03. März 2021 / 07:31 Uhr

Lockdown-Lockerungen: "Sind schöne Haare wichtiger als in Bewegung zu bleiben?"

Lockdown-Lockerungen: "Sind schöne Haare wichtiger als in Bewegung zu bleiben?"

Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
Petra Tzschoppe wünscht sich, dass bald wieder Leben auf Sachsens Sportplätzen einzieht.
Petra Tzschoppe wünscht sich, dass bald wieder Leben auf Sachsens Sportplätzen einzieht. © André Kempner / Bettina Finke
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Petra Tzschoppe ist Sportsoziologin und DOSB-Vizepräsidentin. Die Leipzigerin setzt sich für Lockerungen des Lockdowns ein: „Es spricht vieles für Sport, bei dem körperliche Distanz gehalten wird“. Im SPORTBUZZER-Interview spricht sie über den Umgang der Politik mit dem Breitensport, ihre Beobachtungen im "15-Kilometer-Radius" und die Erwartungen für die Zukunft.

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Leipzig. Gibt es nach gut vier Monaten des absoluten Stillstandes in den kommenden Tagen eine Perspektive für den Breitensport? Zu den Folgen des Lockdowns für die Sportlerinnen und Sportler äußert sich Petra Tzschoppe. Die 61-jährige Sportsoziologin der Uni Leipzig ist Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes.

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SPORTBUZZER: Sind Sie aus soziologischer und sportpolitischer Sicht unzufrieden, wie die Politik in der Pandemie mit dem Sport umgeht?

Tzschoppe: Ja, da könnte manches besser gestaltet werden. Aus soziologischer Perspektive: Das Wissen über wichtige gesellschaftliche Funktionen des Sports ist sicherlich vorhanden. Sport liefert für alle Bevölkerungsgruppen wichtige Beiträge zu Gesundheit, sozialer Integration, Wertevermittlung, aber auch ökonomische Effekte. Das kann durchaus als systemrelevant verstanden werden. Es ist nachvollziehbar, dass bei schrittweisen Öffnungsszenarien Schulen und Kitas Priorität erhalten. Aus sportpolitischer Sicht könnte aber durchaus die Frage gestellt werden, ob es tatsächlich wichtiger ist, schöne Haare zu haben als in Bewegung und gesund zu bleiben. Anders formuliert: Ohne leichtsinnig zu werden, mit guten Konzepten den Wiedereinstieg in das gesellschaftliche Leben zu planen und umzusetzen, ist dringend. Dazu gehören neben Frisören Kultur, Gastronomie und unbedingt auch Vereinssport.

Im Amateursport ist Trainieren oftmals nur zuhause oder alleine möglich.
Im Amateursport ist Trainieren oftmals nur zuhause oder alleine möglich. © Privat

Steckt die DOSB-Spitze als Sport-Lobbyist in der Zwickmühle? Man will mehr Bewegung erreichen, könnte aber zugleich als Leugner der Pandemiegefahren hingestellt werden?

Nein, eine Zwickmühle sehe ich nicht, denn der DOSB hat sich von Anfang ganz klar verantwortungsbewusst und solidarisch verhalten und alle Schritte zur Eindämmung der Pandemie mitgetragen. Parallel dazu hat er Hygienekonzepte erstellt und gemeinsam mit den Verbänden Leitplanken für den Wiedereinstieg in das Sporttreiben entwickelt. Weil wir Covid-19 nicht bagatellisieren, soll mit den angepassten Regeln die Zahl der Neuinfektionen im Sport möglichst gering gehalten werden. Gleichzeitig verstehen wir Sport nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung.

Drohen mahnende Worte des DOSB-Chefs an die Politik zu verpuffen, wenn sich die Landes- und Kreissportbünde defensiver verhalten?

Wichtig ist es, dass der Sport seine Kraft als größte Freiwilligenorganisation unseres Landes nutzt und an den verschiedenen Stellen seine Belange deutlich formuliert. So wie es der DOSB vielfältig auf der Bundesebene tut, melden sich die Landessportbünde in den Bundesländern zu Wort. Natürlich können und sollten das die Stadtsportbünde, aber auch die Vereine auf kommunaler Ebene tun.

Sport war nie grundsätzlich verboten, wenn man quasi allein unterwegs ist und den 15-km-Radius einhält. Reicht das auf Dauer aus?

Es war faszinierend zu beobachten, was in diesem 15-km-Radius sportlich abgeht. Ich habe noch nie zuvor so viele Menschen joggend, wandernd, radfahrend in den hiesigen Parks gesehen. Und während des Wintergastspiels nicht nur mit Langlaufski und Schlitten, sogar die Snowboarder hatten sich vor meinem Bürofenster eine Rampe aufgeschüttet. Zu sehen war aber auch, dass die wenigstens allein unterwegs waren. Also, das Bestreben gemeinsam Sport zu treiben ist nicht kleiner geworden.

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Fehlt der Politik der Mut, Sport in kleinen Gruppen zuzulassen?

Mag sein, dass es an Vertrauen in die vom organisierten Sport entwickelten Hygienestandards fehlt. Vielleicht mangelt es teils aber auch bei den Entscheidern an Kenntnis der wirklich guten Leitplanken und den damit einhergehenden Möglichkeiten für den Sport in kleinen Gruppen. Sport ist zumindest bisher nicht als Superspreader aufgefallen. Vieles spricht für Sport, bei dem körperliche Distanz gehalten wird, erst recht, wenn er im Freien stattfindet.

Müsste nicht vor allem dem Nachwuchs Training im Stützpunkt oder Verein ermöglicht werden?

Sicher ist das ein wichtiger Aspekt. Es geht darum, Talente zu halten, ihnen eine Perspektive zu bieten und eine kontinuierliche Leistungsentwicklung zu ermöglichen. Allerdings halte ich den Gesundheits- und Rehabilitationssport für ebenso wichtig, wenn es etwa darum geht, nach Erkrankungen und Verletzungen wieder unter gezielter Anleitung körperlich fit zu werden. Und auch die Möglichkeiten den Sport bei psychischen Erkrankungen zu nutzen, scheint mir in diesen Zeiten wichtiger denn je.

Fürchten Sie um den sozialen Frieden und den Zusammenhalt im Sport, wenn Profisport zugelassen aber Breitensport verboten ist?

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Eine Diskussion dazu nehme ich schon wahr. Der Profisport kann ja durchaus auch zum Wegbereiter für weitere Sportaktivitäten werden. Meine Befürchtung gilt daher weniger dem Verhältnis Profisport-Breitensport, sondern vielmehr den weitreichenden Folgen von Sportabstinenz. Das betrifft Kinder, die gar nicht für den Sport gewonnen werden, Talente, die nicht entdeckt werden. Ich befürchte auch erhebliche gesundheitliche Schäden. Monatelang zu Hause digital Lernen und Arbeiten verstärkt den Bewegungsmangel und seine Folgen. Die individuellen Verluste in puncto Wohlbefinden und soziales Miteinander ziehen sich durch alle Altersgruppen und betreffen die sogenannte „Hochrisikogruppe“ der Älteren um so mehr. Ich fürchte auch um unsere vielfältige Sportlandschaft, denn Mitgliederverluste und ökonomische Einbußen bedrohen letztlich auch die Existenz von Vereinen.

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Welche Erwartungen haben Sie für die kommenden Monate?

Wir haben in den vergangenen Monaten einiges im Umgang mit der Pandemie gelernt und wir lernen weiter und werden damit einiges in Zukunft besser machen. Also bleibe ich zuversichtlich, auch was gemeinsames Sporttreiben auf allen Ebenen anbetrifft.