08. Februar 2019 / 19:05 Uhr

Ex-Nationalspieler Dieter Eckstein: "Nürnberg ist nicht bundesligatauglich"

Ex-Nationalspieler Dieter Eckstein: "Nürnberg ist nicht bundesligatauglich"

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Der Bundesliga-Star: Nürnbergs Dieter Eckstein in der Saison 1988/89. 
Der Bundesliga-Star: Nürnbergs Dieter Eckstein in der Saison 1988/89. 
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Dieter Eckstein hat dem Tod zweimal ins Auge gesehen und sagt: „Ich bin mit meinem Leben zufrieden.“ Heute betreibt Nürnbergs Ex-Star mit Werner Lorant eine Fußballschule auf einem Campingplatz.

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Er hatte zweimal ein Rendezvous mit dem Tod: Die Lebensgeschichte von Dieter Eckstein ist von unglaublich schweren Schicksalsschlägen geprägt. Doch der heute 54-Jährige kämpfte sich mit einer bewundernswerten Einstellung zurück. Als Fußballer stieg Eckstein 1985 mit dem 1. FC Nürnberg in die Bundesliga auf, 96 schaffte es damals als Zweiter. Am Sonnabend treffen sich beide Klubs zum Abstiegsduell in Hannover.

Herr Eckstein, das ist jetzt keine Floskel-Frage, Ihre Krankenakte reicht ja für zwei Leben. Also: Wie geht es Ihnen heute?

(lacht) Ja, eigentlich ganz gut. Aber bevor wir jetzt weitermachen: Du kannst du zu mir sagen. Das Sie finde ich immer so bescheuert am Telefon.

Okay: Wie geht es dir?

Passt schon.

Du hast 2015 auf dem Fußballplatz einen Herzstillstand erlitten, warst klinisch tot ...

Ich habe Glück gehabt, dass auf der Tribüne zwei Feuerwehrmänner gesessen haben. Das Kuriose war ja: Es war ein Benefizspiel für einen Tormann, der nach dem Training mit einem Herzinfarkt zusammengebrochen war. Und mir passiert in der Halbzeit genau das, was dem passiert ist. Der eine Feuerwehrmann hat mir die ganze Zeit Sauerstoff gegeben, der an­dere hat versucht, mich zu reanimieren. Wenn die beiden nicht gewesen wären, wäre es schlecht ausgegangen.

Daumen hoch: Dieter Eckstein (54) heute. Mir geht es gut, sagt er.
Daumen hoch: Dieter Eckstein (54) heute. "Mir geht es gut", sagt er. © imago/Krieger
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Und heute?

Jetzt bin ich halt doppelt abgesichert, sozusagen voll verkabelt: Ich habe drei Stents eingesetzt bekommen, habe einen Herzschrittmacher und ’nen Defibrillator.

Das Leben war hart zu dir: Deine Eltern sind früh gestorben, du bist mit zwölf Jahren in eine Pflegefamilie gekommen. Dein Haus ist abgebrannt, du musstest Privatinsolvenz anmelden. Dazu der plötzliche Kindstod deines acht Wochen alten Sohnes 1988. Und 2001 wurde bei dir auch noch Hodenkrebs festgestellt. Andere gehen daran kaputt.

Ja, der Krebs hatte schon extrem gestreut. Einige Lymphknoten im Bauchbereich waren befallen, vor allem die Leber. Gott sei Dank habe ich die Chemo ganz gut verkraftet. Aber 20 Prozent der Leber haben sie mir entfernen müssen.

Jetzt musst du wahrscheinlich ganz gesund leben ...

"Ich trinke immer noch mein Weißbier – und ich rauche noch."

