22. April 2020 / 09:23 Uhr

Ein Blick zurück: Unternehmer Lingner holte 1911 Celtic Glasgow nach Dresden

Ein Blick zurück: Unternehmer Lingner holte 1911 Celtic Glasgow nach Dresden

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Lingner
Karl August Lingner. © DHMD
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Der Fußball schaffte in Dresden zur Internationalen Hygieneausstellung 1911 seinen Durchbruch. Dass es zu der Partie zwischen dem Dresdner SC und Celtic Glasgow kam, ist dem örtlichen Unternehmer Karl August Lingner zu verdanken.

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Dresden. Zur Organisierung des Fußballs während der Internationalen Hygieneausstellung 1911 umgab sich der als Odol-Fabrikant bekannte Dresdner Unternehmer Karl August Lingner mit Experten der Dresdner Fußballvereine und des Verbandes Mitteldeutscher Ballspielvereine (VMBV). Er hatte seinen Sitz in Leipzig. Alfred Perls war sein Vorsitzender.

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Es gab Städtespiele deutscher Großstädte von Dresden über Leipzig, Halle, Magdeburg und Berlin bis Hamburg, ein Turnier der besten mitteldeutschen Vereinsmannschaften um den Lingner-Pokal, das der Hallesche FC Wacker 1900 gewann, und das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1911 zwischen dem Berliner TuFC Viktoria 1899 und dem VfB Leipzig (3:1). Sie alle sorgten für einen Zuschauerandrang. Der Fußball wurde vorgeführt und massenhaft entdeckt.

Celtic Glasgow galt als weltbester Fußballclub

Karl August Lingner trat auf dem Fußballplatz, wo sich heute das Rudolf-Harbig-Stadion befindet, gleichermaßen auf wie ein Fußballfunktionär, hygienischer Ordnungshüter, Philanthrop und Geschäftsmann. Im Stadion durfte nicht geraucht werden. Es war ja Hygieneausstellung. Trotzdem waren alle Spiele ausverkauft. Das Eintrittsgeld für die Spiele betrug 50 Pfennig (halbe Mark des Kaiserreichs, etwa 2,25 €) und einen Pfennig für Kinder. Nie wieder gab es solche Kartenpreise für ein Endspiel um die Deutsche Meisterschaft.

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2000: Dynamo Dresden und Borea Dresden teilen sich das Rudolf-Harbig-Stadion. Zur Galerie
2000: Dynamo Dresden und Borea Dresden teilen sich das Rudolf-Harbig-Stadion. ©

Einen außergewöhnlichen Höhepunkt stellte am 13. Mai 1911 das Spiel der Dresdner Stadtauswahl gegen Celtic Glasgow dar. Es war Lingners Intention, diesen Fußballverein nach Dresden zu holen. The Celtic Football Club Glasgow – er galt als weltbester Fußballclub dieser Zeit. Hätte es damals eine Champions League gegeben, wäre Celtic als Favorit gehandelt worden.

Alternative zum englischen „Kick and Rush“

Die Celtics waren eine junge Mannschaft. Die Mehrzahl der Spieler hatte ein Alter von 18 bis 23 Jahren. Torwart McNair war mit 28 der Älteste. Die Mannschaft spielte einen für diese Zeit ungewohnt schnellen Kombinationsfußball. Sie war damit erfolgreich und die Alternative zum englischen „Kick and Rush“. Vereinsvorsitzender und Trainer von Celtic war von 1897 bis 1940 Willie Maley. Als Trainer wurde über ihn erzählt, dass er nie den Rasen betreten und mit Spielern gesprochen habe. Stattdessen habe er sich Trainer angestellt, die seinen Vorstellungen entsprachen.

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Aus dem Elbdampfer stieg mit Maley und seiner Mannschaft der Trainer John Cameron. Eine im Internet zu findende Angabe, dass dieser schon ab 1907 in Dresden den DSC betreut habe, trifft nicht zu. Tatsächlich war Cameron soeben aus Brasilien zurückgekehrt, wo er den später berühmten Corinthians Sao Paulo mitgegründet hatte. Nun war er bei Maley angestellt für Celtic. Cameron war 38 Jahre alt.

Hinzu kam die Sozietät von Celtic, die Lingner als passend für die Hygieneausstellung ansah. Seit 25 Jahren tobte zwischen den Glasgow Rangers und Celtic die unerbittliche Auseinandersetzung um Konfessionen, nationale Identitätsgefühle und sozialen Klassenkampf. Celtic, der Verein, die Spieler, ja, auch seine irisch-katholische Oberschicht, und die Anhänger – das war ein Verein mit Aufklärung. Bei Celtic waren die Spieler unabhängig von sozialer Herkunft und Religion willkommen. Damals entstanden die lauten, friedvollen Gesänge der Celtic-Fans, die man heutzutage aus Stadien kennt. Und die grün-weiße Spielkleidung mit den quergestreiften Trikots, die ein Bekenntnis zur irischen Flagge bedeuten.

12. 000 begeisterte Zuschauer

Und schließlich Lingners Rolle als Geschäftsmann: Celtic war als finanzstarker Profiverein gekommen. Mit seiner Ausstellung in der Halle wie auf dem Platz im Lingner-Stadion ließ er etliche Pfund Sterling auf den Güntzwiesen liegen, die ein Jahr später zur Gründung des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden beitrugen.

Vor 12.000 begeisterten Zuschauern ging Dresden im Spiel gegen Celtic durch Tore von Rechtsaußen Arno Neumann, Spielführer des Dresdner SC und der Nationalmannschaft, zweimal in Führung. Am Ende stand es 3:2 für den damals berühmten Celtic FC. Anschließend gingen die Schotten auf eine Europatournee nach Prag, Budapest, Wien und Paris. Alle Spiele wurden gewonnen. Danach gab es eine Überraschung. John Cameron kam zurück nach Dresden und wurde bis 1914 Trainer des Dresdner SC.

Jürgen Hermann