23. Mai 2020 / 10:10 Uhr

Dynamo Dresdens Coach Markus Kauczinski mit „Wut im Bauch“

Dynamo Dresdens Coach Markus Kauczinski mit „Wut im Bauch“

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
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Trainer Markus Kauczinski und sein Team fühlen sich ungerecht behandelt. Doch genau daraus wollen sie die Motivation und Kraft schöpfen, um den Kampf gegen den Abstieg wieder aufzunehmen. © dpa
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Neun Spiele in 29 Tagen, eine extrem kurze Vorbereitungszeit und immer noch Sorgenfalten bei seinen Fußballprofis wegen Corona: Dynamo Dresdens Cheftrainer nimmt diese enorme Herausforderung an und gibt sich kämpferisch.

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Dresden. In der Nacht zu Freitag endete für den Großteil der Spieler und Betreuer von Dynamo Dresden die zweiwöchige Quarantäne. Am Sonnabend darf der Fußball-Zweitligist erstmals wieder gemeinsam als Mannschaft trainieren. Das erste Geister-Heimspiel gegen den VfB Stuttgart folgt am 31. Mai und danach geht es im Dreitages-Rhythmus mit Pflichtspielen weiter. Am Freitag schilderte Cheftrainer Markus Kauczinski in einem Pressegespräch die Situation und blickte auf anstehende Herausforderungen.

Herr Kauczinski, wie haben Sie die vergangenen 14 Tage als Fußballlehrer im Homeoffice verbracht?

Ich habe prinzipiell kein Problem damit, auch mal meine Ruhe zu genießen und nicht rausgehen zu dürfen. Aber die Quarantäne an sich hat ja eine besondere Bedeutung für uns. Ich war immer gefangen in dem, was passiert und wie es mit uns weitergeht. Ich habe aber versucht, einen normalen Alltag reinzubringen, früh aufzustehen, zu frühstücken, zu lesen, Musik zu hören. Natürlich schaut man Fußball, redet mit seinem Team und man hat das Training überwacht. Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen, aber leicht ist es mir nicht gefallen.

Wie bewerten Sie die vier positiven Coronatests in der Mannschaft und den einen im Umfeld?

Den ersten Test haben wir ganz normal hingenommen, da ist ja auch nur der eine betroffene Spieler in Quarantäne gegangen. Wir waren dann wirklich geschockt von den beiden nächsten Fällen, die uns dann alle in Quarantäne gebracht haben. Wir mussten uns auch den Vorwurf gefallen lassen, dass wir Kapital daraus schlagen wollen. Letztlich hat sich gezeigt, dass Quarantäne eine gute Entscheidung war. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt zwei Trainingseinheiten absolviert, so dass die Gefahr groß war, dass weitere Spieler infiziert sind. Deswegen überrascht mich der letzte Test auch nicht, wo auch noch mal zwei positive Fälle aufgetreten sind.

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Via Internet übertrug Dynamo Dresden am Freitag ein Pressegespräch mit Cheftrainer Markus Kauczinski. © Steffen Manig
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Haben Sie Angst, sich zu infizieren?

Prinzipiell hatte ich die nie. Ich bin ein positiv denkender Mensch. Aber natürlich macht man sich Gedanken. Ich bin 50 geworden, gehe in Richtung Risikogruppe. Leider gibt es immer wieder Leute, die daran erkranken. Natürlich denkt man da auch an sich und seine Familie. Mittlerweile bin ich vorsichtiger geworden als ich vorher war.

Wie haben die zwei neuen Betroffenen, deren Infektion am Mittwoch bekanntgegeben wurde, die Verlängerung der Quarantäne um zehn Tage psychisch aufgenommen?

Das war ein bisschen ungläubig. Man hält sich an die Vorgaben und versucht wirklich alles, um sich aus dem Weg zu gehen. Und dann trotzdem dieses Ergebnis. Das war schon irgendwo nicht nachvollziehbar. Aber man muss verstehen, dass man dieses Virus nicht komplett beherrschen kann. Man kann nur Wahrscheinlichkeiten minimieren. Das haben wir versucht, in Gesprächen aufzuarbeiten, und auch Hilfestellungen zu geben. Letztendlich bin ich froh, dass alle Fälle bislang symptomlos waren und niemand erkrankt ist. Wir müssen versuchen, das alles zu verstehen und dann gestärkt daraus hervorzugehen.