Als ich die Diagnose bekam „Es tut uns leid, aber Sie haben Krebs“, das hat mich schon aus den Socken gehauen. Die wollten mir dann einen Psychologen ans Bett stellen, ich sollte meine Ernährung umstellen, ich sollte aufhören zu rauchen. Und der ganze Schmarrn. Ich habe vorher keinen Salat gegessen, warum sollte ich jetzt welchen essen? Ich trinke wie vor der Operation immer noch mein Weißbier – und ich rauche noch. Ich habe Leute kennengelernt, die haben komplett ihr Leben umgekrempelt, sind aber auch nicht glücklich geworden. Was bleibt dir dann noch? Kennst du Willi Entenmann? Den habe ich in Nürnberg drei Jahre lang als Trainer gehabt: Der hat nie ge­raucht, keinen Tropfen Alkohol getrunken, richtig gesund gelebt – der geht Ski fahren und fällt mit ’nem Herzinfarkt tot um.

Du hast mal gesagt, der Fußball hat dir immer Halt gegeben.

Nach dem Tod von Dennis mit nur acht Wochen bin ich gleich von Nürnberg zu Eintracht Frankfurt gewechselt, vielleicht auch, um Abstand zu bekommen. Und als mir das Haus abgebrannt ist, hat mich der 1. FC Nürnberg sehr unterstützt. Das hat mir viel Kraft gegeben. Es hört sich vielleicht bescheuert an: Aber solche Sachen passieren im Leben. Es geht nicht immer nur geradeaus. Ich kann auf eine schöne Karriere zurückschauen. Das eine oder andere Länderspiel hätte ich vielleicht mehr machen können, wenn ich nicht so ein Lump gewesen wäre. Aber ich bin mit meinem Leben zufrieden.

Du hast zwischen 1986 und 1988 sieben Länderspiele bestritten, warst im Kader für die EM 1988. Warum war danach Schluss als Nationalspieler?

In der Nationalmannschaft: Dieter Eckstein (links) wird 1988 für Rudi Völler eingewechselt.
In der Nationalmannschaft: Dieter Eckstein (links) wird 1988 für Rudi Völler eingewechselt. ©

Ich habe als Stürmer immer Granaten vor mir gehabt, der Beckenbauer hat auf seine alten Hasen wie Rudi Völler, Klaus Allofs, Jürgen Klinsmann und Frank Mill gesetzt. Aber ich bin nicht sauer. Es war eine tolle Zeit, ich habe viel gelernt, aber es war nicht so wie heute: Da machst du in der Bundesliga drei gute Spiele, machst zwei Tore – und dann bist du gleich Nationalspieler. Damals hast du über ein, zwei Jahre gute Leistungen bringen müssen, um Nationalspieler zu werden. Gut, ich hätte das eine oder andere mehr machen können.

Und warum ist daraus nichts geworden?

Ich habe mich immer so ein bisschen mit Mario Basler verglichen: Gut auf dem Platz, aber das Bierchen und die Zigarette haben auch dazugehört. Ich habe die Trainer gebraucht – wie Heinz Höher, Willi Entenmann, Arie Haan oder Jörg Berger –, die auch mal ein Auge zugedrückt haben. Man muss auch mal ein bisschen neben der Spur laufen, wenn du immer gerade bist, ist es doch auch scheiße.

Dein Ex-Klub Nürnberg steht auf einem Abstiegsplatz, am Sonnabend steht das wegweisende Spiel beim Letzten in Hannover an. Ist Nürnberg noch zu retten?

Bis vor ein paar Monaten war ich beim FCN in der Fanbetreuung angestellt, hatte schon damals einen Disput, weil ich angesprochen habe, wie ich es sehe: Schon in der Aufstiegssaison waren Spiele dabei, wo ich mich gefragt habe: Was wollen die in der ersten Liga? Die haben mir dann vereinsschädigendes Verhalten vorgeworfen, und wir haben in beiderseitigem Einvernehmen den Vertrag aufgelöst. Ich bin der Meinung, der 1. FC Nürnberg ist nicht bundesligatauglich.

Wie geht das Spiel in Hannover denn aus?

"Ich gehe mal davon aus, dass 96 gewinnt."

