22. April 2021 / 18:00 Uhr

Ein jüdischer Wundertrainer in Leipzig: Auf den Spuren von Lajos Bányai

Ein jüdischer Wundertrainer in Leipzig: Auf den Spuren von Lajos Bányai

Frank Müller
Leipziger Volkszeitung
Yuval Rubovitch hat sich mit Lajos Bányai beschäftigt. Der Wundertrainer ist auf dem kleinen Bild mit dem Team des FC Ujpest knieend als Zweiter von links zu sehen.
Yuval Rubovitch hat sich mit Lajos Bányai beschäftigt. Der "Wundertrainer" ist auf dem kleinen Bild mit dem Team des FC Ujpest knieend als Zweiter von links zu sehen. © Christian Modla
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Die Karriere von Lajos Bányai kann sich sehen lassen. Als Fußballtrainer startete der gebürtige Ungar in Dresden und Leipzig, galt schnell als "Wundertrainer" und erarbeitete sich einen legendären Ruf, weil es ihm immer wieder gelang, seine Teams auch unter schwierigen Bedingungen zu Erfolgen zu führen.

Leipzig. Es passiert nicht alle Tage, dass in Israel einem ehemaligen Leipziger Fußballer und Trainer ein ganzer Zeitungsartikel gewidmet wird. Dem vor über 100 Jahren in Leipzig kickenden Ungarn Lajos Bányai wurde anlässlich des Holocaust-Gedenktages in der in Tel Aviv erscheinenden Tageszeitung „Haaretz“ diese Ehre zuteil.

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Erste Trainer-Erfahrungen in Dresden

Der seit gut zehn Jahren in Leipzig lebende und aus Israel stammende Autor Yuval Rubovitch hat ein Buch über den jüdischen Sportklub Bar Kochba Leipzig geschrieben. Bei den Recherchen zu „Mit Sportgeist gegen die Entrechtung“ (erschienen 2020 bei Hentrich & Hentrich in Leipzig) ist der promovierte Historiker auch auf den jüdischen Sportler Bányai gestoßen. Dessen Vita sowie sein tragisches Ende rechtfertigen schon allein den Artikel. „Dabei sehr geholfen hat mir Jürgen Hermann, der das Buch `Mythos Hallescher FC Wacker 1900` geschrieben hat und viel über Bányai wusste“, betont Rubovitch.

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Der 1888 in Ungarn geborene Bányai stürmte von 1907 bis 1909 in seiner Heimat für MTK Budapest, ehe ihn sein Weg nach Deutschland führte. Von 1909 an spielte er vier Jahre lang für den SV GutsMuths Dresden und danach fünf Jahre bis 2018 für die Spielvereinigung in Leipzig. Doch seinen legendären Ruf erarbeitete er sich als Coach. „Als „Wundertrainer“ ging er in die Annalen ein. Erste Erfahrungen als Übungsleiter machte er ab 1918 bis 1921 bei GutsMuths in Dresden. Dann holte man ihn – in Parallelität zu seiner Laufbahn als Spieler – als Trainer zur Spielvereinigung nach Leipzig-Lindenau. Doch schon nach einem halben Jahr, zu Beginn 1922, verpflichtete ihn der damals bereits renommierte Hamburger SV, mit dem er Norddeutscher Meister wurde – für Bányai der erste Titel. Vorausgegangenen war, dass der Ungar als Trainer mit der Mitteldeutschen Auswahl in Budapest gegen die ungarische Auswahl – damals das Maß aller Fußballdinge – nur 2:3 verloren hatte. Das hatte für Aufsehen und beim HSV für Interesse gesorgt.

Von Hamburg aus ging es für Bányai aber schon im Sommer 1922 zur nächsten hochkarätigen Station, zur SpVgg Fürth, die in den 1920ern das Niveau im deutschen Fußball maßgeblich mitprägte. Auch hier hatte er sofort Erfolg, besiegte im Finale um die süddeutsche Meisterschaft den starken Nachbarn 1. FC Nürnberg. Im Jahr 1924 verließ der Ungar Fürth, kam 1926 aber wieder nach Leipzig, nun zum jüdischen Verein Bar Kochbar. Dessen Fußballer spielten nur 2. Klasse, wo Bányai seine Schützlinge aber auch prompt zur Meisterschaft führte.

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Wunsch: Gewürzladen aufmachen

In Ungarn war der erstklassige Fußball zu dieser Zeit bereits Profisport. Das lockte Bányai, er ging 1928 zum FC Ujpest. Dort sollte er endgültig zum „Wundertrainer“ werden. Mit den Budapestern wurde er zweimal ungarischer Meister, holte 1929 den Mitropa-Pokal, der damals eine Art Europa-Pokal war, um den die besten Teams des Kontinents kämpften. Außerdem führte er seine Mannschaft 1930 zum Sieg eines prominent besetzten europäischen Turniers in Genf.

Kurzum, wo der Ungar als Trainer wirkte, hatte er stets großen Erfolg. Yuval Rubovitch hat herausgefunden, dass Bányai damals einer der kreativsten und innovativsten Trainer war. „Er führte neue Übungsmethoden ein, war seiner Zeit diesbezüglich offenbar ein Stück voraus“, sagt der Historiker und Autor. „Daher auch sein großartiger Ruf.“

Rubovitch hat zudem herausgefunden, dass sich Bányai sportlich ab 1932 eigentlich zur Ruhe setzen und einen Gewürzladen aufmachen wollte. Doch 1933 nahm er das Traineramt beim kleinen Verein Phoebus Ujpest an, wo er wohl auch einen gewissen Schutz vor der Judenverfolgung genoss. Mit Phoebus stieg Bányai in die damals schon professionelle 1. Liga auf und schaffte trotz der hochklassigen und besser gestellten Konkurrenz zweimal den vierten Platz. Unterdessen nahmen aber im faschistisch regierten und mit Nazi-Deutschland verbündeten Ungarn die Repressionen zu. Ab 1939 konnte oder durfte er nicht mehr als Trainer arbeiten. Ab 1944 verliert sich seine Spur, er und seine Familie gelten als verschollen. Wo genau der berühmte Trainer, der einen Teil seines Lebens in Leipzig verbrachte, umgekommen ist, konnte also bislang nicht geklärt werden. Mit höchster Wahrscheinlichkeit hat er das gleiche Schicksal wie sechs Millionen andere Juden unter der Nazi-Herrschaft in Europa erlitten. Rubovitch ist es zu verdanken, dass Lajos Bányai nicht in Vergessenheit gerät.

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