03. Februar 2015 / 10:30 Uhr

Ein schwuler Fußballer und sein Versteckspiel

Ein schwuler Fußballer und sein Versteckspiel

Anne Grimm, LVZ-Online
Leipziger Volkszeitung
Engagiert: Marcus arbeitete damals in einem Atelier für Künstler mit Behinderung. 2008 wurde seine Biografie veröffentlicht.
Engagiert: Marcus arbeitete damals in einem Atelier für Künstler mit Behinderung. 2008 wurde seine Biografie veröffentlicht. © Imago
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Ex-Kicker Marcus Urban hat sich geoutet. Er war der erste Fußballprofi in Deutschland und der dritte weltweit. Am Mittwoch ist er in Leipzig zu Gast und liest aus seiner Biografie "Versteckspieler".

Berlin. Treffpunkt ist ein Café in Berlin-Schöneberg. Hier sitzen viele Männer beisammen. Aber nicht um Fußball zu schauen, sondern weil sie etwas verbindet – ihre Sexualität. Auch Marcus Urban gehört zu ihnen. Er wohnt nur ein paar Häuser weiter. Zur Begrüßung huscht über sein Gesicht ein herzliches Lächeln. Es klingt selbstbewusst, wenn er von seinem Beruf und seinen Zielen spricht. Das war nicht immer so. Jahrelang versteckte sich der Profifußballer hinter einer Fassade. Er schämte sich für seine Sexualität, seine Herkunft und sein Aussehen. Im Alter von 23 Jahren outete sich Marcus, damals war seine Karriere bereits vorbei.

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Über Urbans persönlichen Weg bis zu diesem Zeitpunkt und die wechselvollen und schmerzhaften folgenden Jahre hat der Sportjournalisten Ronny Blaschke die Biografie "Versteckspieler" geschrieben. Am Mittwoch ist der inzwischen 44-Jährige in Leipzig zu Gast und liest im Ambulanten Rehazentrum St. Elisabeth aus seinem Buch. Beginn der Veranstaltung ist 18.30 Uhr. Sie ist der Auftakt einer Vier-Städte-Lesereise.

„Mein Leben wäre sicher anders verlaufen, wenn ich nicht aus der Enge des Fußballs hätte ausbrechen wollen“, erklärt Marcus. Er spielte Anfang der 1990er-Jahre für Rot-Weiß Erfurt in der Zweiten Fußball-Bundesliga und vorher in der Jugendnationalmannschaft der DDR. Seine damaligen Trainer hielten ihn für eines der größten Talente. Er selbst wollte „der beste Spieler der Welt werden. Auch wenn das in der DDR eine absurde Vorstellung war.“

Doch das fußballerische Können des flinken Mittelfeldmotors litt mit zunehmendem Alter, immer mehr unter seinen Ängsten. Zu seinen Problemen gehörte neben einer schwierigen Kindheit auch die Frage nach der eigenen Sexualität. Er hatte Angst, sein Coming-Out könnte seiner fußballerischen Zukunft schaden. „Es ist mir am Anfang schwer gefallen, mich zu outen. Dieses Problem haben viele Schwule und Lesben“, erklärt der Ex-Profi. Deshalb beendete er 1993 seine Fußballkarriere und begrub damit auch seinen großen Traum. Marcus floh vor seinen Problemen nach Italien. Doch die Ängste holten ihn auch in Neapel wieder ein.

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Zurück in seiner Geburtsstadt Weimar kickte Marcus aus Spaß noch ein bisschen für seinen Heimatverein. „Es spitzte sich immer mehr zu. Ich hatte immer weniger Kraft und merkte, dass ich innerlich ausbrenne“, beschreibt er die Gefühle vor dem Outing. Dann vertraute er sich einem Mitspieler an und hörte anschließend mit dem Fußballspielen auf, „weil ich nicht mehr in das Elend zurückwollte.“ 

Es gibt zwei Ereignisse in den vergangenen Jahren, die für Homosexuelle eine große Erleichterung darstellen – sie sind eng mit dem Leben von Marcus verknüpft. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nahm Homosexualität 1994 von der Liste der Krankheiten. Im gleichen Jahr outete sich Marcus nach „qualvollen Versteckspielen“. Noch bis 1971, dem Jahr seiner Geburt, galt die Gefängnisstrafe für Homosexualität. Erst 1994 wurde Paragraph 175, der Homosexualität unter Strafe stellt, in Deutschland komplett abgeschafft.

Die öffentliche Aufarbeitung seines bisherigen Lebens begann er Ende 2006. „Damals spielte ich in einer schwulen Fußballmannschaft in Hamburg. Ein ARD-Team schaute vorbei, um über das Thema zu berichten. Sie fragten, ob jemand eine Geschichte erzählen kann und ich habe einfach ja gesagt.“ Im folgenden Jahr häuften sich die Interview-Anfragen. „Ich habe mich entschieden, viel für die Sache zu tun. Es kommt von Herzen, weil es meine eigene Geschichte ist.“

Marcus arbeitete damals in einem Atelier für Künstler mit Behinderung. In dieser Zeit wurde auch seine Biografie veröffentlicht. „Die Leute kamen einfach bei mir vorbei, nur um sich zu bedanken. Es gab Menschen, die haben gesagt, dass mein Buch ihr Leben gerettet hat. Das hätte ich mit einer normalen Fußballkarriere niemals erreicht.“  

Bis heute hat sich kein prominenter deutscher Fußballer in seiner aktiven Zeit zur Homosexualität bekannt. Es ist auch im Jahr 2015 ein Tabuthema. Vor Marcus Urban gab es weltweit nur zwei weitere Profis, dessen Geschichten aber tragisch endeten. Den britischen Fußballer Justin Fashanu hat sein Outing das Leben gekostet. Er war 1990 der Erste, der sich traute. Nach einer regelrechten Hetzjagd in Großbritannien erhängte sich der damals 37-Jährige im Jahr 1998 in einer Garage. Heinz Bonn, ehemaliger Spieler beim Hamburger SV, behielt sein Geheimnis in den 1970er-Jahren für sich. Er wurde Alkoholiker und 1991 von einem Prostituierten ermordet.   

