24. April 2021 / 08:00 Uhr

DOSB-Boss Alfons Hörmann über die Corona-Folgen für den Sport und Olympia in Tokio

DOSB-Boss Alfons Hörmann über die Corona-Folgen für den Sport und Olympia in Tokio

Sebastian Harfst
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Alfons Hörmann spricht im SPORTBUZZER-Interview über die Folgen von Corona für den Breitensport.
Alfons Hörmann spricht im SPORTBUZZER-Interview über die Folgen von Corona für den Breitensport. © dpa
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Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, spricht im Interview mit dem SPORTBUZZER über die Corona-Folgen für den deutschen Breitensport und vor allem für Nachwuchsathleten.

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Die mittlerweile seit über einem Jahr andauernde Corona-Pandemie setzt nicht nur dem deutschen Spitzensport zu – auch im Breitensport geht die Krise zunehmend an die Substanz. Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes DOSB ist auch im zweiten Jahr der Pandemie als Krisenmanager gefragt. Im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), äußert sich der 60-Jährige über die Auswirkungen des Infektionsschutzgesetzes mit der umstrittenen Bundesnotbremse, die langfristigen Corona-Folgen für den Sport und die Olympischen Spiele im Sommer in Tokio.

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SPORTBUZZER: Herr Hörmann, der Landessportbund Sachsen sprach im Zusammenhang mit dem Infektionsschutzgesetz von einer Bankrotterklärung für den Breitensport. Wie sehen Sie das?

Alfons Hörmann (60): Natürlich besteht jetzt die Gefahr, dass nochmals Verschlechterungen entstehen. Entscheidend ist jedoch, was vor Ort in den Kommunen passiert, wie die Beschlüsse praktisch angewendet und umgesetzt werden. Nach zwölf Monaten Pandemie stellen wir fest, dass an vielen politischen Stellen eine wichtige Sport- und Gesundheitsorientierung durchaus erkennbar ist. Insgesamt aber wird die Geduld unserer Mitglieder erneut auf eine harte Probe gestellt.

DOSB-Präsident Hörmann: Rückkehr zum Breitensport bedarf "nationaler Kraftanstrengung"

Je nach Pandemielage in einer Region können manche Sportler trainieren, andere nicht. Was bedeutet das für die Wettkampfgerechtigkeit?

Die absolute Gerechtigkeit gibt es in einer solchen Krisensituation nicht. Das kann dazu führen, dass eine Mannschaft mehr oder besser trainieren kann als andere. Mit manchen Kompromissen müssen und können wir leben, vor allem dann, wenn diese zu einem gewissen Maß an zusätzlicher Bewegungsfreiheit führen.

Wie lange halten die Vereine noch durch?

Aktuell gehen wir davon aus, dass der Mitgliederrückgang bezogen auf 28 Millionen Mitglieder bei einer Million plus x zum Jahresende 2020 liegen dürfte. Das Ganze verteilt sich jedoch sehr ungleich. Zum einen fallen überwiegend Kinder und Jugendliche weg, was uns im Hinblick auf die Zukunft sehr wehtut. Zum zweiten sind wohl die mittleren und großen Vereine mit zahlreichen hauptamtlichen Mitarbeitern die Hauptbetroffenen. Dort gibt es enorme Existenzängste. Wenn Hilfsprogramme zum Ausgleich nicht zeitnah greifen, kann es da noch zu erheblichen Verwerfungen kommen. In den kleineren Vereinen zeigt sich der Schaden weniger durch ein finanzielles Minus, sondern dergestalt – und das macht uns genauso viel Sorge –, dass sportlich und auf sozialer Ebene an vielen Stellen weit weniger oder gar nichts mehr stattfindet.

"Viele Kinder und Jugendliche finden den Zugang zum Sport nicht mehr"

Laut diversen Studien ist die Ansteckungsgefahr an der frischen Luft gering. Warum hat es der Breitensport trotzdem so schwer?

Mit den aktuellen Studien wird eindrucksvoll belegt, dass der Sport ein wertvoller Bestandteil der Lösung des Pandemieproblems sein kann. Für die Politik ist es jedoch sehr schwer – und das haben wir zu akzeptieren – differenziert darauf zu reagieren, wo Kontakte besonders schädlich sind und wo weniger. Wir sind jedoch nachweislich in der Lage, Kontakte zu minimieren. Auch Sport in gut belüfteten Hallen mit einer kleinen Personenzahl ist deshalb gut zu verantworten. Der Sport hat bewiesen, dass er an vielen Stellen sehr sicher umzusetzen ist. Aus dem Bereich des internationalen Spitzensports gab es zwar einige wenige Superspreaderevents. Wenn man dort aber hinter die Kulissen blickt, ist vieles von dem, was wir in Deutschland an Hygieneregeln haben, nicht korrekt umgesetzt worden: von zu vielen Menschen auf zu engem Raum in schlecht belüfteten Hallen, über einen lockeren Umgang mit den Hygieneregeln bis hin zu klaren organisatorischen Fehlern, weil die Menschen bei der Testung oder im Aufzug im Hotel viel zu eng aufeinandergepfercht waren.

Breitensport ist die Basis für olympische Medaillen. Verlieren wir gerade eine Generation zukünftiger Medaillengewinner?

Wir stellen fest, dass viele Kinder und Jugendliche den Zugang zum Sport seit einem Jahr nicht mehr finden. Kommen sie nach der Pandemie zurück? Beantworten kann dies momentan niemand. Selbst wenn es klappt, diese Generation zurückzuholen, ist es nicht so leicht, die verlorene Zeit aufzuholen. Ein oder zwei wettkampf- und trainingsfreie Jahre können nicht einfach ausgeglichen werden. Das macht uns massiv Sorge. Auch, dass in vielen Sportarten die Nachwuchsserien weitgehend oder vollständig zum Erliegen gekommen sind. Da stellt sich im leistungssportlichen Sinne die grundsätzliche Frage, welche langfristigen Folgen daraus für das gesamte System resultieren.

"Olympische Perspektive ist Dreh- und Angelpunkt der Karriere"

Wie wichtig ist es dann, dass die Olympischen Spiele in Tokio ausgetragen werden?

Für Kinder und Jugendliche sind die Vorbilder auf der olympischen Bühne sehr häufig der Grund, sich für eine Sportart zu entscheiden. Für die Athleten wiederum ist die olympische Perspektive der große und oftmals einmalige Dreh- und Angelpunkt in ihrer Karriere. Wenn die Spiele nicht stattfinden, bedeutet das drei weitere Jahre ohne diesen ganz besonderen Höhepunkt. Und für viele ist das Warten auf die nächsten Spiele nicht einmal mehr eine Perspektive, weil sie die Chance auf eine Olympiateilnahme nur einmal in ihrem langen Sportlerleben haben. Insbesondere für diejenigen wäre eine Absage der Rückschlag schlechthin. Deshalb sind die meisten unseren Umfragen zufolge auch bereit, einen hohen Preis durch besondere Vorgaben und vielschichtigen Verzicht zu zahlen, damit die Spiele definitiv umgesetzt werden können. Das zeigt, mit welch großer Fokussierung die Athletinnen und Athleten auf das einzigartige Ziel Olympia hinarbeiten.