Glauben Sie, dass die Spieler durch das Hygienekonzept der DFL im Punktspielalltag ausreichend geschützt werden können?

Das sind bei der DFL die Nebensätze, die es richtig ausdrücken: „Es geht darum zu schützen, so gut es geht.“ Wir an allererster Stelle haben gemerkt, dass nichts dich komplett schützen kann. Das Virus wird durch die Luft übertragen, das kann man nicht komplett in den Griff kriegen. Man muss mit einem Restrisiko leben. Genau das ist es, was die Spieler in Bezug auf ihre Familien auch Bedenken haben lässt. Wir arbeiten das auf und versuchen, die Dinge bestmöglich umzusetzen. Aber zu glauben, dass man das ausschließen kann, ist ein Irrglaube. Wir haben gemerkt, dass man sich trotzdem infizieren kann. Damit müssen wir leben. Man wird nach den Spielen nach Hause gehen. Der Partner war arbeiten, das Kind im Kindergarten. Da bestehen Übertragungswege. Wir müssen wie alle anderen Branchen damit leben, dass eine Restgefahr besteht.

Gibt es Spieler, die Bedenken haben, an diesem Wochenende wieder ins Mannschaftstraining einzusteigen?

Ich glaube, dass alle trainieren werden. Natürlich gibt es Bedenken, gerade bei uns, wo es positive Fälle gab. Wir haben junge Familienväter und Spieler, die bald Vater werden. Das ist das Normalste der Welt, dass sich diese Spieler ihre Gedanken machen. Da geht es noch nicht mal um sie selber, sondern darum, ihre Familienangehörigen anzustecken. Nach den beiden Tagen Mannschaftstraining hatte ich ein richtig gutes Gefühl, dass wir das hinter uns lassen können. Die zwei neuen Fälle waren dann ein richtiger Schock. Das hat uns den Boden unter den Füßen weggerissen. Die Spieler lieben Fußball und wollen die Herausforderung auch annehmen, aber die Bedenken sind menschlich. Wir sind dabei zu helfen, haben auch psychologische Hilfe angeboten.

Wissen Sie inzwischen, woher die Ansteckungen kamen?

Wir haben versucht, Infektionsketten nachzuvollziehen. Deswegen haben wir auch in Gruppen trainiert und wir hatten eine gewisse Ordnung beim Umziehen – nur mit drei Leuten. Anreise und Abreise alles in Teilen, damit man Infektionsketten zurückverfolgen kann. Aber das ist schwer, wenn die Spieler dann auch nach Hause gehen oder einkaufen sind. Gewissheit gibt es nicht, man spekuliert dann immer. Deswegen mussten wir auch in Quarantäne, weil eine Kette nicht hergestellt werden konnte. Das Gesundheitsamt hat die Gefahr als sehr groß eingeschätzt, dass jemand keine Symptome hat, aber die Spieler ansteckt.

Wie kommentieren Sie die Vorwürfe, Dynamo würde als Tabellenletzter einen Abbruch der Saison mindestens billigend in Kauf nehmen?

So doof kann man gar nicht sein. Wir haben infizierte Spieler. Ich bin froh, dass die Jungs keine Symptome haben. Wie sollte das aussehen? Wir infizieren keine Spieler absichtlich und haben keinen Einfluss auf das Gesundheitsamt. Es gibt nichts, was die Saison zum Abbruch führen lassen kann. Für uns war es ein Riesenschock, in Quarantäne zu gehen, weil jeder wusste, dass wir zwei Wochen nicht trainieren dürfen und dann ganz viele englische Wochen haben, für die wir eine gewisse körperliche Verfassung brauchen. Von daher ist das völlig Banane, sowas zu denken. Heute gibt jeder von überall her seinen Senf dazu, ohne zu wissen, was Sachlage ist. Deswegen kann ich damit nichts anfangen.

Sind die infizierten Spieler nach überstandener Krankheit einsatzfähig?