Aber warum ist Homosexualität im Fußball auch heute noch so ein großes Tabu? „Die Fußballer haben Angst vor Ausgrenzung und Verlust des Ansehens“, sagt Marcus. Außerdem sei der öffentliche Druck durch die Medien hoch. Auch vor den Fans, bei denen homophobe Sprechgesänge keine Seltenheit sind, würden sich die Spieler fürchten. Die Vorgabe, das Thema unter der Decke zu halten, käme auch aus den Führungsetagen und dem Management der Profi-Vereine. „Zudem sehen die Bundesligisten das Problem nicht. Denn es gibt ja offiziell keine homosexuellen Fußballer.“ Ähnlich äußerte sich der ehemalige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger nach seinem Outing 2014 auf die Frage, wie schwulenfeindlich der Fußball eigentlich sei. „Schwer zu sagen", meinte er „im Fußball gibt es ja keine bekannten Homosexuellen."

Was tun eigentlich der Deutsche Fußball-Bund und die Bundesligisten, um Homosexuellen den Rücken zu stärken? „In den sieben Jahren, in denen ich jetzt in diesem Bereich arbeite, gab es vom DFB zu dem Thema eine Konferenz und eine Broschüre. Aber nie aus eigenem Antrieb, sondern immer nur als Reaktion auf ein Ereignis. Das finde ich ein bisschen arg wenig“, sagt Marcus. Noch schlechter sieht es bei den Bundesligisten selbst aus, die in ihren Satzungen kein Wort zur Bekämpfung von Homophobie verlieren.

Marcus ist inzwischen Diversity-Berater. Das heißt er setzt sich im Sport und in der Gesellschaft für Vielfältigkeit jeglicher Art ein, arbeitet zu diesem Thema gerade an einem Projekt für den Landessportbund Thüringen, bei Anti-Rassismus-Kampagnen hält er Vorträge. Oft trifft sich der 44-Jährige mit Journalisten, um die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. Aber er hat auch ein offenes Ohr für alle, die bei ihm Hilfe suchen. Kürzlich hätten bei ihm Schüler aus dem bayrischen Land angerufen, die bedroht werden. „Die wurden am Bahnhof am Genital gepackt mit den Worten: ,Dir treibe ich das schon aus, dass du schwul bist‘“, erzählt er. 

Sein Ziel ist, dass aktive Spieler ganz selbstverständlich mit einem Mann zusammen leben und Fußball spielen können. „Weil ich es zu meiner Zeit nicht konnte.“ Um diesen Plan umzusetzen, hat Marcus ein ambitioniertes Projekt initiiert. Mit dem im April 2014 gegründeten „Verein für Vielfalt in Sport und Gesellschaft“ möchte er ein ganz besonderes Fußballspiel ins Leben rufen. Hetero- und homosexuelle, aktive sowie ehemalige Fußball-Profis sollen gemeinsam auf dem Platz eines Bundesligisten auflaufen. „Das sorgt jetzt schon für Wirbel und wäre ein riesen Tabu-Bruch“, freut sich Marcus. Auf der Internetseite des Vereins gibt es ein Spielfeld, mit eingefärbten Dressen bei der Aufstellung. Wenn alle Trikots weiß gefärbt sind, also das Team vollständig ist, will Marcus die Bombe platzen lassen. Bis dahin bleiben die Namen der Teilnehmer geheim. „Es ist eine Chance für Fußballer, sich in der Gruppe zu bekennen. Keiner steht alleine da“, sagt der Organisator. 


Seit einem halben Jahr spielt Marcus selbst wieder Fußball. In der Altliga bei Hertha BSC Berlin. Auf der Weihnachtsfeier im Dezember war auch sein Freund dabei. Viele hätten sich gefreut und gesagt: „Wir sind der erste Bundesliga-Verein mit einem schwulen Ex-Profi.“ Der Manager des Teams adelte Marcus Freund sogar zum „ersten Spielermann der Welt.“ Für ihn ist es gut zu wissen, dass seine Sexualität auch bei den vielen gestandenen Mannsbildern im Team kein Problem darstellt. 

Dafür muss sich der 44-Jährige an seinem aktuellen Wohnort Berlin noch oft genug überlegen, wo er mit seinem Freund Hand in Hand durch die Straße gehen kann. „Körperliche Angriffe schweben immer in der Luft, auch heute“, sagt er. Erst kürzlich stand Marcus nicht weit von dem Café in Berlin-Schöneberg, in dem sich viele Schwule und Lesben treffen. Er umarmte seinen Freund und küsste ihn. Da kam ein Mann vorbei und sagte: „Schämt euch.“

Das herzliche Lächeln weicht am Ende des Gesprächs einem verschmitzten Grinsen. Marcus sagt: „Ich kann nur jedem Profifußballer raten, sich zu outen. Dann ist das elende Versteckspiel endlich vorbei. Auch Heterosexuelle sollten das mal probieren.“

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