23. Dezember 2020 / 07:12 Uhr

Ein Gesicht des DDR-Handballs wird 70: Frust-Jahr 1976 beendete Axel Kählerts internationale Karriere

Ein Gesicht des DDR-Handballs wird 70: Frust-Jahr 1976 beendete Axel Kählerts internationale Karriere

Winfried Wächter
Leipziger Volkszeitung
Axel Kählert (li., DDR) bei der WM 1974 gegen Japans Torwart Honda.
Axel Kählert (li., DDR) bei der WM 1974 gegen Japans Torwart Honda. © imago images / Werner Schulze
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Axel Kählert legte eine Bilderbuchkarriere hin. Mit den Handballern des SC DHfK Leipzig und der DDR-Nationalmannschaft feierte der Rückraum-Riese Erfolge. Dann kam sein Frust-Jahr 1967 und alles wurde anders. Am 23. Dezember feiert er seinen 70. Geburtstag.

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Leipzig. So richtig lange hielten die Basketballer des SC DHfK nicht an dem jungen Mann fest. Genau genommen waren es zwei Monate, in denen sie 1966 dem damals 16-Jährigen das Spiel unter dem Korb beibringen wollten. Doch dann signalisierten sie ihm: Bei den Handballern bist du doch besser aufgehoben. Also wechselte Axel Kählert, so hieß der junge Mann, zu den Ballwerfern des Clubs und gab nur ein Jahr später seinen Einstand in der Oberliga, der höchsten Spielklasse der DDR. Am 23. Dezember wird er 70 Jahre alt.

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Zweimal bester Werfer der Oberliga

„Der Wechsel kam mir schon gelegen“, erinnert sich Kählert. Zu Hause in Oschatz hatte er bereits Handball gespielt, bevor die Leipziger Basketballer auf ihn aufmerksam geworden waren, was in erster Linie an seiner stattlichen Körpergröße von 1,96 m lag. Er folgte ihrem Ruf, doch irgendwie war es für ihn nicht die richtige Sportart. „Im Handball kam ich eben besser zurecht.“ Und zwar so gut, dass er viele Jahre zu den bekanntesten Gesichtern des DDR-Handballs gehörte. Kählert war weitere vier Zentimeter gewachsen und hatte daher als Zwei-Meter-Mann auf der Königsposition im linken Rückraum beste Voraussetzungen. Nahezu folgerichtig wurde er Nationalspieler und war dabei, als die DDR 1974 Vizeweltmeister wurde.

Der Kader der DDR-Nationalmannschaft im Oktober 1973: Trainer Heinz Seiler, Hans Engel, Lothar Döring, Wolfgang Böhme, Joachim Pietzsch, Axel Kählert, Rainer Ganschow, Trainer Paul Tiedemann (hinten v.l.n.r.).
Der Kader der DDR-Nationalmannschaft im Oktober 1973: Trainer Heinz Seiler, Hans Engel, Lothar Döring, Wolfgang Böhme, Joachim Pietzsch, Axel Kählert, Rainer Ganschow, Trainer Paul Tiedemann (hinten v.l.n.r.). © imago images / ND-Archiv

Dass der zweimalige Oberliga-Torschützenkönig (1974/75 mit 210 Toren und in der folgenden Saison mit 187 Treffern) nur auf 80 Einsätze (242 Tore) im Nationaltrikot kam, hängt mit dem Jahr 1976 zusammen. Seinem Frust-Jahr. Am 6. März hatten die DDR-Handballer die Qualifikation für die Olympischen Spiele verpasst. Nach dem 11:8-Sieg im Rückspiel gegen die Bundesrepublik in Karl-Marx-Stadt - die Partie in München hatten die Gastgeber 17:14 gewonnen - fehlte dem DDR-Team ein Treffer zur Fahrkarte nach Montréal. Kählert war wie alle maßlos enttäuscht, nicht etwa von Hans Engel, der in der Schlusssekunde mit einem Siebenmeter am westdeutschen Torhüter Manfred Hofmann gescheitert war. „So etwas kann immer passieren.“ Er selbst hatte in diesem Spiel auch einmal vom Punkt nicht getroffen.

Mot-Schütze in Marienberg

Sein Frust wuchs, als der SC Leipzig, dem sich die DHfK-Handballer 1975 angeschlossen hatten, im Oktober in der ersten Runde des Europapokals der Landesmeister gegen ZSKA Moskau nach zwei Niederlagen ausschied. Kählert fühlte sich zu hart kritisiert und fasste einen folgenschweren Entschluss. Am 1. November 1976 überreichte er der Clubleitung ein persönliches Schreiben, in dem er einen „Antrag zur Entbindung vom Leistungssport“ stellte. Dem Antrag wurde stattgegeben, Kählert im Dezember zur Armee eingezogen und gegen ihn eine dreijährige Sperre für die Oberliga verhängt.


Axel Kählert, Manfred Kauerauf, Klaus Franke, Karl-Heinz Rost und Peter Larisch im Dezember 1971 mit Pokal.
Axel Kählert, Manfred Kauerauf, Klaus Franke, Karl-Heinz Rost und Peter Larisch im Dezember 1971 mit Pokal. © LVZ-Archiv

Der Vizeweltmeister diente als Mot-Schütze in Marienberg, erlebte von Vorgesetzten viele Schikanen, und als er sich im Frühjahr 1978 auf den bevorstehenden allgemeinen Entlassungstermin freute, stieß er auf Kopfschütteln. Noch müsse er 42 Tage nachdienen, um die eineinhalbjährige Dienstzeit zu vollenden. Schließlich sei seine Einberufung nicht wie üblich im Oktober, sondern erst Wochen später erfolgt.

Freude über den Olympiasieg der Ex-Kollegen

Ab 1978 spielte Kählert für die SG Dynamo Halle-Neustadt. Dynamo unterstand in der DDR der Polizei beziehungsweise der Staatssicherheit. Die Hallenser hatten sich schon länger um ihn bemüht, wollten ihn auch früher von seinem Armeedienst loseisen, schafften es aber nicht. Als er 2003 als Vorsitzender des Vereins „H-alle für Olympia“ die Leipziger Bewerbung für die Spiele 2012 unterstützte, wurde ihm seine Stasi-Vergangenheit vorgeworfen, Kählert trat als Chef sofort zurück.

Mit dem ehemaligen Nationalspieler stieg Dynamo Halle 1978/79 verlustpunktfrei aus der zweiten Liga in die Oberliga auf. Dort war er in der Hinrunde noch gesperrt, durfte erst im folgenden Frühjahr eingreifen. Mit besonderer Motivation gegen den SC Leipzig? „Mit den Spielern hatte ich nie Probleme. Und ansonsten haben wir uns alle professionell verhalten“, sagt er. Über den Olympiasieg 1980 in Moskau seiner ehemaligen Mitstreiter hat er sich sehr gefreut. Und ja, ein bisschen Wehmut war im Spiel. Kein Wunder, er hätte dabei sein können.

Nach dem Riss der Achillessehne am 10. November 1984 beim Spiel in Rostock war seine Zeit als Spieler vorbei. Kählert arbeitete als Nachwuchstrainer, baute nach 1990 in Halle einen erfolgreichen Getränkehandel auf und war Präsident des HC Halle, als die SG Dynamo Halle-Neustadt und der BSV Ammendorf fusionierten. Seine Leipziger Zeit hat er in angenehmer Erinnerung - bis auf das Jahr 1976.