20. Februar 2019 / 06:00 Uhr

Ein Jahr Bruno Labbadia beim VfL Wolfsburg: "Die Zufriedenheit konnte ich mir nur selber holen"

Ein Jahr Bruno Labbadia beim VfL Wolfsburg: "Die Zufriedenheit konnte ich mir nur selber holen"

Engelbert Hensel und Tim Lüddecke
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Bruno Labbadia ist seit einem Jahr Trainer des VfL Wolfsburg.
Bruno Labbadia ist seit einem Jahr Trainer des VfL Wolfsburg. © Roland Hermstein
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Am Mittwoch ist Bruno Labbadia 365 Tage beim VfL Wolfsburg im Amt: Im großen SPORTBUZZER-Interview spricht der Trainer über die schwere Rettungsmission, den großen Fritz Walter und den Höhenflug in dieser Saison – den er so sogar erwartet hatte.

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Bruno Labbadia hat die Joggingklamotten noch an, als er den FaceTime-Anruf an seinem freien Tag in seinem Haus in Hamburg entgegennimmt. Die Sache mit der Videoschalte war seine Idee, er zieht es vor, seine Gesprächspartner auch zu sehen. Knapp eine Stunde nahm sich der 53-Jährige für das Gespräch mit den SPORTBUZZER-Redakteuren Tim Lüddecke und Engelbert Hensel Zeit, um auf sein erstes Jahr als Trainer des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg zurückzublicken – das am Mittwoch endet. In größter Not hat er den Klub übernommen, mittlerweile spielt der VfL um die europäischen Plätze mit.

SPORTBUZZER: Herr Labbadia, beschreiben Sie bitte Ihr erstes Jahr beim VfL Wolfsburg in einem Wort.

Intensiv. Weil schon so viel passiert ist, dass man das Gefühl hat, man ist viel, viel länger da. Auch bedingt durch die zwei Abschnitte, die komplett unterschiedlich sind; der Abstiegskampf und dann die Situation, als würde man in eine ganz neue Sache reingehen mit dieser Saison. Aber es ist ja nicht schlimm, dass es sich länger anfühlt – im Gegenteil, wenn eine Arbeit einen aus- und erfüllt, ist das etwas Besonderes.

Trailer: Sportbuzzer-Interview mit Bruno Labbadia

Ein Jahr als Trainer ist ja ohnehin etwas anderes als in einem normalen Job...

Andere Jobs können auch sehr intensiv sein. Aber der Trainerjob ist schon speziell. Man wird Woche für Woche an den Ergebnissen gemessen. Da kann so ein Jahr gefühlt wirklich sehr lange sein.

Braucht man da auch hin und wieder Auszeiten – wie vor Ihrer Station in Wolfsburg, als Sie eineinhalb Jahre ohne Job waren?

Ich hatte bei allen Pausen immer die Möglichkeit, relativ früh wieder einzusteigen, was für mich aber nie in Frage kam, weil es mir wichtig ist, Abstand zu gewinnen zur letzten Aufgabe. Und nach meiner ersten Entlassung in Hamburg nach 27 Jahren am Stück als Spieler und Trainer ohne längere Pause habe ich gemerkt, dass es auch ohne Fußball gehen würde. Ich habe wunderschöne Sachen gemacht, die ich sehr genossen habe, es ist nie langweilig geworden – das war eine wichtige Erkenntnis, weil ich mich bis dahin sehr über den Fußball definiert habe. Mein Kopf muss dann frei werden, ich reflektiere, was gut und was nicht gut war. Und dann muss ich wieder Lust bekommen.

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Und was fehlt Ihnen ohne den Profi-Fußball?

Dieser Kick! So sehr man ihn auch manchmal verflucht, weil man nur von Wochenende zu Wochenende gemessen wird, macht einfach den Unterschied aus, weil er einem unheimlich viel Adrenalin und Befriedigung schenkt.

Haben Sie den VfL vor einem Jahr als schlafenden Riesen gesehen?

Wenn man länger als Trainer raus ist, denken viele: Bekommt der noch einen Job als Bundesligatrainer? Ich habe mir den Luxus erlaubt, einige gute Angebote abzulehnen, aus der Bundesliga und dem Ausland. Auch mit dem Wissen, dass das ein schmaler Grat ist, weil es eben nur 18 Bundesligisten gibt. Bei Wolfsburg bin ich mir insofern untreu geworden, als ich mir geschworen hatte, nachdem ich zuvor zweimal im Abstiegskampf gesteckt habe und beim letzten Mal erst nach der Winterpause eingestiegen bin, dass ich das nicht mehr machen werde. Aber solche Vereine wie Wolfsburg, die ein gewisses Potenzial haben, kommen nicht jeden Tag um die Ecke. Da habe ich dann in den sauren Apfel Abstiegskampf gebissen, obwohl ich weiß, dass extrem viel Kraft dazugehört, sehr viel Können und – das ist das Schlimme – auch ein Stück weit Glück. Ich habe bei der Entscheidung sehr mit mir gekämpft, weil ich mich dem eigentlich nicht mehr aussetzen wollte.

