28. Februar 2020 / 08:39 Uhr

Dynamo Dresdens Hartmann: „Es hat keinen Sinn, heute schon irgendwas abzuschenken“

Dynamo Dresdens Hartmann: „Es hat keinen Sinn, heute schon irgendwas abzuschenken“

Jochen Leimert, DNN
Dresdner Neueste Nachrichten
Trainingseinheit am Nachmittag. Im Bild: Marco Hartmann am Ball. 18.02.2020 Fußball 2. Bundesliga Saison 2019/2020 Trainingsplatz Großer Garten, SG Dynamo Dresden *** Training session in the afternoon In the picture Marco Hartmann on the ball 18 02 2020 Football 2 Bundesliga season 2019 2020 Training ground Großer Garten, SG Dynamo Dresden
Marco Hartmann ist bei Dynamo Dresden seit vier Wochen wieder relativ beständig am Ball. Nur Spielpraxis fehlt ihm noch. © imago images/Steffen Kuttner
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Routinier Marco Hartmann spricht im SPORTBUZZER-Interview über die aktuelle Situation bei Dynamo Dresden, seinen Fitnesszustand, den Verlust des Kapitänsamtes und seine Pläne für den Sommer.

Dresden. Nicht nur für seinen Verein, auch für Marco Hartmann gleicht die laufende Spielzeit einer Seuchensaison. Nur fünf Einsätze konnte der Eichsfelder wegen diverser Verletzungen bestreiten, doch jetzt ist er seit vier Wochen beschwerdefrei. Im Schlussspurt der 2. Fußball-Bundesliga will der 1,94-Meter-Hüne, der am Dienstag 32 Jahre alt wurde, noch mal mitmischen. Den neuerlichen Abstieg der SGD in die 3. Liga, den er als einziger Spieler des Profikaders 2014 schon mal bei den Schwarz-Gelben erlebt hat, will er unbedingt verhindern und sich für einen neuen Vertrag anbieten.

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Wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut. Seit der letzten Einheit vor dem Karlsruhe-Spiel bin ich im Mannschaftstraining, war zwischendurch nur mal zwei Tage wegen eines Infektes draußen. Ich habe jetzt also vier Wochen mittrainiert; mittlerweile merke ich auch, dass ich mit der Belastung keine Probleme mehr habe. Ich habe viel von dem aufgeholt, was ich in der Vorbereitung verpasst habe. Jetzt liegt der nächste Schritt vor mir: irgendwie auf den Platz zu kommen und Spielpraxis zu sammeln.

DURCHKLICKEN: Bilder vom Dynamo-Training am 18. Februar 2020

Eindrücke aus dem Dynamo-Training am 18. Februar 2020. Zur Galerie
Eindrücke aus dem Dynamo-Training am 18. Februar 2020. © Steffen Manig

Sucht der Coach oft das Gespräch mit Ihnen?

Wir sind immer im Austausch. Er hat mir jede Woche ein Feedback gegeben, wie er die Trainingsleistung sieht. Da waren wir beide recht zufrieden. Dennoch waren wir uns am Anfang schon bewusst, dass bei mir konditionell noch was gefehlt hat. Dass ich, wenn es hochintensiv herging, unsauber wurde. Das ist aber in den letzten Wochen besser geworden. Natürlich fehlt mir die Spielpraxis.

Wie viele Minuten würden Sie sich im Wettkampf zutrauen, wenn Markus Kauczinski Sie danach fragen würde?


Das ist schwer abzuschätzen. Wenn es hart auf hart kommt, kann man auch viel über den Willen steuern. Wann man an seine Leistungsgrenze kommt, ist schwer zu sagen.

Nach dem 1:2 gegen Bochum ist die Situation für Dynamo schwieriger geworden. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Das war schon ein richtiger Tiefschlag, denn du hast nach der Hinrunde keinen Puffer mehr. In der Winterpause war sehr viel Euphorie da, die Stimmung viel besser als vor Weihnachten. Die haben wir mit einem Heimsieg und einem ordentlichen Auswärtspunkt in Heidenheim geschürt, aber dann ging es gegen Darmstadt schon los. Wenn uns das vermeintliche Tor zum 3:3 dort nicht aberkannt worden wäre, hätten wir da mindestens unentschieden gespielt. Jetzt ist diese Euphorie, die natürlich ein ganz labiles Ding war, weg. Sechs Punkte Rückstand sind auch nicht wenig, da müssen wir uns nichts vormachen. Die musst du erstmal aufholen, dazu brauchst du eine Serie. Aber im Fußball ist vieles wandelbar, sechs Punkte kann man in elf Spielen aufholen. Wenn wir in Regensburg drei Punkte holen und die anderen nicht, dann ist die Hoffnung wieder da. Es hat also überhaupt keinen Sinn, heute schon irgendwas abzuschenken. Vielleicht ist es von Vorteil, dass der Gedanke, noch irgendwas verlieren zu können, jetzt weg ist.

