17. Juli 2021 / 22:01 Uhr

Kosten von sieben Millionen Euro: DOSB-Cheflogistiker erklärt Olympia-Planung für Tokio

Kosten von sieben Millionen Euro: DOSB-Cheflogistiker erklärt Olympia-Planung für Tokio

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
Die Olympischen Spiele in Tokio sind für den DOSB eine logistische Mammutaufgabe.
Die Olympischen Spiele in Tokio sind für den DOSB eine logistische Mammutaufgabe. © IMAGO/Eibner (Montage)
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Ruderboote, Medikamente, Lebensmittel, Pferde: Der Transport zu den Olympischen Spielen nach Tokio stellt das Team Deutschland vor eine logistische Mammutaufgabe. Zu den Sonderwünschen der Athleten gehört unter anderem Timo Bolls Kaffeemaschine.

Ruderboote, Kanus, Medikamente, Büromaterial, Lebensmittel, Kleidung, sogar Fernsehgeräte und Mountainbikes – alles muss mit nach Tokio. "Auch die Kaffeemaschine von Timo Boll. Die Tischtennisjungs hatten sie schon in Rio dabei", erzählt Christoph Bilke schmunzelnd. Der Thüringer ist gemeinsam mit Jakob Krones beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) der Cheflogistiker für die Tokio-Spiele. Games-Services – das ist ihr offizieller Job, der die Betreuung vor Ort vom Transport bis zur Verteilung einschließt. Zehn Seefahrtcontainer und 50 Tonnen Luftfracht werden es am Ende sein. Vieles ist schon da, einiges noch unterwegs. Der letzte Flug geht am Tag der Eröffnungsfeier. "Da wird hauptsächlich Tauschkleidung drin sein", erzählt Bilke, "falls Einzelteile nicht optimal passen sollten." Und das werden sie nicht. Das sagt ihm die Erfahrung von vier Olympischen Spielen. Es ist eine logistische Mammutaufgabe. Schriftkram inklusive. Wert, Größe, Gewicht, Verwendungszweck – die Japaner wollen alles ganz genau wissen. Erst recht in Corona-Zeiten.

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Eine Herausforderung – auch für den Logistikpartner von Team Deutschland. "Die Logistik hinter den Spielen ist komplex", sagt Sören Hell, der seit sieben Jahren bei DB Schenker, dem vom DOSB beauftragten Unternehmen, dafür zuständig ist. Im Umschlagzentrum Frankfurt-Fechenheim wurde allein für die Einkleidung des rund 750-köpfigen deutschen Teams eine Lagerhalle vorgehalten. 500 Paletten voll gepackt mit Sportbekleidung, Shirts, Shorts und auffälligen Regencapes. Rund 70 Teile pro Athlet. Bis zu 20 Volunteers packten sie aus und in je 1100 Koffer, Rucksäcke und Reisetaschen wieder ein. "Die Athleten können nicht alles im Flieger mitnehmen", erklärt Bilke.

Der DOSB braucht noch viel mehr für seine Unterkünfte im olympischen Dorf. 50 Fernseher, 20 Mountainbikes, ein Laufband, dazu Büromaterial, Kaffee, Kaffeemaschinen, Werkzeug, IT-Material, Luftfilter, Sackkarren – alles ist schon da. Auch der 40-Fuß-Container Lebensmittel, randvoll mit 4000 Tüten Studentenfutter und Chips, dazu 9000 Packungen Snacks von einer deutschen Supermarktkette, die als Partner für Team Deutschland fungiert. Alles für eine sogenannte "Grab and go"-Station im deutschen Wohnblock. Vor fünf Jahren gingen noch 32 500 Gläser und dazu diverse Bierfässer und Weinflaschen für das Deutsche Haus auf die Rio-Reise. Durch das Corona-Aus für das in der Bucht von Tokio vorgesehene Deutsche Haus sind es diesmal nur ein paar hundert Flaschen. "Feiern können die Athleten ja diesmal auch nicht wirklich. Sie müssen bereits 48 Stunden nach ihrem Wettkampf das Dorf verlassen haben", erklärt Bilke.

