02. Juni 2018 / 10:20 Uhr

Streit um Geyer: Sammer, Kreische und Riedel treten als Dynamo-Ehrenspielführer zurück

Streit um Geyer: Sammer, Kreische und Riedel treten als Dynamo-Ehrenspielführer zurück

Jochen Leimert
Klaus Sammer und Hans-Jürgen Kreische wollen ihre Bilder von der Dynamo-Ehrentafel im Stadion entfernt sehen
Klaus Sammer und Hans-Jürgen Kreische wollen ihre Bilder von der Dynamo-"Ehrentafel" im Stadion entfernt sehen © imago/Matthias Koch
Anzeige

Eduard Geyer bleibt Ehrenspielführer von Dynamo Dresden - die drei lebenden Vereins-Legenden Klaus Sammer, Hans-Jürgen Kreische und Dieter Riedel ziehen daraufhin Konsequenzen.

Anzeige
Anzeige

Dresden. Dynamo Dresden ist kein Kuschelclub, auch wenn es vielleicht viele Fans gerne so hätten. Der achtfache DDR-Meister und 98-fache Europacup-Teilnehmer ist ein mitgliederstarker Verein, der mit einer schwierigen Vergangenheit leben muss. Dass es bei deren Aufarbeitung auch Jahrzehnte nach dem Ende des selbst ernannten ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden große Versäumnisse gegeben hat, das wurde in der Debatte um die Frage, ob sich Eduard Geyer zu Recht Ehrenspielführer nennen darf, einmal mehr deutlich. Weil es die Vereinsführung offenbar nicht anstößig findet, dass ein aktiver Zuträger des Ministeriums für Staatssicherheit auf eine Ebene mit drei  unbelasteten und vom MfS geschädigten Altinternationalen gestellt wird, zogen die Vereinsikonen Hans-Jürgen Kreische (70), Klaus Sammer (75) und Dieter Riedel (70) wie angekündigt ihre Konsequenzen und traten als Ehrenspielführer zurück.

DURCHKLICKEN: Ein Blick in die Dynamo-Geschichte

20. September 1967 - erstes Europapokalspiel der SG Dynamo Dresden gegen die Glasgow Rangers. Austragungsort war das Steyer-Stadion. (@ Archiv Dresdner Fußball-Museum) Zur Galerie
20. September 1967 - erstes Europapokalspiel der SG Dynamo Dresden gegen die Glasgow Rangers. Austragungsort war das Steyer-Stadion. (@ Archiv Dresdner Fußball-Museum) ©
Anzeige

Das Präsidium, das den schon lange umstrittenen Geyer 2014 – offenbar ohne jegliche Bedenken – auf der Mitgliederversammlung gemeinsam mit Riedel zum sechsten und siebenten Ehrenspielführer ernannte hatte, verteidigte seine Entscheidung von damals am Freitag noch einmal. Präsident Andreas Ritter und seine Vizepräsidenten Diana Schantin und Michael Winkler wiesen den gemeinsamen Antrag der Ehrenspielführer Hans-Jürgen Kreische, Klaus Sammer und Dieter Riedel zurück, die sie bereits vor einigen Monaten aufgefordert hatten, Geyer wegen fehlender moralischer und sportlicher Eignung die Würde eines Ehrenspielführers abzuerkennen.

In einer am Mittag verbreiteten Pressemitteilung erklärte das Präsidium, man habe die öffentlichen Aussagen der drei Ex-Auswahlspieler „mit Verwunderung“ zur Kenntnis genommen. „Die Vorwürfe, die sie in Richtung von Eduard Geyer erheben, beruhen auf Gegebenheiten, die seit mehr als 20 Jahren bekannt sind und bereits im Jahr 2000 Gegenstand ausführlicher medialer Berichterstattung waren.“

