20. Januar 2022 / 08:18 Uhr

Mitspieler erinnern sich an "Dixie" Dörner: "Genialer Fußballspieler und absoluter Kumpel"

Mitspieler erinnern sich an "Dixie" Dörner: "Genialer Fußballspieler und absoluter Kumpel"

Jochen Leimert
Dresdner Neueste Nachrichten
Bei jedem Wetter ging Hans-Jürgen Dörner gern ins Harbig-Stadion - zuerst als Spieler, zuletzt als Aufsichtsrat von Dynamo Dresden.
Bei jedem Wetter ging Hans-Jürgen Dörner gern ins Harbig-Stadion - zuerst als Spieler, zuletzt als Aufsichtsrat von Dynamo Dresden. © imago/Robert Michael
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"Der Mann hat Fußballgeschichte geschrieben": Ehemalige Dynamo-Kollegen erinnern sich mit Hochachtung an Hans-Jürgen Dörner, der am Mittwoch im Alter von 70 Jahren gestorben ist.

Dresden. Man wusste schon eine Weile, dass er schwer krank war. Er hatte sich zurückgezogen, man traf ihn nicht mehr im Stadion, hörte nur, dass er länger in der Klinik und dann wieder zu Hause war. Selbst ehemalige Mitspieler empfing er kaum noch. Hans-Jürgen Dörner, der seit Kindertagen wohl häufiger mit seinem Spitznamen „Dixie“ als mit seinen richtigen Vornamen angesprochen wurde, machte ungern viel Aufhebens um seine Person. So groß sein Ruhm als Fußballer war – so wenig mochte er den Rummel um sich.

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„Wir haben uns nie bösartig im Wege gestanden“

Über die heimtückische Krankheit, die ihm nach und nach ein immer größeres Stück seines Lebens raubte, sprach er in der Öffentlichkeit nicht. Nur ganz wenige wussten wirklich, dass ein außergewöhnliches Fußballerleben mit vielen Höhen und einigen Tiefen bald zu Ende gehen würde. Wenige Tage vor seinem 71. Geburtstag ist der 100-fache DDR-Auswahlspieler und langjährige Kapitän von Dynamo Dresden am Mittwochmorgen in seiner Wohnung gestorben. Das teilte seine Familie mit.

DURCHKLICKEN: Bilder aus der Karriere von "Dixie"

558 Spiele für Dynamo Dresden, 100 für die DDR, eine Goldmedaille bei Olympia: Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner war eine absolute Fußballlegende. Am 19. Januar 2021 ist der gebürtige Görlitzer im Alter von 70 Jahren gestorben. Wir blicken auf seine Karriere zurück. Zur Galerie
558 Spiele für Dynamo Dresden, 100 für die DDR, eine Goldmedaille bei Olympia: Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner war eine absolute Fußballlegende. Am 19. Januar 2021 ist der gebürtige Görlitzer im Alter von 70 Jahren gestorben. Wir blicken auf seine Karriere zurück. ©

Bei seinen Fans, die spontan Blumen am Rudolf-Harbig-Stadion niederlegten, beim Verein und seinen ehemaligen Mitspielern löste die Nachricht vom Tod des ’76er-Olympiasiegers tiefe Trauer aus. Dörner, der bei Dynamo jede Menge Rekorde hielt, mehr Superlative als jeder andere auf sich vereinte, war ungeheuer populär. Ein Liebling der Massen war er aber nicht nur, weil er sportlich über den Dingen stand, sondern auch als Persönlichkeit hohes Ansehen genoss. Hartmut Schade, sein langjähriger Mitspieler bei Dynamo und in der DDR-Auswahl, zollt Dörner höchsten Respekt: „Er war einer der begnadetsten Fußballer, die die Welt bis dato hervorgebracht hatte, aber trotz alledem war er immer bescheiden und hat das nie irgendwo groß rausgesteckt.“ Dieter Riedel, ein anderer Weggefährte bei Dynamo und in der DDR-Auswahl, wird Dörners menschliche Art in guter Erinnerung behalten: „Wir haben uns nie bösartig im Wege gestanden. Wenn er mich mal angepfiffen hat, dann nur auf dem Platz. Er hat ja auf einer Position agiert, wo er das Spiel vor sich hatte. Und wenn wir vorn Fehler gemacht haben, dann hat er das besser gesehen.“ Meistens habe er damit richtig gelegen. Freude an Rechthaberei habe Dörner aber nie gehabt, ihm sei es stets um den Erfolg der Mannschaft gegangen, ist Riedel überzeugt.

