30. Januar 2022 / 16:31 Uhr

„Ein skandalöser Vorgang“: Gerd Schädlichs Entlassung in Leutzsch nach 67 Tagen

„Ein skandalöser Vorgang“: Gerd Schädlichs Entlassung in Leutzsch nach 67 Tagen

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Gerd Schädlich (li.) und Chemie Leipzigs damaliger Vizepräsident Klaus Wienhold hatten sich überworfen.
Gerd Schädlich (li.) und Chemie Leipzigs damaliger Vizepräsident Klaus Wienhold hatten sich überworfen. © Archiv/Gloger
Anzeige

Viel vorwerfen konnte sich Gerd Schädlich als Trainer des FC Sachsen Leipzig eigentlich nicht - 13 Punkte aus sechs Spielen waren ein guter Start in die Saison 1997/98. Dennoch war die Zeit des Vogtländers in Leutzsch nach nur knapp mehr als zwei Monaten wieder vorbei.

Leipzig. Man stelle sich vor: Domenico Tedesco wird von den RB-Chefs am Ende der Winter-Transferperiode mit einem Königstransfer überrascht – sagen wir Joshua Kimmich. Doch Tedesco setzt den Neuzugang am kommenden Samstag bei den Bayern wegen fehlender Eingewöhnungszeit zunächst auf die Bank – und wird deshalb sofort entlassen. So etwas gibt es nicht? Genau dieses Szenario widerfuhr dem am Samstag verstorbenen Gerd Schädlich vor fast einem Vierteljahrhundert in Leipzig-Leutzsch.

Anzeige

Nicht auf den Sponsor gehört

Im Sommer 1997 wird Schädlich nach vier Siegen, einem Remis und einer 0:1-Niederlage bei Tebe Berlin vom FC Sachsen entlassen. Genauer gesagt vom allmächtigen Club-Sponsor und Vizepräsidenten Klaus Wienhold.

Mehr zu Gerd Schädlich

Der eiste drei Tage vorm TeBe-Spiel Roman Müller vom FC Berlin los und forderte den Cheftrainer auf, den Neuen sofort in die Start-Elf zu beordern. Schädlich verbittet sich diese Einmischung, setzt Müller eingedenk nicht vorhandener Eingewöhnung auf die Bank. Nach dem 0:1 kommt es zum Showdown im Naumburger Hotel von Präsident Otto Bauer. Einziger Tagesordnungspunkt beim Treffen des Präsidiums und dem von Uwe Thomas angeführten Aufsichtsrat: Die Entlassung des – ungehorsamen – Trainers. Uwe Thomas und Jens Fuge stimmen dagegen, Wienhold und Bauer setzen sich durch. Schädlichs Dienstzeit in Leutzsch endet nach 67 Tagen, Co-Trainer Klaus Georgi übernimmt für neun Tage, ehe Libero Carsten Sänger Spielertrainer wird. Noch in der gleichen Saison folgt mit Frank Rohde ein vierter Coach.

„Das war eine Riesensauerei“

„Schlimm war das“, erinnert sich Uwe Thomas, „ein skandalöser Vorgang.“ Schädlich sei „ein großartiger Fachmann, feiner und sauberer Mensch gewesen“. Gegen Plauen erscheint Gerd Schädlich auf der Leutzscher Tribüne, wird von den Fans gefeiert. Kein Mensch kann nachvollziehen, was da in Bauers Hotel entschieden wurde. Gegenüber dem MDR sagt Schädlich mit Blick auf Wienholds Einmischung in die Aufstellung: „Ein Trainer, der Charakter hat, kann da nicht mitgehen.“ Wienhold sagt dem MDR, dass Mannschaft und Trainer charakterlich nicht zusammengepasst hätten. Und trinkt ein Bier auf den 4:1-Sieg gegen Plauen.

Anzeige

Holger Krauß gehörte mit 21 Jahren 1997 zum Kader der Leutzscher. „Über Schädlichs Entlassung haben wir uns gewundert, die Hintergründe kannten jüngere Spieler wie ich nicht“, so der gebürtige Leipziger. „Eigentlich habe ich Gerd erst später richtig kennengelernt, da hatten wir mehr Kontakt. Er war menschlich überragend.“ Steffen Ziffert gehörte mit 33 Jahren zu den erfahrenen Spielern im Team. Der gebürtige Bad Lausicker erinnert sich: „Ich war über Schädlichs Entlassung geschockt, bei dem auslösenden 0:1 in Berlin aber verletzungsbedingt nicht dabei. Ich habe von der Entlassung aus der Zeitung erfahren. Das war eine Riesensauerei. Er war ein Fachmann, ein feiner Mensch und im positiven Sinne ein Mann alter Prägung.“

F. Schober, G. Schäfer, F. Müller

Anzeige: Erlebe die gesamte Bundesliga mit WOW und DAZN zum Vorteilspreis