30. Dezember 2021 / 19:06 Uhr

Ein Jahr ohne Punktgewinn: So hält Handball-Drittligist VfL Wolfsburg das durch

Ein Jahr ohne Punktgewinn: So hält Handball-Drittligist VfL Wolfsburg das durch

Maik Schulze
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Abenteuer 3. Liga: Coach Oliver Bült und der VfL Wolfsburg sind mittendrin.
Abenteuer 3. Liga: Coach Oliver Bült und der VfL Wolfsburg sind mittendrin. © Britta Schulze/Privat
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Das Abenteuer 3. Liga: Die Handballerinnen des VfL Wolfsburg stecken mittendrin und zeigen Nehmerqualitäten. Zwölf Spiele ohne Punkt liegen hinter ihnen. Aber neben Erfahrungen gab es auch Fortschritte. Wie sich die Spielerinnen gegenseitig Mut machen, warum das Schlusslicht beim Gegner für Erstaunen sorgt und wieso die Hoffnung auf den Klassenerhalt lebt - auch darüber redet VfL-Trainer Oliver Bült im SPORTBUZZER.

Punktlos Letzter - und doch noch lange nicht abgestiegen. Handball-Drittligist VfL Wolfsburg hat ein siegloses Pflichtspieljahr 2021 hinter sich und eine schwere Rest-Rückrunde vor sich. Aber es gibt da ja noch die Abstiegsrunde, in der einige Karten neu gemischt werden. VfL-Coach Oliver Bült spricht im SPORTBUZZER unter anderem darüber, warum Durchhalten das Wichtigste ist, das Corona den VfL bisher fast komplett verschont hat und wie seine Spielerinnen trotz einer Niederlagen-Serie den Zusammenhalt mit Leben füllen.

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Leben als Abstiegskandidat

„Wir sind natürlich ein Abstiegskandidat“ – so ehrlich hatte Bült selbst die Chancen vor der Saison eingeschätzt. Zwölf Spiele und zwölf Niederlagen bestätigen das. Doch Mut haben die Spielerinnen: Sportlich hatte sich der VfL mit seinem neuformierten Team nicht qualifizieren müssen, nur zwei Teams wollten sich überhaupt dem Abenteuer stellen, als zwei Aufsteiger gesucht wurden. Interessant: Werder Bremen II, der zweite Neuling aus der Oberliga Niedersachsen, ereilte in Staffel A das gleiche Schicksal – mit einem noch schlechteren Torverhältnis. „Viele Aufsteiger aus Niedersachsen sind in den letzten Jahren sang- und klanglos abgestiegen. Der Sprung ist riesengroß“, sagt Bült. Neulinge hätten früher Spiele auch mal mit 27 Toren Unterschied verloren. „Da liegen wir mit zehn Toren Differenz im Schnitt noch gut.“ Interessant: In der Vorbereitung gab’s gegen den Berliner TSC ein 32:21. Auch ein Drittligist – und der hat in Staffel B schon zwei Siege geholt. „Die Unterschiede in den Staffeln sind groß. Unsere C-Staffel ist extrem stark. Ich bin mir sicher, dass wir in der A- oder B-Staffel schon einige Punkte hätten.“


Mehr heimischer Sport

Das Personal

Selbst die Stamm-Sieben hätte es bisher schwer gehabt, da ist sich Bült sicher. Doch, um nur einige Beispiele zu nennen: Nele Hensel, Fabienne Kohn, Edyta Kuczynska, Karla Hoppe – sie verletzten sich, wechselten oder beendeten ihre Karriere. „Da hätte auch jedes andere Team Probleme, wenn ihnen vier Leistungsträgerinnen fehlen würden“, sagt Bült. Den VfL erwischte es sogar noch schlimmer. „Und wir haben keine Zweitvertretung in der Oberliga wie andere, wir haben ein Regionsoberliga-Team mit 16-, 17-, 18-Jährigen, die dann in die Bresche springen.“ Immerhin: Kohn steht vorm Comeback. „Es sieht gut aus, das Hämatom aus dem Knochen ist wohl raus. Sie wird im Januar wieder ins Training einsteigen, wir hoffen, dass sie zum ersten Spiel im neuen Jahr wieder dabei ist.“ Auch die zuletzt fehlende Kim Klauenberg kehrt zurück. Auf Hensel muss der VfL aber nicht nur beim Trainingsstart am 3. Januar verzichten. „Sie hat die Knie-OP gut überstanden, beendet aber ihre Karriere“, so Bült. Dem VfL wird sie fehlen: „Nele ist für mich eine der besten Linksaußen, die wir in der Oberliga hatten.“


Heimat bleibt

In der heimischen Carl-Hahn-Halle betrug der Abstand zwischen Hallenwand und Außenlinien nur einige Zentimeter, mindestens 50 müssen es laut DHB sein, um einer erhöhten Verletzungsgefahr vorzubeugen. Zunächst gab es eine Ausnahmegenehmigung. „Wir hoffen, dass wir das vor dem 31. Dezember umsetzen können, um eine dauerhafte Lösung hinzubekommen“, hatte Wolfsburgs Sportlicher Leiter Jens Wöhner im Oktober gesagt. Es gelang. Der VfL darf bleiben. "Die Linien sind neu ge- und Tore versetzt. Somit ist die Halle absolut drittligatauglich und auch abgenommen", berichtet Bült.

