19. Juli 2019 / 20:37 Uhr

Droht Hannover 96 die Insolvenz? Abteilungsleiter schlagen Alarm

Droht Hannover 96 die Insolvenz? Abteilungsleiter schlagen Alarm

Carsten Bergmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Schwere Zeiten kommen auf Sebastian Kramer, Vorstandsvorsitzender von Hannover 96 e.V., zu.
Schwere Zeiten kommen auf Sebastian Kramer, Vorstandsvorsitzender von Hannover 96 e.V., zu. © Christophe Gateau
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Das Projekt Vereinssportzentrum Stammestraße liegt weit hinter den Erwartungen zurück, Übungsleiter müssen auf ihr Geld warten, und auch die Abteilungsleiter sind enttäuscht von der Arbeit des neuen Vorstands um Sebastian Kramer.

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Schwere Zeiten kommen auf den Verein Hannover 96 zu. Das Projekt Vereinssportzentrum Stammestraße liegt weit hinter den Erwartungen zurück, Übungsleiter müssen auf ihr Geld warten, und auch die Abteilungsleiter sind enttäuscht von der Arbeit des neuen Vorstands um Sebastian Kramer. Dieser schweigt zu den Vorwürfen. Droht Hannover 96, dem größten Verein in Niedersachsen, sogar die Insolvenz?

Bei einer Versammlung mit den Abteilungsleitern sprach der neue Vorstand von einem Schuldenberg in Höhe von 1,2 Millionen Euro, berichten Teilnehmer. Schulden, für die der Verein aufkommen muss. Das Problem: Es klafft eine riesige Lücke im Etat.

Die Fotos von der Mitgliederversammlung des Hannover 96 e.V. am 23. März 2019:

Die Swiss Life Hall ist bei der 96-Mitgliederversammlung 2019 gut gefüllt. Zur Galerie
Die Swiss Life Hall ist bei der 96-Mitgliederversammlung 2019 gut gefüllt. ©
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"Jedes Mal, wenn ich dort vorbeifahre, ist die gesamte Anlage leer. Und es wird scheinbar nicht besser"

1.200 Mitglieder sollten in diesem Jahr im Schnitt Monat für Monat in der neuen Stammestraße trainieren. Stand 1. Juni: 380 Mitglieder. Das bestätigt den Eindruck, den auch Martin Mader, Abteilungsleiter Tradition, von dem vermeintlich neuen 96-Leuchtturm gewonnen hat. „Das Vereinssportzentrum wurde an den Bedürfnissen der Mitglieder vorbei geplant. Jedes Mal, wenn ich dort vorbeifahre, ist die gesamte Anlage leer. Und es wird scheinbar nicht besser.“

Im Gegenteil: Auf bis zu 2,5 Millionen Euro, so ist aus dem Umfeld des 96-Vorstands zu hören, könnten sich die Schulden bei der aktuellen Entwicklung in drei Jahren anhäufen. Geldgeber konnte der neue Vorstand bislang nicht präsentieren, ein überzeugendes Zukunftskonzept für die 17 Abteilungen im e. V. ebenso nicht.

Die Auswirkungen bekommen die Abteilungen schon heute zu spüren. Gelder für Übungsleiter fließen nur mit Verspätung, offene Rechnungen, wie etwa für den Aufzug im Vereinssportzentrum, werden nicht beglichen. „Drei von vier Gesprächen, die ich aktuell in der Abteilung führe, gehen um ausbleibende Zahlungen“, sagt Leichtathletik-Abteilungsleiter Ralf Jurgeit. Die Herausforderungen der Vereinsarbeit, so sagt es Jurgeit, seien vom neuen Vorstand deutlich unterschätzt worden.