Ich gehe mal davon aus, dass 96 gewinnt. Hannover hat mit dem Trainerwechsel einen kleinen Strohhalm, an dem sie noch ziehen können. Der Thomas Doll weiß jetzt, wo er ansetzen muss. Aber richtungsweisend ist das Spiel nicht: Das wären dann drei Punkte, die Hannover mehr hat. Aber sowohl bei 96 als auch bei Nürnberg reicht die Qualität am Ende wahrscheinlich nicht. Ich glaube, nach Nürnberg könntest du auch einen Pep Guardiola holen – und es würde trotzdem nicht klappen.

1985 sind Nürnberg und 96 zusammen aufgestiegen, beide mit ganz jungen Mannschaften. Du warst einer der ganz jungen Wilden in Nürnberg. Im Herbst 1984 hatte es den legendären Spieleraufstand gegeben, an dessen Ende nicht Trainer Heinz Höher, sondern die sechs Anführer gehen mussten: Udo Horsmann, Torwart Rudi Kargus, Horst Weyerich, Stefan Lottermann, Detlef Krella und Manfred Walz. Wie hast du das erlebt?

Revolution 1984: Nürnbergs Trainer Heinz Höher (von links) mit seinen übrig gebliebenen Spielern Fred Klaus, Frank Nitsche, Reiner Geyer, Dieter Eckstein und Rudi Stenzel.  
Revolution 1984: Nürnbergs Trainer Heinz Höher (von links) mit seinen übrig gebliebenen Spielern Fred Klaus, Frank Nitsche, Reiner Geyer, Dieter Eckstein und Rudi Stenzel.   ©

Wir waren ja das kleine Häufchen der Übriggebliebenen. Es waren 14 Spieler, die sich gegen den Trainer ausgesprochen haben – wir jungen Spieler haben uns rausgehalten, ich ganz besonders. Ich war 20 Jahre alt, frisch verheiratet, mein erster Sohn war gerade auf die Welt gekommen, ich habe ge­dacht, das kann nicht gutgehen.

Und?

Die Rädelsführer sind zu uns jungen Spielern gekommen, haben gesagt, sie gehen an die Öffentlichkeit und erklären, dass sie unter diesem Trainer nicht mehr arbeiten wollen. Aber wer sich das nicht traut, der soll sich raushalten. Am Ende haben nur noch sechs Mann auf dem Trainingsplatz gestanden. Wenn diese Revolution nicht passiert wäre, dann wären Spieler wie Stefan Reuter, Roland Grahammer oder Hans Dorfer nie rausgekommen. Die suspendierten Spieler wurden durch 18-, 19- oder 20-Jährige ersetzt. Wir haben dann praktisch einen Durchmarsch gemacht, einfach munter drauflosgespielt und sind durch einen Sieg gegen Kassel, die Erster waren, am letzten Spieltag zusammen mit Hannover direkt aufgestiegen.

Was machst du heute?

Ich habe jetzt zum zweiten Mal geheiratet und betreibe neben meiner Fußballschule den Fußball-Golfplatz in Waging am See in Oberbayern. Der ist direkt auf dem Campingplatz. Das hat mit Fußball zu tun, das hat mit Menschen zu tun – da komme ich immer ganz gut zurecht. Ich arbeite da, wo andere Urlaub machen. Mir geht es gut.

Du arbeitest mit Werner „beinhart“ Lorant zusammen.

Auf dem Campingplatz: Dieter Eckstein arbeitet heute mit Kult-Trainer Werner Lorant (Foto) zusammen.
Auf dem Campingplatz: Dieter Eckstein arbeitet heute mit Kult-Trainer Werner Lorant (Foto) zusammen. © Verwendung weltweit

Der Werner wohnt ja auf dem Campingplatz. Er ist im No­vember 70 geworden, mal schauen, wie lange er das noch durchzieht. Er kann gut mit Kindern umgehen. Würde man gar nicht glauben, wenn man hört, Werner Lorant macht Fußballschule für Kinder ab sechs Jahren. (lacht)

Hat es eine Campingplatz-Party zu seinem 70. Geburtstag gegeben?

Nein, er ist nicht so der Party-Wolf. Er hat nur ein bisschen Kaffee getrunken und das an sich vorbeiziehen lassen.

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