Wir werden das diagnostisch untersuchen. Es gibt immer Fragen nach so einer Infektion, auch wenn keine Symptome aufgetreten sind. Ob Gefahren bestehen, werden wir abklären lassen. Wir stehen mit dem Uniklinikum in Verbindung. Wir stehen im Umgang mit dem Virus erst am Anfang. Bei positiv getesteten Spielern werden wir ein genaues Auge darauf haben. Für den Rest heißt es: ab diesem Samstag Vollgas!

Sorgen Sie sich vor weiteren Ausfällen, sowohl wegen der kurzen Vorbereitungszeit als auch virusbedingt?

Mit den Sorgen habe ich es nicht mehr so. Viel schlimmer kann es fast nicht mehr kommen, wir haben alles durch. Mittlerweile stumpft man da ab und nimmt Dinge einfach hin, was mir nicht unbedingt gefällt. Ich bin jemand, der aufbegehrt und seine Meinung sagt, aber irgendwie hat man das Gefühl der Machtlosigkeit. Ich münze das in Kraft und Motivation um. Wenn noch was kommt: Einfach drauf, wir können das!

Wie haben Sie das Training verfolgt?

Ich habe mein Team – die Athletiktrainer, die die Einheiten durchführen und kontrollieren. Da habe ich mal reingeschaut, war aber nicht ständig dabei. Hier in Dresden sehe ich von meinem Balkon aus Linus Wahlqvist auf seinem Balkon trainieren, ich war also sogar live dabei und habe ihm gewunken. Die Jungs haben richtig gut gearbeitet. Sie stöhnen, denn wir trainieren Sachen, die wir sonst weniger trainieren. Wir haben alles getan, um möglichst schnell wieder fit zu werden.

Mit welchem Gefühl haben Sie den Spieltag nach der Pause beobachtet und wie bewerten Sie das Gesehene?

Gemischt. Es ist mir schwergefallen, weil man gemerkt hat, was das für uns bedeutet. Dass wir das Gefühl haben, wir hecheln hinterher. Alle starten ins Rennen und man selber kann nicht starten. Man hat gesehen, was man zu dem Zeitpunkt leisten kann. Die Mannschaften haben sich bemüht, aber gewisse Dinge fehlen. Alle waren bemüht, den Fußball gut darzustellen, weil viel auf dem Spiel steht. Dass die Stimmung anders ist und nicht das rüberkommt, was den Fußball ausmacht, merken wir alle. Trotzdem geht von dem Spiel eine Faszination aus. Wir lieben den Fußball und trotzdem wollen wir ihn anders sehen. Ich habe die Spiele angeschaut, natürlich viel Stuttgart. Ich habe versucht, einen Überblick über unseren nächsten Gegner zu gewinnen, habe Stärken und Schwächen gesehen. Das war ein Spiel, wie es oft am Saisonanfang zu sehen ist, wo Mannschaften noch Zeit brauchen und in einer Entwicklung sind.

Wie haben Sie die Siege der Konkurrenz wahrgenommen und wie bewerten Sie den psychologischen Effekt auf die Mannschaft?

Für den Moment fühlt sich das schlecht an, der letzte Treffer für Wehen war durchaus kurios. Da fühlte ich mich erinnert an unser Darmstadt-Spiel. Letzten Endes sind wir an dem Punkt, wo wir schon waren: Wir müssen Punkte holen und uns davon freimachen, was der Gegner macht. Dass wir das können, haben wir schon gezeigt. Man muss 37, 38, vielleicht 40 Punkte holen, um es zu schaffen. Es war klar, dass auch die Anderen sich wehren und für den Klassenerhalt kämpfen. Dass es ein enges Rennen wird, war von vornherein klar. Wichtig ist, dass wir antworten können. Wir hatten schon mal sieben Punkte Rückstand und jetzt sind es vier. Das tut für den Moment weh, aber davon müssen wir uns freimachen.

Für Dynamo spricht derzeit nicht viel. Kann genau das einen „Jetzt erst recht!“-Effekt hervorrufen?