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Jahrelange Vorbereitung - Extrawünsche inklusive

Big in Japan – das ist der Transport der Boote samt Werkstattcontainer. Die Segler haben sich schon seit drei Jahren im Hafen von Eno­shi­ma eingerichtet. Die Ruderer verschickten ihre Boote Anfang Juli über Luxemburg. Der Anhänger mit bis zu zehn Booten wurde komplett in den Flieger geschoben, nur Achsen, Räder und Deichsel waren abgebaut worden. Von Tokio ging es per Tieflader dann 700 Kilometer weiter ins Trainingslager nach Kinoshima und kurz vor Olympiaeröffnung wieder zurück.

Überraschungen erleben die Logistiker immer wieder. 2004 hatte ein Segler eine Harley-Davidson mit nach Athen transportieren lassen. 2012 setzten die Reiter auf ein Pferd in Schwarz-Rot-Gold, das dann während der Spiele vor dem deutschen Quartier stand. Extrawünsche wie bei den Winterspielen für die Biathleten, die eigene Ma­trat­zen mitgebracht haben, gibt es diesmal nicht. Nur dies: Hell hat die Handballer als die größten Kaffeefreunde im Team D ausgemacht. In der Handball-Seefracht fand er drei große Kaffeemaschinen und 80 Kilo Kaffee. Ein Vor-Ort-Shopping wie in Rio, von dem Teamchef Oliver Roggisch zwei Einkaufswagen, vollgepackt mit Kaffeemaschinen und Kapseln, ins Dorf brachte, ist diesmal nicht drin. Corona. Klar.

Die Pandemie hat alles schwieriger gemacht. "Wenn man dachte, Rio sei schwierig, dann ist Japan eine Ecke extremer", sagt Hell. Auch die DOSB-Logistiker sind von gefühlt täglich neuen Bestimmungen und Korrekturen extrem gefordert. So sollten die zwei Medizincontainer mit 550 Litern Desinfektionsmitteln, sechs Paletten mit Medikamenten und Physiomaterial erst eingeführt werden, wenn ein Arzt vor Ort ist. Nur die Mediziner fliegen erst kurz vor den Spielen nach Tokio ein. "Ein riesiger administrativer Aufwand, den wir mit den Partnern hinbekommen haben", sagt Bilke. Und dann gibt es immer noch Überraschungen vor Ort. So sind acht für die Dauer der Spiele fest eingeplante japanische Volunteers nicht gekommen. Und wenn doch, waren sie nach einem Tag wieder weg. Jetzt hat Team D in Tokio Personalmangel. Fest steht, es werden aufgrund der Regularien teure Spiele: "Wir rechnen mit Logistikkosten von einer Million Eu­ro", sagt Bilke. Einschließlich Reisekosten, Corona-Maßnahmen und Extras belaufen sich die Entsendekosten auf rund 7 Millionen Euro.

Fliegende Pferde in 55 Boxen

Der Transport der Vierbeiner ist darin eingeschlossen. Darauf hat sich eine Mülheimer Firma spezialisiert. Am vergangenen Mittwoch um 0.45 Uhr gingen die Dressurpferde als erste der 25 deutschen Tiere auf die Reise – und das via Lüttich. Es ist das europäische Drehkreuz für Tiertransporte. Für die fliegenden Pferde wurde am Flughafen extra ein "Horse-Hotel" mit 55 Boxen gebaut, wo die Vierbeiner eingestallt werden. Dort können sie sich ausruhen und werden dann neu verladen. In der Luft werden sie bei 17 Grad mit amerikanischem Heu versorgt und von Tierärzten und Pferdeflüsterern betreut. Nach der Ankunft in Tokio – in der Dunkelheit, um unnötige Aufregung zu vermeiden – geht es ohne Quarantäne ins olympische Pferdedorf.

Ist erst einmal alles in Tokio, können die Olympialogistiker nur kurz durchatmen. Denn alles muss wieder zurück – und schon in sieben Monaten nach China zu den Winterspielen. Einiges, wie Büromaterial, Kraftgeräte und Fernseher, geht von Tokio direkt nach Peking.

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