06. Februar 2022 / 15:27 Uhr

Dynamo Dresden erlebt 1:4-Debakel gegen Hansa Rostock

Dynamo Dresden erlebt 1:4-Debakel gegen Hansa Rostock

Stefan Schramm
Dresdner Neueste Nachrichten
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Gebrauchter Tag: Dynamo Dresden muss sich deutlich Hansa Rostock geschlagen geben. © dpa
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Die Abwehr der Schwarz-Gelben steht zu Beginn der Partie völlig neben sich. Der Vier-Tore-Rückstand lässt sich in einem verbesserten zweiten Durchgang nicht wieder aufholen.

Dresden. Dynamo Dresden hat am Sonntagnachmittag gegen Hansa Rostock ein Debakel erlebt. Im ersten Heimspiel seit Monaten, das wieder vor einer nennenswerten Anzahl an Zuschauern stattfand, verloren die Schwarz-Gelben das Ostderby der 2. Fußball-Bundesliga mit 1:4. Die 10.000 Zuschauer trauten ihren Augen kaum, als John Verhoek (6./18.) und Nils Fröling (10./13.) schon früh jeweils einen Doppelpack schnürten und die Mecklenburger mit vier Toren in Front schossen. Nach einer reichlichen Viertelstunde, die Dynamos Defensive komplett verpennt hatte, war die Begegnung aus ihrer Sicht bereits so gut wie verloren. In einer stark verbesserten zweiten Hälfte sorgte Julius Kade (63.) nur noch für Ergebniskosmetik.

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Vogelwilde 20 Minuten

Und dabei hatte SGD-Chefcoach Alexander Schmidt im Vorfeld vor der Physis der Gäste gewarnt und ein Spiel auf Augenhöhe erwartet. Doch es kam anders. Auf vier Positionen hatte der Trainer seine Startelf im Vergleich zum 0:0 bei Hannover 96 vor der Länderspielpause umgestellt: Robin Becker, Michael Sollbauer und Neuzugang Oliver Batista-Meier begannen statt Václav Drchal, Brandon Borrello und den gelb-rot-gesperrten Michael Akoto. Die vierte Änderung betraf den Schlussmann. Das Debüt für Ersatztorwart Anton Mitrjuschkin hätte kaum schlimmer laufen können. Der Russe stand in Vertretung von Kevin Broll im Kasten, für den ein Comeback nach seinem Haarriss in der Hand zu früh gekommen wäre.

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Wegen desolaten ersten 20 Minuten verliert Dynamo Dresden den Ost-Klassiker gegen Hansa Rostock mit 1:4. Zur Galerie
Wegen desolaten ersten 20 Minuten verliert Dynamo Dresden den Ost-Klassiker gegen Hansa Rostock mit 1:4. ©

Dennoch drückte ein Haris dem Spiel den Stempel auf: Ex-Dynamo Haris Duljevic nämlich. Seine Flanke ließ der unbedrängte Hansa-Stürmer Verhoek elegant über den Scheitel rutschen und Mitrjuschkin kam nicht mehr entscheidend ran – 0:1 mit dem ersten Torschuss (6.). Als sei dieser frühe Gegentreffer aus Dresdner Sicht nicht schlimm genug, ging es in den nächsten zwölf Minuten weiter Schlag auf Schlag. Duljevic schickte Hanno Behrens, der sich an der Grundlinie einfach gegen Kevin Ehlers durchsetzte und flankte. Diesmal kam Fröling frei zum Kopfball, Heinz Mörschel und Michael Sollbauer schauten nur zu. Der Aufsetzer sprang ins Tor (10.). Die SGD kam einfach nicht in die Zweikämpfe, die Abwehr erwies sich löchrig wie ein Schweizer Käse.

