03. April 2021 / 13:56 Uhr

Auf eigenem Weg: Schiedsrichterin Annika Schwörer will sich auch bei Männern durchsetzen

Auf eigenem Weg: Schiedsrichterin Annika Schwörer will sich auch bei Männern durchsetzen

Alexander Flohr
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Auch Laufeinheiten, wie hier auf dem Kronsberg in Hannover, gehören zum Schiedsrichtertraining von Annika Schwörer. 
Auch Laufeinheiten, wie hier auf dem Kronsberg in Hannover, gehören zum Schiedsrichtertraining von Annika Schwörer.  © Debbie Jayne Kinsey
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Annika Schwörer gilt als eines der größten Talente der Region. Die 18-Jährige Schiedsrichterin des TSV Kirchdorf ist Teil des Förderkaders und erhält spezielle Schulungen. Gleichzeitig macht sie auf Pro­bleme aufmerksam: Es gibt zu wenig weibliche Referees im Fußball und im Männerbereich sind Frauen nur sehr selten aktiv. 

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Annika Schwörer läuft den Kronsberg in Hannover hoch. Mittlerweile macht sie das etwa viermal pro Woche. Die 18-Jährige will vorbereitet sein, wenn der Ball in Hannover irgendwann wieder rollt. Als Schiedsrichterin des TSV Kirchdorf pfeift sie im Verband die Frauenspielklassen und bei den Männern in der 2. Kreisklasse, in der B-Juniorinnen-Bundesliga ist sie als Assistentin dabei.

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Es gibt zu wenig Schiedsrichterinnen

Schwörer gilt als eines der größten Schiedsrichtertalente der Region. Mit ihrem Ehrgeiz, ihrer Motivation und großen Leidenschaft für die Schiedsrichterei steht ihr eine aussichtsreiche Zukunft bevor. Gleichzeitig macht sie auf ein Pro­blem aufmerksam, das den Schiedsrichterverband schon viele Jahre umtreibt: Es gibt allgemein zu wenig weibliche Referees im Fußball, und im Männerbereich sind Schiedsrichterinnen nur sehr selten aktiv. Ob Schwörer dabei helfen kann, die Entwicklung in eine andere Richtung zu lenken?

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Seit August 2016 hat die junge Frau ihren Schiedsrichterschein. Eigentlich legte sie damals die Prüfung nur ab, um ihrer großen Schwester eine Freude zu machen. „Ich hatte immer gedacht: Ich probiere das mal und höre dann wieder auf. Schließlich hatte mir Fußballspielen viel mehr Spaß gemacht“, sagt Schwörer. Doch ihre Sichtweise änderte sich.

"Wollte unbedingt mit den Jungs mithalten"

Bei einem Frauenlehrgang in Barsinghausen sah sie dann, wohin es einige ihrer Schirikolleginnen geschafft hatten. „Das wollte ich auch. Ich wollte unbedingt mit den Jungs mithalten“, sagt Schwörer. Nach zwei Jahren, damals kickte sie in Bemerode, hörte sie mit dem Fußballspielen auf.

Beim Sichtungsturnier in Dänemark ist Schwörer die Beste

Beim Verband durchlief sie alle Förderprogramme. Besonders aufgefallen war sie bei einem Sichtungsturnier vor zwei Jahren in Dänemark. Dort hatten 25 Talente die Chance, sich bei einem internationalen Fußballturnier zu beweisen. Kreis-Schiedsrichterlehrwart Nils-René Voigt und seine Kollegen waren von Schwörers Auftritt überrascht. „Sie war von allen mit Abstand die Beste. Sie hat extrem viel Ehrgeiz und Engagement gezeigt“, sagt Voigt.

Und ihre beeindruckende Leistung wurde schnell belohnt: Schwörer ist mit 24 anderen Unparteiischen im Förderkader, wird bei Spielen ständig beobachtet und erhält spezielle Schulungen vom Verband. „Die Frauen-Bundesliga könnte sie absolut schaffen. Das Talent dafür hat sie“, ist sich Voigt sicher.

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Und wie sieht’s bei den Männern aus? Da kämpft Schwörer zunächst einmal gegen einige Missstände. Seit vielen Jahren hat der Verband das Problem, dass dort nur wenige Frauen als Unparteiische aktiv sind. Aktuell pfeifen rund 800 Schiris in der Region Hannover, nur 32 von ihnen sind weiblich. „Wir können nur an die Vereine appellieren und freuen uns über jede Frau, die sich für diesen Schritt entscheidet“, sagt Voigt.

Mit starkem Auftreten gegen Beleidigungen auf dem Platz

Er weiß aber auch: Frauen haben es im Männerfußball nicht leicht. Immer wieder kommt es zu Beleidigungen und Erniedrigungen auf dem Platz. Schwörer kennt das nur zu gut: „Beim ersten Mal hat mich das schon getroffen. Da kann ich verstehen, wenn Frauen Zweifel oder von Beginn an Angst haben, ein Männerspiel zu leiten.“

Unterkriegen lassen wollte sich die 18-Jährige aber nicht – und erlebt mittlerweile einen anderen Umgang mit ihr als Referee auf dem Platz. „Es ist nicht der Normalfall, dass ich darauf reduziert werde, dass ich jung und eine Frau bin. Viele Teams erleben nicht so häufig eine Schiedsrichterin und sind dann eher neugierig“, sagt sie.

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Steinhaus als Vorbild

Schwörer kann mit ihrer Stärke anderen jungen Frauen ein Vorbild sein. Sie selbst orientierte sich lange Zeit an Bibiana Steinhaus, der wohl berühmtesten Schiedsrichterin des Landes. Die 41-Jährige war die erste Frau, die im deutschen Männerprofifußball Spiele leitete. „Ich habe großen Respekt vor dem, was sie erreicht hat“, sagt Schwörer.

Sie selbst wolle ihren eigenen Weg finden. In einem Auslandsjahr in England vor zwei Jahren lernte sie die Grundfähigkeiten, um als Schiedsrichterin erfolgreich zu sein. „Ich hatte dort plötzlich die Möglichkeit, das erste Männerspiel meines Lebens zu pfeifen“, sagt sie. „Mit der Sprache auf dem Platz war es etwas schwierig, also war ich auf meine Persönlichkeit angewiesen.“

"Sie hat ein Potenzial, das ich selten bei Frauen gesehen habe"

Laut Voigt kommt ihr das nun zugute: „Sie hat ein Potenzial, das ich selten bei Frauen gesehen habe. So eine Durchsetzungsfähigkeit in diesem Alter ist speziell.“ Und dennoch muss sie sich nun vor allem im Männerfußball weiter beweisen. Im Sommer könnte es schon in die nächsthöhere Liga gehen. Voigt: „Auch da muss sie – auch wenn es blöd klingt – um Anerkennung kämpfen. Eine Bibiana Steinhaus kennt jeder, sie trifft auf dem Weg nach oben allerdings nur selten zweimal auf das gleiche Team.“

Schwörer will dranbleiben

Für Schwörer steht fest: Sie will dranbleiben. Auch wenn es sie nach dem Abitur im kommenden Jahr für ein Architekturstudium vielleicht in eine andere Stadt zieht. „Ich bin erst 18 Jahre alt. Als ich angefangen habe, war mein Ziel bestimmt nicht die Bundesliga“, sagt die selbstbewusste Schiedsrichterin. „Nun stecke ich mir immer höhere Ziele.“