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Schwerer Nackenschlag für Dynamo Dresden: Die Elbestädter unterlagen dem VfL Bochum durch einen Treffer in der Nachspielzeit mit 1:2. Zur Galerie
Schwerer Nackenschlag für Dynamo Dresden: Die Elbestädter unterlagen dem VfL Bochum durch einen Treffer in der Nachspielzeit mit 1:2. ©

Haben die im Winter gekommenen Spieler jetzt schon Ihre Unbefangenheit verloren, die sie in die von Negativerlebnissen gebeutelte Mannschaft einbringen sollten?

Für sie war es der erste Rückschlag, aber sie können damit umgehen. Gerade „Schmidti“ (Patrick Schmidt/d. Red.) ist beispielsweise ein Typ, der eine gute Ausstrahlung besitzt, der kein Problem hat mit Fehlern, immer weitermacht. An solchen Leuten muss man sich aufrichten.

Hartmanns Abstiegserfahrungen

Sie haben in der Saison 2013/14 schon einen Abstieg miterlebt. Hilft Ihnen die Erfahrung von damals, jetzt mit der Krise besser umzugehen?

Ich kann mich, ehrlich gesagt, nicht genau erinnern, wie es damals in der Kabine war. Gerade in der heißen Phase Ende Februar/Anfang März hatte ich mich verletzt, hatte ich Pause und habe erst im letzten Spiel noch mal drei Minuten gespielt. Ich glaube aber, was uns jetzt helfen kann, ist, dass wir nicht einzeln versuchen sollten, Ideen umzusetzen. Wir müssen versuchen, das zu bündeln. Man muss in der Mannschaft viele überzeugen, viel miteinander reden, immer wieder aufstehen, einen neuen Plan entwickeln, wie du das nächste Spiel gewinnen kannst. Ein Sieg kann dann viele Dinge fördern. Wenn du nochmals gewinnst, kannst du Fesseln ablegen, Barrieren überwinden. Wir müssen daran glauben, dass wir einen Lauf haben können. Das ist die einzige Chance, die wir noch haben.

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Gibt es die Möglichkeit, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen? Ex-Profi Silvio Schröter studiert das Fach und ist jetzt ab und an im Umkreis der Mannschaft dabei ...

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Ich weiß nicht, inwiefern Silvio mit Spielern der 1. Mannschaft zusammenarbeitet. Es gibt aber die Möglichkeit, sich mit externen Experten zu treffen. Das wird vom Verein organisiert. Ich habe das in der Hinrunde genutzt. Wer das noch in Anspruch nimmt, weiß ich nicht. Ich brauchte nicht unbedingt jemanden, um über meine Situation zu reden, denn da bin mich mit meiner Familie gut aufgestellt. Bei mir war das einfach so, dass ich mal eine andere Meinung hören wollte – von jemandem, der aus dem Sport kommt.

Haben Sie während Ihrer Verletzungen im Sommer und am Jahresende mal darüber nachgedacht, ganz aufzuhören?

Mir ist die Reha diesmal schwerer gefallen, es war nicht mehr so wie früher, wo du einfach gesagt hast: Das ist jetzt mal eine andere Art des Trainings. Ich habe im Winter sehr viel trainiert, da war es dann blöd, den Ansatz einer Lungenentzündung zu erwischen und das Trainingslager zu verpassen. Aber ich habe nicht gesagt: Ich habe keinen Bock mehr. Und seit ich wieder mittrainiere, weiß ich wieder, wie cool es ist, auf dem Trainingsplatz zu stehen, Fußball zu spielen. Mal wieder im Stadion zu spielen, würde mich erfüllen. Es macht Spaß, draußen Gas zu geben.

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Nach so einer Seuchensaison kann man auch nicht aufhören, oder?

