12. Februar 2021 / 07:33 Uhr

Drei Keeper, nur eine Nummer eins: Wie gelingt die Balance im Torwartteam von RB Leipzig?

Drei Keeper, nur eine Nummer eins: Wie gelingt die Balance im Torwartteam von RB Leipzig?

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Drei Keeper (hier noch mit Yvon Mvogo statt Josep Martinez), ein Team: Frederik Gössling arbeitet täglich mit seinen Jungs.
Drei Keeper (hier noch mit Yvon Mvogo statt Josep Martinez), ein Team: Frederik Gössling arbeitet täglich mit "seinen" Jungs. © imago images / Picture Point LE
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Wenn sich ein Torhüter mal einen Fehler leistet, fällt normalerweise ein Gegentor. Was macht das eigentlich mit einem Keeper? RB Leipzigs Torwarttrainer Frederik Gößling weiß, wie er dem entgegenwirken kann. Der examinierte Jurist spricht im SPORTBUZZER-Interview darüber, wie ihm sein Studium in seinem jetzigen Beruf hilft, über Nachwuchs im Kasten und die Balance im Torhüter-Team von RB Leipzig.

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Leipzig. Das Torwart-Team von RB Leipzig ist zwar mit dem Wechsel von Tim Schreiber zum Halleschen FC etwas geschrumpft. Dennoch sind noch drei Keeper im Team, von denen zwei nicht zum Einsatz kommen. Der permanente Einsatz Peter Gulacsi ist dennoch kein Grund für Stimmungsschwankungen in der kleinen Truppe. Denn: Jeder spielt seine Rolle, hat seine Aufgaben. Jeder ist wichtig Wie das funktioniert, weiß Torwarttrainer Frederik Gößling. Im zweiten Teil des SPORTBUZZER-Interviews haben wir mit ihm über Nachwuchs im Torhüterbereich, Fehler im Kasten und seine Fertigkeiten aus dem Jura-Studium gesprochen.

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SPORTBUZZER: Früher hieß es öfter mal: „Der ist auf dem Feld nicht zu gebrauchen. Den stellen wir ins Tor.“ Was halten Sie von diesem „Ansatz“?

Frederik Gössling: Es mag sein, dass in ganz jungen Jahren mal eine Torwartkarriere so startet. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass unsere Torhüter auch als Kind schon sportlich waren und zu den besseren Fußballern gehört haben. Zudem hatten sie wahrscheinlich Zusatzfähigkeiten, wie z.B. eine gute Hand-Augen-Koordination, sodass sie Torwart geworden sind.



Wie erkennt man ein Torwarttalent im Nachwuchs?

Grundsätzlich sollte man schon ein allgemeines Bewegungstalent mitbringen: Man sollte beweglich und einigermaßen koordinativ sein. Sicherlich ist es nicht schlecht, Mut und ein gewisses Verantwortungsbewusstsein zu haben. Rein technisch ist es für einen Sechs- oder Achtjährigen ein relativ komplexer Bewegungsablauf, zu einem hohen Ball in die Ecke zu springen, zu landen, dann schnell wieder aufzustehen. Es geht dabei nicht darum, das schon mit sechs oder acht Jahren perfekt zu können, auch nicht im Hinblick auf den späteren Leistungsbereich. Es geht eher darum, das über das Training möglichst schnell und gut zu lernen. Zusammengefasst: Bringt ein Kind allgemeines Bewegungstalent und die entsprechende Persönlichkeit mit und lernt schnell, hätte ich die Fantasie, dass daraus mit gutem Training und Fleiß mal ein erfolgreicher Torwart wird.

Wenn ein Feldspieler Fehler macht, gibt es i.d.R. eine Absicherung. Wenn ein Torwart Fehler macht, fällt meist ein Gegentor. Was macht das mit einem Torhüter?

Man lernt das als junger Torwart relativ schnell. Es ist so, das kann man schlecht wegdiskutieren. Wenn man Fehler macht, fällt oft ein Tor. Trotzdem bleiben ja viele auf der Torhüterposition, weil sie auch einen unglaublichen Reiz ausüben kann. Auf Kinder, wie auf Jugendliche und später auch Erwachsene. Es ist eine besondere Position. Das beginnt schon damit, dass man als Kind ein anderes, bunteres Trikot anhat, als der Rest der Mannschaft und man der Einzige ist, der die Hände im Spiel verwenden darf. Aber ich denke auch, dass gerade dieses Spannungsfeld zwischen Erfolg und Misserfolg diese Position speziell macht und selbst einen Reiz darstellt. Es gibt niemanden, der so oft an spielentscheidenden Situationen beteiligt ist, wie der Torwart. Wenn irgendwo ein Tor fällt, ist er ja in der Nähe – so sollte es zumindest sein. Das heißt auch, dass selten jemand vergleichbar oft die Chance hat, in einem Spiel mit einer einzigen Aktion seiner Mannschaft Punkte zu retten. Das verursacht schon eine gewisse Faszination. Ich glaube deshalb auch, dass ein Torwart gar keine Absicherung mehr hinter sich haben will.