Die größte Überraschung

Für Wolfsburgs Trainer war es das 20:29 bei Top-Team SG 09 Kirchhof. Ergebnistechnisch eine Steigerung zum Hinspiel (19:31). Bült: „Mit vielen jungen Spielerinnen aus unserer Zweiten gegen eine Vollprofi-Mannschaft mit nur neun Toren zu verlieren, war echt gut.“ Überhaupt hat Bült auch nach einem Jahr ohne Punktgewinn die Freude aufs nächste Spiel nie verloren. „Siege sind wichtig und tun gut, ich sehe es aber differenzierter. Jeder technische Fehler weniger, jedes geduldig und schön herausgespielte Tor, jedes mannschaftsdienliche Abwehrverhalten, das wir mehr auf die Platte bringen, freut mich umso mehr.“

Durchhalten

Nach dem hauchdünnen 30:31 in Hannover hatte Bült noch ein langes Gespräch mit HSC-Frauenwartin Laura Treskow. Hannover selbst kennt den schweren Gang von der Ober- in die 3. Liga, Corona rettete die Landeshauptstädter letztlich zweimal vor dem Abstieg, jetzt haben sie 10:14 Punkte auf dem Konto. Was Treskow ihm mit auf den Weg gab: „Durchhalten ist das Wichtigste. Die Erfahrung mitnehmen und sehen, an welchen Stellschrauben man noch drehen muss. Aber man muss das überstehen, da durchkommen, ohne dass das Team zerfällt.“ Davon ist der VfL weit entfernt, auch wenn die Niederlagen-Serie mal aufs Gemüt schlägt. „Beim Zusammenhalt hilft jede Spielerin mit“, betont der Coach. Nach den Partien bleibe man länger zusammen. „Da bringt auch mal Jede etwas zum Essen mit.“ Motivationskarten hängen an der Wand, mal wurde für jede Spielerin eine Überraschungstüte gebastelt. „Mit netten Getränken und Versen und Sprüchen, die einen aufmuntern, die einem zeigen, dass man trotzdem eine gute Spielerin ist und selbstbewusst sein soll“, berichtet Bült.

Fortschritte feiern

Was auch Mut macht: Gegner-Lob! Kirchhofs Trainer Dragos Negovan war vom VfL positiv überrascht. „Er hat gesagt, dass wir eigentlich einen guten Handball spielen, aber Fehlerquote, Tempo und Dynamik nicht auf dem Level sind“, erzählt Bült. „Wir nehmen das natürlich mit. Es ist ja so, dass wir uns verbessern.“ Phasenweise ist der VfL mit den Gegnern immer mal wieder auf Augenhöhe. „Es geht ja, aber es geht nicht auf Dauer. Aber man sieht, dass man mithält.“ 

Hintertür Abstiegsrunde

Selbst wenn der VfL Schlusslicht in der Staffel C bleiben und keinen Punkt mehr holen sollte – abgestiegen wäre Wolfsburg dann noch nicht. In einer anschließenden Abstiegsrunde mit verschiedenen Gruppen haben die Kellerkinder aller sechs Staffeln noch die Möglichkeit auf den Klassenerhalt. Punkte gegen direkte Gegner nimmt man aus der Staffelphase mit. Bült: „Da guckt man schon hin. So ein Saison-System habe ich noch nie erlebt, es ist noch mal eine Chance, keine Frage.“ Und: „Es ist noch weit weg, vielleicht haben wir uns bis dahin so gut verbessert, dass wir da sehr gut mithalten können. Vielleicht haben wir die Möglichkeit, bis dahin noch mal ein, zwei Spielerinnen zu bekommen, die uns nach vorn bringen.“ Deshalb gilt: „Abgestiegen sind wir jedenfalls noch nicht.“

Leben mit Corona

Handball ist ein Vollkontakt-Sport, der VfL ist viel in Deutschland unterwegs, in den Hallen wurde bisher unter den jeweiligen Corona-Regeln vor Zuschauern gespielt. "Corona ist zwei Jahre alt, ich trainiere zwei Teams mit rund 36 Spielerinnen. Bislang hatten wir keinen einzigen Fall. Wir sind da echt gut durchgekommen", so Bült. Der Coach ist froh, dass seinem Team dieses Problem bisher erspart geblieben ist. "Ich stelle es mir schlimm vor, wenn da die Angst ausbricht und jemand etwas hat." Deshalb "passen wir sehr darauf auf", berichtet Bült. Getestet wird vor jedem Training. "Bevor wir die Halle betreten. Selbst Geboosterte machen mit." Corona wurde im Spielplan nur einmal zum Thema, als der PSV Recklinghausen nach Fällen in seinem Team um Verlegung bat. "Das haben wir natürlich gemacht. Aber ansonsten war gar nichts. Auch nicht unter den Zuschauern, denn da wären ja Nachverfolgungslisten angefordert worden. Hoffentlich bleibt das so. Das wünsche ich mir."