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Fröling aber hatte nicht genug – und zum dritten Mal leitete Duljevic die Szene ein. Seinen Hammer aus der Distanz konnte Mitrjuschkin nicht festhalten. Zwar parierte er noch, als Behrens nachsetzte. Doch bei Frölings Abstauber war er machtlos. Bedenklich allerdings, dass Dynamos Abwehrspieler in dieser Situation alle schon abgeschaltet hatten und eben nicht mehr nachsetzten. So stand es 0:3 nach nicht mal einer Viertelstunde. Dem kapitalen Fehlstart die Krone auf setzte das 0:4 (18.), das ebenfalls zu verteidigen gewesen wäre. Dafür wäre aber beispielsweise ein besseres Stellungsspiel von Robin Becker notwendig gewesen, der Verhoek nach Simon Rheins Flanke nicht ansatzweise am Kopfball hinderte.

Das waren katastrophale 20 Minuten für die Schwarz-Gelben. Die desaströse Bilanz Mitte der ersten Halbzeit aus Dresdner Sicht: 0:10 Torschüsse, davon waren vier drin. Auch über einen Zwischenstand von 0:6 hätte sich niemand beschweren dürfen, doch dies verhinderte Mitrjuschkin, indem er mehrmals in höchster Not rettete (16., 17.). Alexander Schmidt musste reagieren und tat das auch. Heinz Mörschel und Robin Becker verließen in der 24. Minute den Rasen. Sebastian Mai, der unter anderem nach überstandener Angina zu seinem ersten Einsatz seit Ende Oktober kam, und Winter-Neuzugang Václav Drchal stand bei ihrer Einwechslung angesichts des scheinbar aussichtslosen Rückstands logischerweise „die Freude ins Gesicht geschrieben“.

Historische Aufholjagd von Nöten

Mai rückte in die Innenverteidigung, die von einer Vierer- zur Dreierkette wurde – gemeinsam mit Sollbauer und Ehlers wurden nun die Löcher besser gestopft und auch nach vorn ging nun wenigstens ein bisschen was. Als Oliver Batista-Meier (33.) in Richtung Dreiangel schlenzte, musste sich Hansa-Keeper Markus Kolke richtig strecken, um den Ball zur Ecke abzulenken. Bis auf diese Szene hielten die Dynamos aber meist vornehme Distanz zur Dixie-Dörner-Tribüne, in deren Richtung sie eigentlich angreifen wollten – es schien, als schämten sie sich gegenüber dem kürzlich verstorbenen und betrauerten einstigen Dresdner Abwehrorganisator und Strategen ob ihrer Leistung.

DURCHSCROLLEN: Die Noten zum Spiel

(22) Anton Mitrjuschkin: Sein erster Pflichtspieleinsatz wurde für den Russen zum Albtraum. Sein erster Ballkontakt glückte noch, als er die Kugel in der 2. Minute rausschlug, doch dann begann seine Pechsträhne. In der 6. Minute war er noch an Verhoeks Kopfball dran, doch die Kugel landete im Netz. Dann fasste er gegen seine Laufrichtung am schwierigen Aufsetzer von Fröling vorbei (10.). Beim 0:3 hielt er erst Duljevics Fernschuss, dann gegen den nachsetzenden Behrens, aber der Abpraller fiel Fröling vor die Füße (13.). Beim 0:4 hatte er auf der Linie keine Chance gegen den frei zum Kopfball kommenden Verhoek (18.). Hätte Mitrjuschkin nicht noch drei-, viermal gut reagiert, hätte Dynamo zur Pause auch schon höher hinten liegen können. In der zweiten Halbzeit hatte er weniger Druck, konnte gegen Rizzuto und Sikan das 1:5 verhindern (76./82). Dafür gab es Applaus. Note 3,5 Zur Galerie
(22) Anton Mitrjuschkin: Sein erster Pflichtspieleinsatz wurde für den Russen zum Albtraum. Sein erster Ballkontakt glückte noch, als er die Kugel in der 2. Minute rausschlug, doch dann begann seine Pechsträhne. In der 6. Minute war er noch an Verhoeks Kopfball dran, doch die Kugel landete im Netz. Dann fasste er gegen seine Laufrichtung am schwierigen Aufsetzer von Fröling vorbei (10.). Beim 0:3 hielt er erst Duljevics Fernschuss, dann gegen den nachsetzenden Behrens, aber der Abpraller fiel Fröling vor die Füße (13.). Beim 0:4 hatte er auf der Linie keine Chance gegen den frei zum Kopfball kommenden Verhoek (18.). Hätte Mitrjuschkin nicht noch drei-, viermal gut reagiert, hätte Dynamo zur Pause auch schon höher hinten liegen können. In der zweiten Halbzeit hatte er weniger Druck, konnte gegen Rizzuto und Sikan das 1:5 verhindern (76./82). Dafür gab es Applaus. Note 3,5 ©