Bilder von der Eröffnung des neuen Vereinssportzentrums von Hannover 96

Impressionen von der Eröffnung des neuen Vereinssportzentrums von Hannover 96. Zur Galerie
Impressionen von der Eröffnung des neuen Vereinssportzentrums von Hannover 96. ©

Horrorszenario und Imageverlust drohen

Aufsichtsratschef Ralf Nestler und 96-Präsident Sebastian Kramer hatten in ihrer vorherigen Funktion als Aufsichtsräte des Vereins umfassende Einblicke in die Sachlage. Daher verwundert die Abteilungsleiter auch die aktuelle Lage. „Momentan ist die Situation sehr unbefriedigend“, sagt Jurgeit. Alles, was im Vorfeld gesagt worden sei, stelle sich nun als Propaganda heraus. „Das, was der Vorstand momentan macht, ist nicht gut.“ Mader unterlegt das mit Informationen aus der Abteilungsleitersitzung, in der der Vereinsvorstand Zahlen vorgelegt habe. „Uns wurde gesagt, dass wenn es schlecht läuft, sogar ganze Abteilungen geschlossen werden müssen.“ Ein Horrorszenario und ein massiver Imageverlust.

Sebastian Kramer sagt dazu Folgendes: „Der Vorstand befindet sich in intensiven Gesprächen mit Vertretern der zweiten Säule des hannoverschen Zwei-Säulen-Modells. Ziel ist es, möglichst viele strittige Themen der Vergangenheit zusammen zu lösen und einen gemeinsamen Nenner zu finden, mit dem alle Beteiligten gut leben können. Bitte haben Sie daher Verständnis dafür, dass wir vor Abschluss der Gespräche keine weiteren Auskünfte geben werden.“ Ein von ihm angeforderter Fragenkatalog mit konkreten Themen zur Zukunft von Hannover 96 blieb unbeantwortet.

Und Ex-Präsident Martin Kind? Der hält sich bedeckt. Die Gespräche mit Vorstand und Aufsichtsrat führt 96-Anwalt Andreas Brinkmann, der auch sehr eng in die Profiprozesse eingebunden ist. Gerüchte, wonach Martin Kind mit den beiden Gesellschaftern Dirk Rossmann und Gregor Baum als Käufer des Vereinssportzentrums einspringen und die Anlage dem e. V. verpachten würden, weist Kind von sich. Nur so viel: „Wir sind in Gesprächen mit dem neuen Vorstand und Aufsichtsrat.“

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Mitgliederzahlen sinken deutlich

Der Druck auf Kramer wächst. Die Zielzahlen des Vereinssportzentrums sind in diesem Jahr kaum zu erreichen. Der Schuldenberg wächst. Der Übergang vom alten zum neuen Vorstand birgt ebenso Probleme. So war Mitte Juli, fast vier Monate nach der Mitgliederversammlung, bei der Kind abgewählt wurde, der neue Vorstand noch immer nicht im Vereinsregister eingetragen. Das bestätigte das Amtsgericht Hannover. Auch die Mitgliederzahlen sind deutlich gesunken. Seit dem 1. April 2019 sind bis Stichtag 1. Juni 198 Mitglieder aufgenommen worden, 59 davon im Vereinssportzentrum. Demgegenüber stehen 604 Austritte (109 Fit & Kids und 276 Fördermitglieder). Dazu kommen Probleme in der Buchhaltung. Ein Personalwechsel nach der Mitgliederversammlung konnte nicht kompensiert werden. Eine reguläre Kontrolle der Eingänge von Mitgliedsbeiträgen war über mehrere Wochen nicht möglich. Da stellt sich natürlich automatisch die Frage nach der Geschäftsführung. Aus dem Umfeld hört man jedoch auch, dass Frank Feldmann und Björn Pollmann nicht bei den turnusmäßigen Vorstandssitzungen dabei seien. Unter Martin Kind fand der Austausch wöchentlich statt.

Mitglieder und Abteilungsleiter sind in großer Sorge. Sie fürchten den Verlust von Übungsleitern, gerade bei den Leicht- und Triathleten herrscht ein großer Verdrängungswettbewerb um die besten Trainer. Zahlt der Verein nicht rechtzeitig, dann ziehen die Coaches weiter. „Pünktliche Zahlungen sind eine Visitenkarte für den Verein“, sagt Jurgeit, der darüber hinaus auch keine Zusagen für die neue Saison treffen kann. Seine Bitte, im August den Abteilungsleitern die Perspektiven aufzuzeigen, wurde von der 96-Geschäftsführung abgelehnt.

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