Wenn Fehler Gegentore bedeuten: Wie groß ist die Gefahr, dass Torhüter unter diesem Druck leiden oder daran zu zerbrechen drohen?

Die Gefahr besteht. Es gab ja auch schon Torhüter, die davon erzählt haben, dass sie während oder nach ihrer Karriere durchaus schwierige Phasen durchstehen mussten. Trotzdem tun wir gut daran, die Verantwortung im gesellschaftlichen Kontext zu relativieren. Für einen Arzt oder eine Krankenschwester sind die Konsequenzen beispielsweise noch mal ganz andere.

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Wie können Trainer an diesem Punkt entgegenwirken?

Wenn ich sagen würde „Nicht so schlimm, es kommt noch ein Spiel“, wäre es möglicherweise etwas zu lapidar, zumindest auf dem Level, auf dem wir spielen. Unser Ansatz ist, sich bestmöglich vorzubereiten. Das heißt, dass wir uns auf jedes Training, jedes Spiel optimal körperlich und mental einstellen. Man muss sich in die eigene Topverfassung bringen, sich mit dem Spiel auseinandersetzen, mit unserer Spielweise und der des Gegners. Dann hat man schon viel getan, um immer in den Spiegel schauen zu können und hat auch relativ viel in der eigenen Hand. Natürlich gibt es aber auch die letzten fünf Prozent Unwägbarkeiten, die der sportliche Wettkampf einfach mit sich bringt. Aber gerade deshalb lieben wir doch alle den Sport.

Wie sinnvoll ist die Zusammenarbeit mit einem Psychologen?

Viel Torwartarbeit spielt sich tatsächlich im Kopf ab. Auch wir arbeiten im mentalen Bereich mit einem Sportpsychologen zusammen, aber wir versuchen, das auf eine natürliche Art und Weise zu machen. Da geht es beispielsweise darum, durch bestimmte Trainingsformen die Wahrnehmung, die Konzentrationsfähigkeit zu verbessern. Man muss sich das nicht so vorstellen, dass man beim Psychologen anklopft, sich auf die Couch legt und eine Stunde lang betreut wird.

Sie selbst waren Torhüter, haben aber auch Jura studiert. Warum haben Sie sich für dieses Fach entschieden?

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Ich wollte erstmal überhaupt noch etwas neben dem Fußball machen. Da sich ein Studium damals noch relativ flexibel gestalten ließ, konnte ich es gut strecken. Ich habe nicht in der schnellstmöglichen Zeit studiert, sondern schon hauptsächlich Fußball gespielt. Mein Plan war, dass ich, wenn ich irgendwann mal mit dem Fußball aufhöre, eine weitere anspruchsvolle und interessante Aufgabe in meinem Leben habe. Bei Jura geht es neben den rein fachlichen Dingen immer auch um die Ausdrucksweise, darum Leute zu überzeugen und Aussagen gut zu formulieren. Das fand ich spannend.

Gibt es Aspekte aus diesem Bereich, die sie für Ihre aktuelle Arbeit nutzen können? Welche?

Mir hilft bei meiner jetzigen Tätigkeit das Studium an sich – strukturiert zu arbeiten, logisch zu denken, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Und auch mal komplexere Sachen einfach und verständlich darzustellen.

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RB hat ein Team aus drei, bis vor Kurzem vier, Torhütern im Profikader. Wie gelingt es, die Stimmung im Quartett hochzuhalten, wenn klar ist, dass immer nur Einer (und im speziellen Fall ja immer derselbe) tatsächlich zum Einsatz kommt?

Jeder einzelne ist enorm wichtig, gerade in dieser Dreiergruppe. Es würde in so einer kleinen Gruppe stark ins Gewicht fallen, wenn einer von ihnen nicht funktioniert, nicht bei der Sache ist, sich keine Mühe gibt. Wahrscheinlich stärker, als es der Fall in einem 20er oder 25er Kader wäre. Vor diesem Hintergrund werden auch alle Torhüter für ihre Arbeit geschätzt und bestmöglich gefördert und unterstützt. Ich bin überzeugt, dass eine konstante Torwartleistung der Nummer Eins allen aus der Torwartgruppe zu verdanken ist, indem sie eine gute Trainingsgemeinschaft darstellen, in der konzentriert und hart gearbeitet wird, indem sie einen guten Umgang miteinander haben. Ist das nicht der Fall, kann das immer einen Effekt auf das Spiel am Wochenende haben. Es ist eben nicht so, dass nur einer wichtig ist, weil er spielt und die anderen nicht. Ich mache da keine Unterschiede. Dementsprechend bekommen sie alle unsere Wertschätzung.

Wie viel Einfluss von außen ist nötig, um die Balance zu wahren?