Bruno Labbadias Jahr beim VfL Wolfsburg in Bildern:

Am 20. Februar wird Bruno Labbadia als Cheftrainer des VfL Wolfsburg verpflichtet. Er übernimmt das Team im Absteigskampf: Wolfsburg hat seinerzeit 24 Punkte nach 23 Spieltagen und steht auf dem 14. Platz – nur einen Punkt vom Relegationsplatz entfernt. Zur Galerie
Am 20. Februar wird Bruno Labbadia als Cheftrainer des VfL Wolfsburg verpflichtet. Er übernimmt das Team im Absteigskampf: Wolfsburg hat seinerzeit 24 Punkte nach 23 Spieltagen und steht auf dem 14. Platz – nur einen Punkt vom Relegationsplatz entfernt. ©
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Wussten Sie von Anfang an, dass der Abstiegskampf bis zum Schluss gehen würde?

Ich persönlich war komplett darauf geeicht. Viele haben vermutlich lange geglaubt, dass man zu gut ist, um abzusteigen. Aber gerade im Jahr davor hat man mit einer noch besseren Mannschaft auch schon in der Relegation gespielt. Der anschließende Umbruch hatte nicht funktioniert, weil Spieler verletzt waren und es vor mir schon zwei andere Trainer gab. Da brauchte man nur eins und eins zusammenzuzählen, um zu wissen, da passt einiges nicht.

Wann war Ihr Tiefpunkt in diesem Jahr?

Sicherlich nach den zwei Spielen gegen Hamburg und in Leipzig (1:3 und 1:4, d. Red.). Danach lautete die Frage: Bleibst du am Boden liegen oder stehst du noch mal auf? Ich habe schon relativ früh gespürt, dass das Team nicht an sich glaubt und das wurde mir auch aus der Mannschaft gesagt. Für diese Rückmeldung bin ich unheimlich dankbar gewesen, weil sich Spieler das oft nicht trauen. In der Nacht nach dem Leipzig-Spiel sind dann viele Sachen passiert: Die Fans haben uns nicht an unser Trainingsgelände gelassen, das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Die Öffentlichkeit wollte wissen: Wer trägt die Schuld an der Situation? Da war es wichtig, sich von der Hysterie nicht anstecken zu lassen. Ich habe mich auch mit den Fans getroffen, um sich gemeinsam für die restlichen drei Spiele einzuschwören. Das war ein Wendepunkt, weil ich rausgehört habe, was da los ist. Und als Trainer musste ich der Erste sein, der aufsteht und vorangeht.

Die Relegationsspiele gegen Kiel liefen mit zwei Siegen dann relativ souverän – trügt das?

Total! Als wir den Gegner vorgestellt haben, hatte ich das Gefühl, dass die Spieler ganz schön geschluckt haben. Kiel war eingespielt und man hat gemerkt, dass diese Mannschaft ein Riesenselbstvertrauen hat. Und wir mussten plötzlich etwas tun, was bis dahin nicht in unserer Mannschaft drin steckte. Ich hatte mir Kiels letzte fünf Spiele angeschaut – und den Gegner, der sie geschlagen hat: den Club. Die Nürnberger hatten auch etwas gemacht, was nicht in ihrer DNA lag – Kiel anzugehen, obwohl sie eigentlich abwartend gespielt hatten in der Saison. Ich wusste, dass bei uns dieses Vertrauen dafür noch nicht da war – aber es gab keine Alternative. Das war eine gewaltige innere Anspannung.

War der Abpfiff in Kiel Ihr schönstes Gefühl in dem Jahr?

Es war eine wahnsinnige Zufriedenheit, es geschafft zu haben – und die konnte ich mir nur selber holen. Viele können das gar nicht bewerten, weil sie nur sehen: Okay, Wolfsburg ist gegen Kiel in der Relegation – das müssen die ja hinbekommen. Aber nur wir wissen auch, was hinter diesen Wochen und Monaten steckte.

Sind Ihre Arbeitstage jetzt wieder kürzer als im Abstiegskampf?

