08. Januar 2021 / 12:01 Uhr

Eberhard Münch reicht sein Ehrenamt weiter

Eberhard Münch reicht sein Ehrenamt weiter

Jürgen Brumshagen
Kieler Nachrichten
Eberhard Münch gehört mit HSV-Idol Uwe Seeler, Erfolgstrainer Otto Rehhagel und TV-Moderator Reinhold Beckmann zum Kuratorium der Sepp-Herberger-Stiftung.
Eberhard Münch gehört mit HSV-Idol Uwe Seeler, Erfolgstrainer Otto Rehhagel und TV-Moderator Reinhold Beckmann zum Kuratorium der Sepp-Herberger-Stiftung. © hfr
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Eberhard Münch betont, er habe stets auf der Seite der Fußballvereine gestanden. Aber die Verantwortlichen der Vereine, Städte und Gemeinden wussten: Wenn „Eddy" aktiv wurde, mussten bauliche und andere Auflagen auf den Sportanlagen erfüllt werden. Nur so erhielt man das Go für den Spielbetrieb.

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Zum Ende des Jahres 2020 hat der Norderstedter sein Ehrenamt als Sicherheitsbeauftragter im Fußballverband von Schleswig-Holstein an Jürgen Gohr (TSV Gudow) abgegeben. Im Sommer macht Münch, ein guter Freund von Uwe Seeler, mit 76 Jahren auch im Nordverband Schluss. „Die Aufgabe hat mir immer Spaß gebracht. Doch nun ist es genug“, sagt Münch, der 39 Jahre bei der Lufthansa beschäftigt gewesen ist.

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2005 begann Münch als Mitglied eines SHFV-Arbeitskreises, ein Sicherheitskonzept für den schleswig-holsteinischen Spitzenfußball im Land zu entwerfen. Die Richtlinie trat zur Saison 2007/08 in Kraft und wurde später immer weiter verfeinert. „Ich bin immer mal wieder der Buhmann gewesen, aber das bringt das Amt mit sich.,,Ich besitze ein dickes Fell. Am Ende haben wir fast immer eine Lösung gefunden.“ Viele Klubs hätten infrastrukturell von den Vorschriften profitiert. „Die Stadien sind nicht nur sicherer, sondern auch attraktiver geworden.“

Bundespräsident Joachim Gauck verlieh im Schloss Bellevue Eberhard Münch das Verdienstkreuz am Bande.
Bundespräsident Joachim Gauck verlieh im Schloss Bellevue Eberhard Münch das Verdienstkreuz am Bande. © Hennig Schacht

Als der SV Schackendorf zum Beispiel 2011 in die heutige Oberliga aufstieg, gab es im Travestadion keine Barrieren zwischen Fans und Spielfeld. „Die Gemeinde hat sich zunächst gesträubt, den erforderlichen Bau zu unterstützen. Da bin ich beim Bürgermeister vorstellig geworden und habe ihn auf einen Widerspruch aufmerksam gemacht. Einerseits wäre das Dorf stolz auf seine Fußballer, andererseits würde die Mannschaft aufgrund des Zögerns der Gemeindepolitik eventuell keine Zulassung für die höchste Leistungsklasse erhalten. Danach ging alles ganz schnell.“

Eine ganze Weile waren die Fans des VfR Neumünster ein Dauerthema. „Dass sie auf allen Plätzen Fackeln mit lila Rauch abbrannten, war optisch nett, aber ein Risiko und verboten.“ Es gab viele Gespräche und Strafen. „Aber auf alles können sich Klubs und Polizei nicht vorbereiten.“ Was vor einigen Jahren in Todesfelde passierte, sei nicht voraussehbar gewesen. „Da ist nach dem Abpfiff ein Bengalo der VfR-Leute unter ein Auto geraten, sodass das Fahrzeug in Brand geraten ist. Das war eine Verkettung unglücklicher Umstände.“