Wir hatten in den letzten Jahren, wie auch in diesem, sehr gute Konstellationen. Peter Gulacsi hat sich den aktuellen Status über die Jahre erkämpft und erarbeitet. Josep Martinez hat einen großen Schritt gemacht, ist aus der zweiten Spanischen Liga zu uns gekommen. Er weiß genau, dass er hier jeden Tag trainiert, um sich für höhere Aufgaben weiterzuentwickeln und auszubilden. Philipp Tschauner ist ein ganz wertvoller integrativer Faktor für die ganze Mannschaft in der Kabine, einfach durch seine Erfahrung und über seine Persönlichkeit. Es ist mir völlig bewusst, dass jeder am liebsten im Tor stehen würde. Trotzdem weiß auch jeder, dass das nicht geht. Über die Mannschaftsziele, aber auch über die individuellen Ziele kann sich dennoch jeder wiederfinden.

Es gibt wegen Corona keine Testspiele. Ist für die Entwicklung eines Torhüters das Training wertvoller als der Einsatz im Spiel?

Es geht ja nicht anders. Aber es ist auch klar, dass Spiele nicht zu ersetzen sind. Deshalb haben wir mit Yvon Mvogo und Tim Schreiber aktuell auch zwei Torhüter verliehen. Trotzdem kann man sich auch über kontinuierliche, konzentrierte, harte Trainingsarbeit weiterentwickeln und an seinen individuellen Bereichen feilen. Es geht immer darum, sich auf den Tag X vorzubereiten. Wann der kommt, kann niemand vorhersagen. In dem Moment, in dem es drauf ankommt, gilt es der Mannschaft bestmöglich zu helfen. Man sieht das an dem Beispiel von Yvon Mvogo. Er hat auch lange gewartet, vereinzelt gespielt, mal Europa-League- oder DFB-Pokal-Spiele bestritten. Aber lange nicht so oft wie Peter Gulacsi. Wir haben ihn an PSV Eindhoven ausgeliehen. Und als es dann drauf ankam, als er dann alle drei Tage gespielt hat, hat es mit kleinen Schwierigkeiten zu Beginn, relativ gut funktioniert. Das ist das Resultat von einer ausdauernden Trainingsarbeit. Es waren etwas über drei Jahre, in denen er bei uns war und wenig gespielt hat. Das zeigt wiederum wie wichtig eine gewisse Hartnäckigkeit und Ausdauerfähigkeit ist, um eben an diesem Tag X gut zu spielen.

Welche Elemente sind Ihnen im Torwarttraining wichtig?

Wir versuchen immer ein spielnahes Training zu machen, also Spielsituationen bestmöglich zu simulieren. Das kann man auch in einer kleinen Gruppe ganz gut machen. Es sollten saubere, technische Abläufe dabei sein. Und vor allen Dingen viele Entscheidungen. Vor diese Aufgabe sollten die Torhüter im Training immer wieder gestellt werden. Es kann auch durchaus mal komplex sein, dass sie viel mitdenken und schnell reagieren müssen, damit so wenige Überraschungen wie möglich auf sie zukommen, wenn das Spiel losgeht.

Wenn Sie Peter Gulacsi auf ein Spiel vorbereiten, ist das wahrscheinlich meist sehr speziell auf den Gegner zugeschnitten. Oder?

Ja, es ist aber nicht der Hauptschwerpunkt der Woche. Wir wollen schon bei unserem eigenen Spiel, unseren eigenen Prinzipien und Verhaltensmustern bleiben. Trotzdem geht das einerseits über spezielle Trainingsformen, in denen wir typische Angriffsmuster des kommenden Gegners simulieren. Andererseits machen wir, zusätzlich zu den Videoanalysen für die gesamte Mannschaft, eine spezielle für den Torwart. Da betrachten wir z.B. Standardsituationen und individuelle Besonderheiten von Offensivspielern des Gegners. Das machen wir am Tag vor dem Spiel in zehn bis maximal 15 Minuten. Bei drei Spielen in der Woche versuchen wir es schon kompakt zu halten und zusätzlich die Inhalte im Training zu simulieren. Aber wir verlieren dabei nicht unsere eigene Arbeit und unsere Prinzipien aus dem Auge.

Feldspieler treffen oft nicht, wenn sie zu viel darüber nachdenken, was der Torwart machen könnte. Ist es beim Torwart andersherum besser, wenn er die Zeit während des gegnerischen Angriffs nutzt, um über seine weiteren Handlungen nachzudenken? Oder ist es günstiger instinktiv zu handeln?

Es ist eigentlich eine Mischung aus Beidem. Das Spiel ist zu schnell und zu komplex, um ein einziges Muster festzustellen. Ein Stürmer wird im Eins-gegen-Eins nicht immer chippen, nicht immer in die lange Ecke oder nur mit Rechts schießen. Man kann das aber vorbereiten. Es gibt tatsächlich Eigenheiten von Stürmern, die Vorlieben haben, wie sie beispielsweise im Eins-gegen-Eins reagieren. Trotzdem sollten die Intuition und der eigene Erfahrungsschatz nicht wegfallen. Wir wollen keine Roboter im Tor haben.