Nein, weil wir jeden Tag weiterkommen wollen und uns deshalb nicht auf die faule Haut legen. Die Mannschaft ist jetzt in einer ganz wichtigen Phase. Ist sie mit dem bisher Erreichten zufrieden? Sagen die Spieler: Müssen wir jetzt schon wieder Abläufe trainieren oder Videos schauen? Es ginge ja auch weniger, das ist leider im Menschen drin, gerade wenn man ein ganzes Rudel hat. Zum Glück ist dieses Gen bei mir relativ gering ausgeprägt. Wir müssen die Spieler darauf hinweisen: Jetzt kommt die nächste Stufe – bleiben wir dran! Dazu fällt mir auch eine Geschichte ein...

Interview mal anders: Fast eine Stunde lang nahm sich Bruno Labbadia Zeit, um mit den Redakteuren Tim Lüddecke (l.) und Engelbert Hensel via FaceTime über sein VfL-Jahr zu sprechen.
Interview mal anders: Fast eine Stunde lang nahm sich Bruno Labbadia Zeit, um mit den Redakteuren Tim Lüddecke (l.) und Engelbert Hensel via FaceTime über sein VfL-Jahr zu sprechen. ©

Erzählen Sie mal!

Der alte Fritz Walter hat mich mal als 13-Jährigen bei einem Talentwettbewerb unter Tausenden von Kindern ausgewählt, ich durfte nach New York reisen und Pelé treffen. Das war etwas ganz Besonderes. Und er sagte mir damals: „Bub, nach oben zu kommen, ist schwer, aber oben zu bleiben, ist viel schwerer.“ Da ist so viel Wahres dran! Übrigens: Ich habe damals, als ich in Kaiserslautern gespielt habe, nur 500 Meter von Fritz Walter weg gewohnt – ein ganz feiner Mensch! So verrückt spielt das Leben manchmal.

Ist nach der vergangenen Saison auch in Ihr privates Leben wieder Normalität eingekehrt?

Definitiv, denn Abstiegskampf hat mit Lebensqualität nichts zu tun. Es gibt Leute, die können das trennen – ich nicht. Ich kann das Leben nicht genießen, wenn ich keinen Erfolg habe. Dann gehe ich auch nicht aus, gehe nicht essen – das macht mir einfach keine Freude. Das färbt auch auf die Familie ab, die das ja alles mitlebt. Aber meine Frau kommt gern ins Stadion in Wolfsburg, mag die Menschen dort, meine Tochter und mein Sohn kommen auch so oft wie möglich.

Der VfL steht nach 22 Spieltagen auf Platz sechs – hätten Sie das vor der Saison für möglich gehalten?

Wenn ich das jetzt sage, könnte man meinen: Klar, jetzt kann er viel erzählen. Aber ich kann ein, zwei Personen nennen, denen ich vor der Saison erklärt habe, wo wir hin möchten. Da sind wir jetzt gerade nicht weit von entfernt. Und ich habe der Mannschaft gesagt: Ich habe keinen Bock, herumzueiern. Ich will das Optimum herausholen. Wir haben personelle Veränderungen getätigt, aber die waren nicht besonders groß, viel wichtiger war, dass wir in der Mannschaft Dinge verändert haben.

Welchen Anteil haben die Veränderungen in der Geschäftsführung?

Der Riesenvorteil ist, dass wir als Trainerteam im Sport relativ freie Hand haben. Aber es gibt auch Bereiche, wo ich nicht über meine Aufgabe hinweg darf. Alles, was mit Finanzen zu tun hat, Dinge, die den Verein betreffen, muss Jörg Schmadtke entscheiden. Marcel Schäfer ist das Bindeglied zwischen uns Trainern und dem Verein. Wir versuchen, dass sich keiner in die Belange der anderen einmischt. Und die Themen, die zusammenkommen, müssen besprochen werden. In meinen Augen sind die Aufgaben heutzutage in einem Verein zu vielfältig geworden, als dass sie eine Person allein bewältigen kann. Und eine beständige und starke Führung dient dabei als wichtiger Schutzwall um die Mannschaft.

Stichwort Beständigkeit: In der Trainerpersonalie muss man sich da noch etwas gedulden, Ihr Vertrag läuft aus...

Vor langer Zeit habe ich schon gesagt, mir reicht es, wenn wir uns im April zusammensetzen. Es wird demnächst die Zeit kommen, in der ich mir in Ruhe Gedanken über die Zukunft machen werde. Ich fühle mich im Hier und Jetzt sehr wohl, weil es uns im Trainerteam gerade große Freude macht, mit dieser Mannschaft zu arbeiten. Früher habe ich mich nach einem gewonnenen Spiel gefragt: Was muss ich noch, noch, noch...? Aber es gehört auch dazu, mal den Moment zu genießen – und das tue ich gerade.

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