​​Geyers Ernennung zum Ehrenspielführer folgte einem ordnungsgemäßen Verfahren

Man könne nicht verstehen, warum die Ex-Nationalspieler in dieser Woche Altbekanntes hochgekocht hätten. Sie wollen nicht glauben, dass Riedel von sehr diskredittierenden Äußerungen Geyers gegen seine und andere Personen während seiner Tätigkeit als Informeller und Gesellschaftlicher Mitarbeiter des MfS erst im September 2017 erfahren haben will. Riedel habe es ja 2014 noch begrüßt, dass Geyer neben ihm ausgezeichnet werden sollte. Das Präsidium erklärte weiter: „Die Ernennung von Eduard Geyer zum Ehrenspielführer der SG Dynamo Dresden folgte einem ordnungsgemäßen Verfahren.“ Moralische Belange würden bei der Auswahl eines Ehrenspielführers nicht einfließen. „Bei der Ernennung zum Ehrenspielführer werden ausschließlich sportliche Kriterien herangezogen. Die gegen Eduard Geyer erhobenen Vorwürfe spielten 2014 für das Präsidium der SGD keine Rolle mehr, da er die Betroffenen persönlich um Entschuldigung gebeten und eine umfassende öffentliche Aufarbeitung bereits stattgefunden hatte“, schrieb das Gremium am Freitag. Für das Präsidium sind Geyers Vergehen anscheinend verjährt, die charakterliche Eignung müsse man eh nicht weiter beachten. Dass ausschließlich sportliche Kriterien für die Berufung zum Ehrenspielführer gelten sollen, steht aber so nicht explizit in Paragraph 4, Absatz 5 der Beitrags- und Ehrenordnung, die die Ernennung zu einem Ehrenspielführer regelt. Darin heißt es: „Früher aktive Mitglieder, welche sich in hervorragender Weise um den Verein und dessen Tradition verdient gemacht haben, können vom Präsidium zum Ehrenspielführer der SG Dynamo Dresden ernannt und mit einer Urkunde ,Ehrenspielführer der SG Dynamo Dresden’ bedacht werden. Sie sind von der Beitragszahlung befreit.“

DURCHKLICKEN: Bilder aus der Karriere von Hansi Kreische

Kreische bejubelt 1970 ein Ligator gegen Vorwärts Berlin. (@ Archiv) Zur Galerie
Kreische bejubelt 1970 ein Ligator gegen Vorwärts Berlin. (@ Archiv) ©

Auf dieses Privileg und die Anerkennung ihrer Leistungen verzichten Kreische, Sammer und Riedel nun jedoch freiwillig, weil sie bei Geyer die Voraussetzungen nicht erfüllt sehen. Einer wie der 73 Jahre alte Oberschlesier habe durchaus seinen Platz im Verein, sei aber kein Vorbild für die Jugend. Er habe um des eigenen Vorteils willen Mitspieler ausgehorcht und sie bei der Stasi verunglimpft. „Für die Tradition, die Eduard Geyer verkörpert, stehen wir nicht“, betonte der vierfache DDR-Oberliga-Torschützenkönig Kreische auch im Namen der anderen Antragsteller am vergangenen Montag während eines Gesprächs in der DNN-Redaktion.

Als sich das Präsidium am Freitagmittag zu Geyer bekannte, ließ die Antwort der drei Ex-Auswahlspieler nicht lange auf sich warten. In einer gemeinsamen Erklärung teilten sie mit: „Das Präsidium hat nach langer Zeit eine Entscheidung getroffen, dass Eduard Geyer ein wichtiger Bestandteil der Traditionspflege von Dynamo Dresden bleiben soll. Da wir, Klaus Sammer, Hans-Jürgen Kreische und Dieter Riedel, anderer Meinung sind, bitten wir, umgehend unsere Auszeichnung als Ehrenspielführer zurückgeben zu dürfen.“ Kreische fügte gegenüber den DNN hinzu: „Das ist unsere Reaktion. Ich sehe nicht ein, dass wir jetzt noch ewig einen Krieg führen sollen. Wenn der Verein das so sieht, dann ist es so.“ Aus seiner Stimme schwang am Telefon tiefe Enttäuschung mit.

ANZEIGE: #GABFAF-T-Shirt plus gratis Gymbag! Der Deal of the week im SPORTBUZZER-Shop.

Die aktuellen TOP-THEMEN
Anzeige
Sport aus Dresden
Sport aus aller Welt