Nein, so kann und will ich nicht aufhören. Damit wäre ich einfach nicht zufrieden. Wenn es einen Grund gäbe, dass ich meinen Körper kaputt machen würde, dann würde ich es lassen. Dann muss man so aufhören – auch wenn es nicht cool ist. Aber da ich jetzt seit vier Wochen keinerlei Beschwerden habe – außer vielleicht mal etwas Muskelkater, weil ich die Belastung nicht mehr gewöhnt war –, möchte ich schon noch mal zeigen, dass es geht. Es gab ja auch genug Phasen in meiner Karriere, wo ich über einen längeren Zeitraum gesund war, Leistung bringen und Leute von mir überzeugen konnte. Das will ich wieder erreichen, darauf habe ich Bock. Ich bin der Meinung, dass ich in der 2. oder 3. Liga noch Leistung bringen und einer Mannschaft helfen kann. Ich habe Ralf Minge im Winter auch gesagt, dass ich noch weiterspielen möchte – tendenziell noch zwei Jahre. Wir werden uns im April oder Mai zusammensetzen und uns darüber unterhalten, wie die Lage im Verein ist und wie die Zielstellung aussehen soll. Dann wird man sehen, was mit mir wird. Ich bin im Moment aber ganz ruhig, das ging mir in der Hinrunde noch anders, weil ich da noch verletzt war. Ich fühle mich gut, habe jedenfalls im Moment keine durchdachte Alternative, die außerhalb des Fußballs liegt.

Hartmanns Einfluss auf die Mannschaft

Schmerzt Sie der Verlust der Kapitänsbinde oder sind Sie in der schwierigen Situation froh, eine Bürde los zu sein?

Dass ich nicht mehr Kapitän sein würde, war spätestens klar, als ich nicht mit ins Trainingslager fahren konnte. Du kannst keinen zum Kapitän machen, der noch in der Reha ist. Das sagt dir der Kopf, auf der anderen Seite war ich stolz drauf, den Job dreieinhalb Jahre gemacht zu haben. Ich habe ihn auch gern gemacht, deswegen war ich innerlich etwas enttäuscht, obwohl ich das total verstanden habe. Aber nach zwei, drei Tagen habe ich meine neue Rolle angenommen. Ich hatte gerade wieder angefangen zu trainieren, da war es nicht verkehrt zu sagen: Ich kann mich jetzt nur auf mich konzentrieren. Es gab bei mir keine Nachfragen zur aktuellen Situation, denn das betraf nur die Spieler, die gespielt haben.

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Hat Ihr Wort in der Mannschaft seitdem weniger Gewicht?

Je länger ich in der Reha war, desto schwieriger wurde es. Wenn man nur noch dort ist, dann bist du zu weit weg, siehst die Probleme auf dem Platz nur von außen. Es ist nicht so, dass keiner mehr zugehört hat, aber dein Einfluss hat nachgelassen. Ich merke jetzt, wo ich wieder auf dem Platz stehe, dass ich wieder mittendrin in den Diskussionen bin.

Dynamo hat sich nach der Winterpause schon etwas defensiv verbessert. Wie bekommt man denn nun auch offensiv wieder mehr Zug rein?

Die defensive Stabilität war in der Winterpause ein großes Thema, das hat auch Früchte getragen. Wir haben weniger Chancen des Gegners zugelassen, wenn man jetzt mal das St.-Pauli-Spiel rausnimmt. Wenn wir in der Hinrunde vier, fünf Riesendinger des Gegners zugelassen haben, dann sind es jetzt anderthalb oder zwei. Das Problem ist, dass es auf der anderen Seite genauso aussieht, denn wir kreieren auch nur zwei Chancen in 90 Minuten. Wir müssen aber vorn mehr Torgefahr ausstrahlen, denn ein 0:0 fühlt sich für uns auf dem Platz nicht gut an. Für Bochum und den Riemann (VfL-Torwart Manuel Riemann, d. Red.) hat sich das wunderbar angefühlt, deswegen hat der sich in der 60. Minute auch gleich mal kurz hingelegt. Wir müssen nach Balleroberung schneller nach vorn spielen, den Gegner auch mal ungeordnet erwischen. Oder alles weiter nach vorn schieben. Wir brauchen mehr Action, um das Publikum in Dresden mitzunehmen.

Hat Dynamo Dresden denn noch eine andere Wahl, als gegen die Regensburger heute Abend volle Pulle Risiko zu spielen?

Das hört sich so an, als ob du 90 Minuten vorn drauf spielst. Ich glaube, da kannst du gegen sie Riesenprobleme kriegen. Das ist eine Mannschaft, die sehr viele lange Bälle spielt, sehr in die Tiefe geht. Wenn du da vorn voll drauf gehst, spielen sie dir die Bälle oben drüber. Aber auf Sieg musst du schon spielen. Was willst du denn mit einem Punkt?