Ja, man hat Wut im Bauch, fühlt sich ungerecht behandelt. Das spürt die Mannschaft auch. Ich habe mit dem einen oder anderen telefoniert. Ich spüre, dass man aufstehen und sich wehren will. Ich glaube schon, dass das Kraft geben kann und das eine besondere Motivation sein wird. Wir müssen sehen, dass wir jetzt schnell fit werden und diese kurze Woche nutzen, um dann zu starten und das kleine Handicap auszugleichen. Da kann diese Motivation helfen.

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Die DFL hat dem Verein neun Spiele in 29 Tagen aufgebürdet. Was waren Ihre ersten Gedanken, als der Plan am Mittwoch veröffentlicht wurde?

Ich hab mich über mich selbst geärgert und mich gefragt, welche Erwartungen ich eigentlich hatte. Dann habe ich gedacht, das wird ein schöner Ritt, das wird richtig heftig. Das kommt noch mal oben drauf, mehr Belastung als alle anderen. Aber es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder die Saisonverlängerung oder alles reinzuquetschen und die Regeln voll auszunutzen. Eine besagt, dass 48 Stunden zwischen den Spielen liegen müssen. Das ist erfüllt. Von daher müssen wir das einfach annehmen. In England wird auch ständig im Dreitagesrhythmus gespielt. Wir werden uns das aneignen, darum kämpfen und uns fitmachen. Wir werden jeden Spieler brauchen und das Beste aus dieser Situation machen. Glücklich sind wir natürlich nicht damit.

Fehlt Dynamo im deutschen Fußball die Lobby, um beispielsweise eine Saisonverlängerung zu erreichen?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich möchte sowas nicht denken. Da wir diejenigen sind, die es am härtesten getroffen hat, vermag ich das nicht zu sagen. Natürlich hat man sich eine Verlängerung der Saison gewünscht, um das alles zu entzerren. Es gibt ja so einen Notfallplan, aber vielleicht sind wir auch gar kein Notfall. Ich versuche, das nicht persönlich zu nehmen, denn sonst drehst du zu Hause durch. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker und will das auch nicht werden.

Während der englischen Wochen kann sich das Team keine Schwächephasen erlauben. Wie bereitet man es auf diese Herkulesaufgabe vor?

Wir müssen natürlich schnell reinkommen, haben jetzt eine Woche Zeit, um uns auf Stuttgart vorzubereiten. Und das nach einer Phase mit Krafttraining und Fahrradfahren. Das wird eine große Herausforderung, am ersten Spieltag richtig konkurrenzfähig zu sein – das werden wir erst nach und nach, glaube ich. Wir haben eine gute Mannschaft und haben gezeigt, dass wir Steh-auf-Männchen sind. Wir werden noch mal mehr Energie reinlegen müssen, um für uns, für Dynamo und für Dresden zu kämpfen. Vielleicht dauert das auch eine Woche länger und Stuttgart kann sich freuen, uns am Anfang zu haben. Aber dann werden wir Kraft entwickeln und müssen eine Serie starten. Da wird es entscheidende Spiele geben und Momente, wo wir wissen, dass wir gewinnen müssen. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Das werden wir schaffen. Im Kampf um den Klassenerhalt wussten wir sowieso, dass es so kommen kann.

Kann es am Saisonende ein wirklich faires Ergebnis geben?

Es wird Einschränkungen geben. Das kann man vielleicht erst am Ende richtig beurteilen. Im Moment fühlt es sich für uns nicht so an. Wir spielen noch gegen alle drei Mannschaften, die ganz oben stehen. Auch da können wir Zünglein an der Waage sein. Dass wir gleich zu Beginn gegen Stuttgart spielen, kann auch im Aufstiegskampf eine Rolle spielen. Für uns gilt, jetzt nicht in eine Opferrolle zu fallen. Wir wollen dagegen angehen. Und die Frage, ob gerecht oder ungerecht? Es geht ja anscheinend um ein höheres Gut, viele Vereine sind in Schieflage. Es war wichtig, die Fernsehgelder zu generieren und das Produkt Fußball wieder zu bringen, damit die Vereine sich retten können. Da treten andere Dinge in den Hintergrund. Dass wir jetzt einen Preis dafür bezahlen, muss man vielleicht so hinnehmen. Es wird wahrscheinlich auch noch Andere geben, die einen Preis bezahlen müssen.