01. August 2020 / 06:00 Uhr

DTM-Chef Gerhard Berger über Vettel, Hülkenberg und die Zukunft seiner Rennserie

DTM-Chef Gerhard Berger über Vettel, Hülkenberg und die Zukunft seiner Rennserie

Christian Müller
RedaktionsNetzwerk Deutschland
DTM-Chef Gerhard Berger spricht im <b>SPORT</b>BUZZER über Nico Hülkenberg, Sebastian Vettel und die Zukunft der deutschen Tourenwagen-Serie.
DTM-Chef Gerhard Berger spricht im SPORTBUZZER über Nico Hülkenberg, Sebastian Vettel und die Zukunft der deutschen Tourenwagen-Serie. © imago images/Getty/Montage
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Hat die Deutsche Tourenwagen-Masters nach dem Ausstieg von Audi noch eine Zukunft? Rennserien-Chef Gerhard Berger spricht im SPORTBUZZER-Interview über die Perspektiven der DTM sowie die beiden deutschen Formel-1-Piloten Sebastian Vettel und Nico Hülkenberg.

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Auf der Traditionsrennstrecke im belgischen Spa-Francorchamps startet die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) an diesem Samstag (ab 13.33 Uhr, Sat 1) verspätet in ihre Notsaison. Gefahren wird an neun Wochenenden bis zum Finale auf dem Hockenheimring (6. bis 8. November) außerdem auf dem Lausitzring, im niederländischen Assen, auf dem Nürburgring und in Zolder (Belgien). Im Interview spricht DTM-Chef und Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger (60) über den Start in Corona-Zeiten und die wegen des Ausstiegs von Audi zum Jahresende ungewisse Zukunft der Rennserie.

SPORTBUZZER: Gerhard Berger, überwiegt vor dem Start der DTM-Notsaison die Vorfreude oder die Nervosität wegen möglicher Corona-Fälle?

Gerhard Berger (60): Nervosität ist überhaupt nicht vorhanden. Ich bin mir sicher, dass wir gesundheitstechnisch alles super vorbereitet haben. Wir beschäftigen uns schon länger damit, weil wir für den Auftakt eigentlich den Norisring im Visier hatten. Daher haben wir mit dem Sicherheitskonzept sehr früh angefangen. In der frühen Phase haben wir uns mit den Formel-1-Leuten immer wieder abgestimmt und ein perfektes Konzept erstellt.

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Für die Zukunft der DTM ist es aber sicher wenig hilfreich, dass zum Ausstieg von Audi zum Jahresende nun auch noch das Coronavirus hinzukommt.

Absolut. Momentan kann man das Thema wirtschaftlich nicht positiv stemmen. Für das nächste Jahr gehen ja schon die Diskussionen los, dass Events hier und da auch 2021 gefährdet sein könnten. Ein zweites Jahr mit Corona ist nicht nur für uns schwierig, sondern auch für alle anderen Serien. Das wird dann ganz eng.

Chancen auf eine DTM-Rettung über 2020 hinaus? Berger: "Schätze ich als 50:50 ein"

Wie groß sind die Chancen, die DTM über 2020 hinaus zu retten?

Ich schätze sie als 50:50 ein. Wir haben in den vergangenen Tagen ein paar gute Gespräche gehabt, aber ich traue mich nicht, mich aus dem Fenster zu lehnen. Corona belastet ja nicht nur die Rennevents schwer, sondern auch die Automobilindustrie, die Partner und das ganze Umfeld. Wenn man in dieser Zeit mit neuen Ideen kommt, die Entwicklungsaufwand benötigen, ist es schwerer, die Leute dafür zu begeistern. Trotzdem bin ich Optimist und bereit, für eine grundsätzlich gute Sache zu kämpfen. Die DTM-Plattform ist der deutsche Motorsport – und auch eine Plattform, die man als Automobilindustrie 30 Jahre lang immer wieder gebraucht und verwendet hat. Ich bin überzeugt, dass die DTM auch in Zukunft gebraucht wird, auch wenn es im Moment im Elektro- und Corona-Zusammenhang andere Prioritäten gibt.

Mögliche Lösungen wären die Rückkehr von Herstellern wie Mercedes oder das Vorziehen der für 2025 geplanten Elektrifizierung. Was halten Sie für realistischer?

Die Elektrifizierung kann man sicher um zwei Jahre vorziehen. Aber das reicht ja immer noch nicht, denn ich brauche eine Lösung für 2021 und 2022. Da gibt es nur die Möglichkeit, bereits bestehende Fahrzeuge – zum Beispiel GT-Autos – in die DTM einzugliedern oder das Class-1-Reglement (Kooperation mit der japanischen Super-GT-Serie über technische Voraussetzungen der Fahrzeuge, Anm. d. Red.) abzuändern. Was man im Moment sicherlich nicht zusammenbringen kann, ist, Hersteller zu motivieren, Entwicklungsgeld in die Hand zu nehmen und sich in eine Meisterschaft einzuschreiben, in der sie erst einmal investieren müssen. Es kann nur auf bestehendes Equipment zurückgegriffen werden.

Was ist das Spezielle an der Strecke in Spa-Francorchamps, wo die DTM an diesem Wochenende erstmals seit 2005 startet?

Die meisten Fahrer werden sie als Lieblingsstrecke nennen. Sie hat irrsinnig schnelle Kurven, große Höhenunterschiede. Der Flow in den Kurvenanordnungen ist super. Und wenn man an die Eau Rouge denkt, ist es auch eine Mutstrecke.

"Ex-Formel-1-Pilot Robert Kubica wird am Anfang eine Lernphase haben"

Geht Titelverteidiger René Rast als Favorit in die Saison?