Olympia als Trost

Wie Schade und er war Dörner einer von Dynamos Ehrenspielführern. Gemeinsam holten sie 1976 mit der DDR-Auswahl in Montreal das bis heute einzige Olympia-Gold einer deutschen Männermannschaft im Fußball. Eine Sternstunde, das empfand auch Dörner so. Das 3:1 im Finale gegen Polen und das ungläubige Staunen von DTSB-Chef Manfred Ewald, der die ungeliebten Kicker anfangs schon hatte nach Hause schicken wollen, ihnen dann aber nach der Siegerehrung im Fahrstuhl begegnete, genoss er wie kaum einen anderen Moment. „Das war mein größter sportlicher Erfolg“, antwortete er zufrieden, wenn er nach den Tagen in Kanada gefragt wurde.

Der Triumph in Nordamerika war für Dörner immer Trost für seine größte Enttäuschung: Nie an einer Weltmeisterschaft teilgenommen zu haben – 1974 in Westdeutschland fehlte er wegen einer Gelbsucht –, das quälte den fünffachen DDR-Meister und fünffachen FDGB-Pokalsieger schon. Zu gern hätte der ehrgeizige Görlitzer, der 1968 mit 16 Lenzen von WAMA Görlitz nach Dresden gekommen war und danach 558 Pflichtspiele für Dynamo bestritt, auch mal einen Europacup-Titel gewonnen. Kein Wunder bei einem, der 65 Mal bei Cup-Spielen auf dem Platz stand.

„Wollte immer gewinnen“

Die vielen Auslandsreisen genoss der dreifache Familienvater, auch wenn er deswegen privat Abstriche machen musste. Er musste damit klarkommen, dass die Stasi stets mit im Bus oder Flugzeug saß und auch mal seine Wohnung verwanzte. Selbst blieb er sauber, was ihm besonders von denen hoch angerechnet wird, die unter den üblen Machenschaften des Mielke-Apparates arg zu leiden hatten. Stürmer Peter Kotte, Mitspieler Dörners bei der Sportgemeinschaft und in der DDR-Auswahl, lässt nichts auf ihn kommen. Der im Januar 1981 mit Gerd Weber und Matthias Müller bei Dynamo wegen vermeintlich geplanter Republikflucht geschasste Angreifer sagt am Tag von Dörners Tod traurig: „Für mich war Dixie ein genialer Fußballspieler und ein absoluter Kumpel. Er war ein feiner Kerl, ich habe sehr gern mit ihm zusammengespielt.“


Das konnte aber auch mal anstrengend sein. Kotte: „Dixie war ein Typ, der wollte immer gewinnen. Fehler machen durfte man nicht. Er war sehr ehrgeizig, wollte alles perfekt machen. Da hat er sich auch schon mal aufgeregt.“

Dass Dörner als Trainer nicht den großen Erfolg wie als Spieler hatte, als erster „Ossi“ bei einem Bundesliga-Verein in Bremen, später beim VfB Leipzig, beim FSV Zwickau oder bei Al-Ahly in Kairo hinter den eigenen Ansprüchen blieb, das könnte auch ein wenig an seinem Hang zum Perfektionismus gelegen haben. „Ich glaube, dass er von den Spielern ein wenig zuviel erwartet hat – gemessen an dem, was er geleistet hat“, meint Hartmut Schade. Der kurz nach der Wende beim DFB beschäftigte Dörner sei vielleicht zu früh dem Ruf der Bundesliga gefolgt.

Doch wie seine Bilanz als Trainer auch aussehen mag – wirklich trüben kann sie Dörners Lebensleistung nicht. Dieter Riedel ist sich sicher: „Der Mann hat Fußballgeschichte geschrieben.“ Recht hat er.