufgabe zielorientiert und professionell umgehen. Dass es eine Herkulesaufgabe ist, solche Spiele zu verschieben, war in dieser Dimension vielleicht vorher nicht allen bewusst. Zwischenzeitlich haben aber wohl viele erkannt, warum Japan und das IOC sich so schwer mit der Entscheidung für eine Verschiebung getan haben. Es ist ein sehr komplexes Projekt, denn mehr als 30 Weltmeisterschaften werden damit sozusagen mit einem Federstrich von einem Jahr ins andere verlegt. Jeder, der schon mal in einem weit kleineren Organisationskomitee tätig war, kann nachvollziehen, welch vielschichtige Zwänge dadurch entstehen. In Japan wird alles für eine erfolgreiche Ausrichtung getan, dabei ist auch der nationale Stolz erkennbar. Doch am Ende wird die Weltgemeinschaft entscheiden, ob die Spiele stattfinden können oder nicht. Wenn beispielsweise zahlreiche Länder ihren Athletinnen und Athleten verbieten, zu den Spielen zu reisen, oder Japan Menschen aus verschiedenen Nationen die Einreise verbieten müsste, werden die Spiele nicht stattfinden können.

Wann muss eine endgültige Entscheidung fallen?

Es gibt nicht den einen Tag mit der berühmten Deadline. Die Entscheidung über die Verschiebung ins nächste Jahr fiel im März 2020. Wenn man logischerweise ein Jahr weiterdenkt, wird wohl bis spätestens Ende des ersten Quartals 2021 Klarheit zu schaffen sein. Ein Nationales Olympisches Komitee wie der DOSB muss, um alles professionell organisieren zu können, mindestens etwa vier bis fünf Monate Vorlaufzeit bis zum Beginn der Spiele erhalten. Dass jeder Monat Klarheit früher insbesondere den Athletinnen und Athleten helfen würde, ist sonnenklar.

Von Deutschland in die Welt: Sportler als Botschafter

Deutsche Sportstars wie Bastian Schweinsteiger, Boris Becker oder Franz Beckenbauer haben es zu Weltruhm gebracht. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeichnet den Verlauf ihrer Karrieren nach. Zur Galerie
Deutsche Sportstars wie Bastian Schweinsteiger, Boris Becker oder Franz Beckenbauer haben es zu Weltruhm gebracht. Der SPORTBUZZER zeichnet den Verlauf ihrer Karrieren nach. ©

Sie wollen die Athleten bei der Entscheidung involvieren. Wie soll das gehen?

Wir setzen auf offenen Dialog. Zu gegebener Zeit werden wir wieder Athletenforen einberufen. Das kann Ende dieses Jahres oder aber auch Anfang nächsten Jahres sinnvoll sein. Mit den Athletenvertretungen sind wir natürlich in permanentem Austausch. Doch für so eine Entscheidung ist es angebracht, alle Athleten einzubeziehen. Am Ende werden die Spiele schließlich für sie veranstaltet!

Schäden für den deutschen Sport gehen "bis in den Milliardenbereich"

Können Sie absehen, wie groß der Schaden für den deutschen Sport durch die Pandemie ist?

Insgesamt zeigen die Erhebungen von der Vereinsebene bis in den Spitzensport, dass es bis in den Milliardenbereich geht. Jede Woche, jeden Monat kommen im Moment neue Schäden dazu. Der Dominoeffekt, indem durch wirtschaftliche Probleme an einer Stelle andere mit davon betroffen sind, wird wohl erst 2021 deutlicher erkennbar werden. Von verschiedenen Seiten hören wir: Den Sommer und vielleicht den Herbst überstehen wir noch. Aber über den Winter kommen wir nicht mehr ohne Wettkampfbetrieb. Durch die Hilfsprogramme der Länder wird es hoffentlich gelingen, die 90.000 Vereine als Basis weitgehend stabil zu halten. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie sich die Zahl der Mitgliedschaften entwickelt. Wir gehen von nicht unerheblichen Rückgängen aus, da es in der aktuellen Situation schwierig ist, den Mitgliederbestand konstant zu halten. Was das für Mannschaftssportarten oder auch das ehrenamtliche Engagement bedeuten kann, ist heute noch nicht zu beantworten.

Die Basis hat zu kämpfen, da spricht der internationale Sportgerichtshofs CAS den von Investoren finanzierten Klub Manchester City vom Vorwurf der Verletzung des Financial Fairplay frei. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Nach allem, was mir an Informationen vorliegt, ist das ein Schlag ins Gesicht für all diejenigen, die um die Fairness im Sport kämpfen. Das ist nicht das, was ich als Idealbild für die Zukunft des Sports sehe. Das ist ein gekaufter Sport. Solch eine Entwicklung, die jetzt leider sogar von Gerichtsseite bestätigt wurden, findet keine Akzeptanz in der Gesellschaft.