Das Interessante wird erst einmal sein, wer über den Winter seine Hausaufgaben am besten gemacht hat. Wir als Promoter hoffen natürlich, dass Audi und BMW technisch auf Augenhöhe sind und die Fahrer den Unterschied machen. Aber das weiß man am Anfang der Saison nie. 2019 haben wir vor allem im zweiten Halbjahr einen überlegenen Audi gesehen. Aber wer weiß, vielleicht hat auch BMW seine Hausaufgaben besser gemacht als Audi. Rast ist aber natürlich einer der Topfavoriten, er liefert immer wieder unglaubliche Leistungen ab. Mit Marco Wittmann oder Lucas Auer gibt es richtig schnelle Jungs. Ex-Formel-1-Pilot Robert Kubica wird am Anfang eine Lernphase haben. Im Großen und Ganzen hat in diesem Feld jeder die Chance, Rennen zu gewinnen. In den Tests hat Ferdinand Habsburg überrascht, der im vergangenen Jahr im Aston Martin unter Wert geschlagen wurde. Er hat mit dem Audi jetzt ein konkurrenzfähiges Auto.

Besteht die Chance für die DTM im Vergleich zur derzeit eher einseitigen Formel 1 darin, über Ausgeglichenheit zwischen den Herstellern mehr Wettkampf anzubieten?

Nicht nur derzeit, die Formel 1 ist schon ewig einseitig, weil auch das Reglement entsprechend ausgelegt ist. Wir liefern guten Rennsport, kämpfen Jahr für Jahr ums Überleben. Die Formel 1 blüht, aber man weiß nach dem zweiten Rennen schon, wer Weltmeister wird. Das Attraktive an der DTM ist, dass wir stets sechs, sieben, acht unterschiedliche Gewinner haben. Wir liefern fast in jedem Rennen die DNA des Rad-an-Rad-Fahrens.

Formel 1: Die Fahrer der Saison 2020

Der Deutsche Sebastian Vettel im Cockpit von Ferrari, Weltmeister Lewis Hamilton bei Mercedes und Neuling Esteban Ocon bei Renault sind drei der 20 Fahrer, die für die Formel 1 2020 feststehen. Der SPORTBUZZER präsentiert alle Piloten der Motorsport-Königsklasse in ihren Teams. Zur Galerie
Der Deutsche Sebastian Vettel im Cockpit von Ferrari, Weltmeister Lewis Hamilton bei Mercedes und Neuling Esteban Ocon bei Renault sind drei der 20 Fahrer, die für die Formel 1 2020 feststehen. Der SPORTBUZZER präsentiert alle Piloten der Motorsport-Königsklasse in ihren Teams. ©

Zur Formel 1: Nico Hülkenberg ersetzt bei Racing Point in Silverstone den positiv getesteten Sergio Perez – eine gute Wahl?

Absolut. Hülkenberg ist ein schneller Mann, er ist bei Renault mit Daniel Ricciardo immer auf Augenhöhe gefahren. Es ist ein bisschen schade, dass er derzeit keinen Platz mehr hat. Aber das kann sich ganz schnell wieder drehen. Für Hülkenberg wäre das eine super Chance, weil der Racing Point momentan ein Auto ist, mit dem man vielleicht sogar aufs Podium fahren kann.

Ferrari fährt nur hinterher – Berger: "Ich habe es kommen sehen"

Wie sehr berührt es Sie als früheren Ferrari-Piloten, dass die Scuderia derzeit hinterherfährt?

Ich habe das kommen sehen. Wenn man im vergangenen Jahr sieht, dass die Motorleistung nicht innerhalb des Reglements war, und dann wird genauer draufgeschaut, dann fällt man immer automatisch zurück. Die Zeit, die man sich so erkauft hatte, ist verlorene Zeit. Die muss man jetzt zusätzlich an Entwicklung aufholen. Daher wird es dauern, bis dieser momentan starke Rückstand egalisiert ist. Ferrari hat über den Daumen eine Sekunde verloren, das sind 50, 60 PS. Zuvor waren sie aber mit der Leistung auch nicht vor Mercedes. Sie suchen also 70, 80 PS. Auf dem Niveau ist das eine unglaublich harte Arbeit. Damit ist man ein, zwei Jahre beschäftigt.

Was würden Sie Sebastian Vettel für die Zukunft empfehlen – Racing Point oder Rücktritt?

Sebastian war viermal Weltmeister und hat alles gesund überstanden. Da wäre mein Rat eher, sich zurückzuziehen. Andererseits kenne ich Sebastian sehr gut. Er ist ein Vollblut-Racer, er will wieder Rennen gewinnen. Dafür eignet sich Racing Point im Moment am ehesten. Die haben ein Auto, mit dem Perez oder Lance Stroll auf Podiumskurs sind. Da würde ich sagen, ein Kaliber wie Sebastian fährt ganz klar aufs Podium und kann vielleicht auch einmal Mercedes schlagen oder zumindest oben eine Rolle spielen. Eine viel bessere Situation, als er sie bei Ferrari vorfindet. Daher ist das eine realistische Alternative – und ich hätte totales Verständnis, wenn er diesen Schritt geht.

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Was denken Sie über die Rückkehr der Formel 1 an den Nürburgring und nach Imola?

Beide Strecken sind super und für die Fahrer richtige Herausforderungen. Imola ist vielleicht nicht mehr auf modernsten Stand, was die Boxenanlagen angeht. Aber bei beiden kann man spektakuläre Rennen erwarten, es sind Fahrerstrecken. Ich freue mich vor allem für Italien. Denn das Land war so ein starkes Formel-1-Land – vielleicht kann man die Italiener nach der Corona-Zeit damit wieder abholen.