Als der NTSV Strand 08 mit der Gemeindeverwaltung von Timmendorf im Clinch lag, versuchte Münch zu vermitteln, um den Kickern den Regionalliga-Aufstieg zu ermöglichen. „Das Stadion war ohne Veränderungen absolut untauglich“, erinnert er sich. Münch, der lange in Nahe gewohnt und unter anderem auch Vorsitzender des Kreisfußballverbandes Segeberg gewesen ist, konnte den Konflikt nicht entschärfen. Frank Salomon, Sponsor und Trainer der Strander, siedelte mit seinem Projekt zum 1. FC Phönix nach Lübeck um. Weil der SV Todesfelde nicht meldete, erhielt Phönix im Sommer 2020 das Regionalliga-Aufstiegsrecht. Als Salomons Team auch in der 4. Liga auf der altehrwürdigen Anlage am Flugplatz spielen wollte, senkte Münch den Daumen. Phönix musste übergangsweise in das Stadion am Buniamshof auszuweichen.

Münch, 2003 Mitbegründer von Eintracht Norderstedt, war der für die Sicherheit Verantwortliche, als es vor einem Pokalfinale auf der Lübecker Lohmühle zu Ausschreitungen kam. „Gewaltbereite Fans von Holstein Kiel waren mit zwei Bussen angereist, die Ostholsteiner Kennzeichen hatten. Sie wurden auf die allgemeinen Parkplätze gelotst und damit mitten unter die Lübecker. Was dann folgte, war übel, aber nicht dem Sicherheitskonzept anzulasten. Gemeinsam mit der Landespolizei, mit der ich stets vertrauensvoll zusammengearbeitet habe, wurde in der Vorbereitung auf ein Risikospiel immer versucht, um möglichst viele Ecken zu denken. Aber auf so etwas musst du erst einmal kommen.“

Ebenfalls ein Landespokal-Endspiel zwischen den Erzrivalen VfB Lübeck und Holstein Kiel endete damit, dass aggressive Lübecker gefesselt in einem Strafraum saßen. „Das war die absolut richtige Reaktion der Polizei auf einen Platzsturm“, meint Münch, der einen Job im Sicherheitsbereich behalten will: Der Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande ist für den DFB als Beobachter in der Bundesliga unterwegs. „Da stehe ich irgendwo im Innenraum und warte beispielsweise ab, wie viele Böller, Raketen oder Bengalos gezündet werden. Kommt es zu solchen Vorfällen, beginne ich zu zählen, gleiche meine Beobachtungen mit den Videoaufzeichnungen ab und schreibe einen Bericht.“ Und dann wird es teuer: „Jeder Bengalo kostet den Verein, dessen Fans das Ding gezündet haben, 3500 Euro.“

Mit Zählen war es am 12. Mai 2018 nicht getan, als der erstmalige Bundesliga-Abstieg des Hamburger SV besiegelt wurde. Hardcore-Anhänger des HSV vermummten sich und randalierten. Schiedsrichter Dr. Felix Brych unterbrach das letzte Saisonspiel in der 89. Minute. Weil ein Platzsturm drohte, kam eine Reiterstaffel der Polizei zum Einsatz und drängte die Fans, die bereits im Innenraum waren, zurück. „Ich hatte zuvor noch nie Pferde in einem Fußballstadion erlebt“, sagt Münch. „Das war damals bitterer Ernst. ,,Es herrschte eine bedrohliche Atmosphäre. Die wenigen Chaoten waren unter den Pfiffen der 50000 vernünftigen Zuschauer offenbar zu allem bereit.“

Während die Polizei für Ordnung sorgte, hielt sich Münch mit den Mannschaften und Offiziellen in den Katakomben des Volksparkstadions auf. Als sich abzeichnete, dass die Partie fortgesetzt würde, baute sich HSV-Torwart Julian Pollersbeck vor Münch auf. „Du, in meinem Torraum liegen Pferdeäppel. Lass die mal wegmachen, hat Pollersbeck mich angeraunzt“, erinnert sich Münch. „Auf den Mund gefallen war ich nie. Ich habe den Gegenvorschlag gemacht, ihm Schaufel und Eimer zu besorgen, dann könne er es selber machen!“ Der Profi schlich sich. Später folgte eine zweite Begegnung. „Da hat der Pollersbeck nur anerkennend ,geiler Spruch’ gesagt und gelacht. Es sind Momente wie diese, die die Aufgabe so besonders machen.“