Mit 0:4 ging es in die Pause – eine riesige Hypothek. Erst einmal war es einem Zweitligisten gelungen, einen Vier-Tore-Rückstand aufzuholen: 1986/87 dem FSV Salmrohr aus Rheinland-Pfalz bei einem 5:5 gegen Hannover 96. Gleich nach Wiederanpfiff allerdings die nächste schlechte Nachricht: SGD-Toptorschütze Christoph Daferner holte sich die fünfte Gelbe Karte, ist damit kommenden Sonnabend zum Gastspiel in Paderborn gesperrt. Dennoch waren die Schwarz-Gelben nun viel besser im Spiel und wären fast auch recht zügig belohnt worden: Sebastian Mais Kopfball (51.) nach Batista-Meier-Ecke ging jedoch an die Latte. Das Ehrentor gelang dann aber doch noch: Julius Kade zog mit links aus 25 Metern mit viel Drall ab. Nur noch 1:4 (63.).

DURCHSCROLLEN: Die Stimmen zum Spiel

Alexander Schmidt (Trainer SG Dynamo Dresden): Die ersten 20 Minuten waren Bullshit - ich hätte mich eingraben können. Das habe ich noch nie erlebt, will ich auch nicht mehr erleben. Es war beschämend, wie leicht Hansa Rostock zu Torchancen gekommen ist. Das geht gar nicht. Das ist ein bitterer Moment, ich hätte nicht gedacht, dass so etwas passieren könnte. Ich werde aber nicht auf meine Mannschaft einhauen. Jetzt zeigt aber keiner mit dem Finger auf den anderen. Ich hätte zehn Leute auswechseln können. Es bringt nichts, dass wir uns gegenseitig in die Pfanne hauen. Wir müssen am Samstag alles besser machen - alles! Zur Galerie
Alexander Schmidt (Trainer SG Dynamo Dresden): "Die ersten 20 Minuten waren Bullshit - ich hätte mich eingraben können. Das habe ich noch nie erlebt, will ich auch nicht mehr erleben. Es war beschämend, wie leicht Hansa Rostock zu Torchancen gekommen ist. Das geht gar nicht. Das ist ein bitterer Moment, ich hätte nicht gedacht, dass so etwas passieren könnte. Ich werde aber nicht auf meine Mannschaft einhauen. Jetzt zeigt aber keiner mit dem Finger auf den anderen. Ich hätte zehn Leute auswechseln können. Es bringt nichts, dass wir uns gegenseitig in die Pfanne hauen. Wir müssen am Samstag alles besser machen - alles!" ©

Das hätte durchaus noch mal spannend werden können, wurde es aber nicht. Für die letzten 20 Minuten stellte Schmidt wieder auf Viererkette um, ersetzte Verteidiger Ehlers durch Stürmer Brandon Borrello. Dynamo war nun im Aufwind, biss sich aber an der Rostocker Abwehr die Zähne aus und hatte noch Glück, dass Mitrjuschkin gegen Ende der Partie mit starken Paraden mehrere Hansa-Konter zunichte machte. In der 89. Minute donnerte der zehn Minuten zuvor für Behrens eingewechselte Ingelsson den Ball noch mal an den Pfosten, doch es blieb beim 1:4, das vor allem von einer indiskutablen Dresdner Abwehrleistung in der Anfangsphase geprägt war. Beide Mannschaften haben in der Tabelle nun die gleiche Punktezahl und Tordifferenz, doch Hansa schob sich nach diesem Schützenfest und verdienten Sieg an der Elbe aufgrund der höheren Anzahl der geschossenen Tore an der SGD vorbei.