11. September 2020 / 11:47 Uhr

Ein Dorf im Schwebezustand: Trutzburg Todesfelde

Ein Dorf im Schwebezustand: Trutzburg Todesfelde

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Zum Pokalkracher gehört auch eine Pressekonferenz. Mit dabei (v. li.): Präsident Böhm, Teamchef Tramm, Moderator Gerken, Manager Gothmann und Kapitän Sixtus.
Zum Pokalkracher gehört auch eine Pressekonferenz. Mit dabei (v. li.): Präsident Böhm, Teamchef Tramm, Moderator Gerken, Manager Gothmann und Kapitän Sixtus. © Sönke Ehlers
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1086 Einwohner, eine Bäckerei, ein griechisches Restaurant mit dem wenig hellenischen Namen „Zur Eiche“, ein Schlachter, ein Blumenladen – im schleswig-holsteinischen Dorf Todesfelde geht es beschaulich zu. Normalerweise. Nicht aber am Sonnabend um 15.30 Uhr. Da herrscht Ausnahmezustand.

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Der einheimische SV Todesfelde holt zum großen Schlag im DFB-Pokal aus. Gegner des Oberliga-Meisters, Pokalsiegers und Hallenmasters-Gewinners 2020 ist der VfL Osnabrück aus der Zweiten Bundesliga. „Da geht die Post ab“, schwört Todesfeldes Bürgermeister Karl-Heinz Ziegenbein. „Wenn wir weiterkommen, kriegen wir uns nicht mehr ein.“ Das will sogar Ministerpräsident Daniel Günther sehen und lässt sich die Reise in die Provinz nicht nehmen.

Todesfelde ist so etwas wie die Trutzburg im deutschen Fußball. Von 19 Amateurvereinen in der ersten Pokalrunde haben elf auf ihr Heimrecht verzichtet. Sechs Fünftligisten qualifizierten sich als Landespokalsieger, fünf haben entnervt unter dem Druck der Corona-Verordnungen aufgegeben und treten lieber beim höherklassigen Gegner an. Lediglich der SV Todesfelde, dessen Name an sich schon ein Schrecken für jeden Rivalen ist, hat als einziger Oberligist das Heimrecht im Joda-Sportpark erbittert verteidigt.

SHFV-Pokalfinale 2019/2020: SV Todesfelde gegen VfB Lübeck (3:2)

Ein gemeinsames Statement, das wohl alle Spieler als Botschaft an die Fans unterstützen würden: Ihr fehlt!.  Zur Galerie
Ein gemeinsames Statement, das wohl alle Spieler als Botschaft an die Fans unterstützen würden: "Ihr fehlt!".  ©

87 Seiten stark waren die DFB-Auflagen für die Partie. „Beim ersten Anblick hätten wir am liebsten hingeschmissen“, gesteht Klubchef Holger Böhm. „Aber unsere Leute haben sich den Arsch aufgerissen für dieses Spiel.“ Die Todesfelder fühlen sich etwa so, als würde Tesla-Gründer Elon Musk auf dem Acker neben Landmaschinenhändler Höpcke eine weitere Produktionshalle für Elektroautos in Deutschland bauen und so die Gemeindekasse mit Steuergeld zum Bersten bringen. „Das Spiel ist ein Ritterschlag für Todesfelde“, so Böhm. „Jetzt kennt uns halb Deutschland.“

Das Projekt Jahrhundertspiel kostet eine Kleinigkeit. Rund 40000 Euro musste der Verein aus dem Kreis Segeberg berappen für all die Baumaßnahmen, Hygieneauflagen, Forderungen für die TV-Übertragung und Sicherheitsvorkehrungen. Zum Glück gibt es Sponsor Bernd Jorkisch. Der Holz-Großhändler und Honorarkonsul von Finnland hat einen Narren am SVT gefressen. „Ich bin emotional ordentlich berührt“, bekennt der einstige Todesfelder Spieler. „Wir haben sofort gesagt: Das Spiel bleibt hier. Wir erfüllen alle Forderungen, koste es, was es wolle.“ Der Sponsor sieht das Heimspiel als Dankeschön für Team und Verein. „Klar doch, wirtschaftlich ist das unklug“ sagt Jorkisch. „Hätten wir Osnabrück das Heimrecht abgetreten, hätten wir wohl 20000 Euro von ihnen gekriegt.“ Geld, meint der Sponsor, sei aber nicht alles. Es geht um „das größte Spiel in der Geschichte des Vereins“, es geht um Ruhm, um die Geburtsstunde von Legenden. Jetzt gibt es 175000 Euro Prämie vom DFB, sollte die Mannschaft in die zweite Runde kommen, werden 350000 Euro nachgelegt. „Davon können wir unser Stadion regionaligareif machen“, meint Jorkisch. Eigentlich hätte der Verein schon in diesem Sommer aufsteigen dürfen, verzichtete aber. Der Stadionumbau wäre zu aufwendig geworden.

Am Sonnabend dürfen nur 500 Zuschauer in den Sportpark, davon 350 zahlende. Rund 7000 Kartenwünsche gab es für das 1500 Plätze bietende Stadion. Die wenigen Tickets wegen der Corona-Beschränkungen gingen an Sponsoren, Helfer, Jugendfußballer und dem Verein verbundene Dorfbewohner. Mannschaftskapitän Luca Sixtus hat keinen Zweifel: „Von diesem Tag werden wir noch unseren Enkelkindern erzählen.“