26. Januar 2018 / 17:49 Uhr

Ein Tor, das Krawallfans nicht verzeihen

Ein Tor, das Krawallfans nicht verzeihen

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Verwarnung statt Jugendarrest: Glaubhaft versicherte Samuel G. (22, v. re.), hier mit Verteidiger Boris Wita, dem Gericht, der gewaltbereiten Fußballszene abgeschworen zu haben. Bernd Pfläging erzielte für seinen Mandanten Joshua L. einen Freispruch.
Verwarnung statt Jugendarrest: Glaubhaft versicherte Samuel G. (22, v. re.), hier mit Verteidiger Boris Wita, dem Gericht, der gewaltbereiten Fußballszene abgeschworen zu haben. Bernd Pfläging erzielte für seinen Mandanten Joshua L. einen Freispruch. © Paesler
Anzeige

Ex-Holstein-Spieler Christopher Kramer ist mehrfach von KSV-Ultras angegriffen worden – Freispruch und Verwarnung nach Disko-Attacke

Anzeige
Anzeige

Wegen gefährlicher Körperverletzung mussten sich zwei Fußballfans am Freitag vor dem Jugendschöffengericht in Kiel verantworten. Sie sollen im Sommer 2015 einen ehemaligen Spieler von Holstein Kiel und dessen Bruder in einer Diskothek in der Bergstraße brutal attackiert haben. Einer der Angeklagten wurde freigesprochen, der zweite erhielt eine Verwarnung.

Zur falschen Zeit am falschen Ort – so könnte das Fazit des verhängnisvollen Abends lauten, das für die Angeklagten ebenso zutreffend ist wie für die die beiden Opfer. Im Strafverfahren gegen Samuel G. und Joshua L., beide sind heute 22 Jahre alt, sollte das Jugendschöffengericht Licht ins Dunkel bringen, was sich konkret in der Nacht vom 5. August 2015 in der Diskothek „Tucholsky“ zugetragen hat. Unstrittig war: Der Fußballer Christopher Kramer, der damals beim VfB Lübeck spielte, und sein Bruder Timo waren unvermittelt von einer Gruppe junger Männer attackiert und verletzt worden. Doch so dezidiert die Vorsitzende Richterin Antje Renner auch nachhakte, keiner der Zeugen konnte sich erinnern, ob Joshua L. überhaupt an dem Angriff beteiligt war und ob Samuel G. dem ehemaligen KSV-Spieler tatsächlich „nur“ einen Faustschlag ins Gesicht verpasst hatte.

Die Staatsanwaltschaft warf den beiden Beschuldigten nämlich weit schwerere Taten vor. In der Anklageschrift war von mehrfachen Faustschlägen die Rede gewesen. Die zur Tatzeit 19 und 20 Jahre alten Heranwachsenden sollen die Geschädigten mit Glasflaschen, Gläsern und Billardkugeln beworfen haben. G. habe den Fußballer mit einem Barhocker auf den Kopf geschlagen, seinen Bruder mit einem Billard-Queue malträtiert haben. L. soll schließlich sogar ein Messer gezückt und gedroht haben „Kramers, wir töten euch jetzt!“.

Vorhaltungen, die die beiden Angeklagten von sich wiesen. Joshua L. gab vor, zu Unrecht beschuldigt zu werden. „Es ist richtig, dass ich kurz mit Christopher Kramer gesprochen habe“, räumte er ein. Von einer Beteiligung an der Schlägerei wollte er nichts wissen. Samuel G., der als gewaltbereiter Problemfan bekannt war, räumte ein, den Spieler geschlagen zu haben. „Ich war mit einigen Freunden im Tucholsky gewesen. Dass ein Lübecker Spieler dort war, wusste ich zunächst nicht.“ Im Laufe der Nachtstunden sei es dann zu einer Auseinandersetzung zwischen den Kramer-Brüdern und Bekannten von G. gekommen. „Da bin ich dazu“, sagte der gelernte Maurer. Für den Faustschlag habe er sich schriftlich bei Christopher Kramer entschuldigt. An anderen Taten sei G. nicht beteiligt gewesen, beteuerte er.

Mit Hilfe der Geschädigten versuchte die Richterin, die Hintergründe der Tat zu ermitteln. „Ein guter Bekannter hatte mich an diesem Abend bereits vorher gewarnt, dass einige Holstein-Fans in der Disko seien und sauer auf mich wären“, berichtete der 28-Jährige. Ausschlaggebend sei ein entscheidendes Tor des Spielers wenige Wochen zuvor gewesen, das er für seinen damaligen Club, den VfB Lübeck, im Pokal-Finale gegen Holstein Kiel geschossen hatte. „Seither bin ich für viele ein Verräter“, sagte Kramer. Bereits im November 2016 wurde ein ähnlicher Fall vor dem Amtsgericht verhandelt. Eine Situation, unter der er noch immer zu leiden habe: „Meine Familie stammt aus Kiel, mittlerweile ist es eine Belastung geworden, nach Hause zu kommen.“ Der Fußballer sei seit dem Vorfall vier weitere Male angegriffen worden. „Es gibt eine Brücke, an der steht ,Ruhe in Frieden, Kramer!‘“, gab er zu Protokoll. Bei der Attacke 2015 habe er Todesangst gehabt: „So einen Hass habe ich noch nie erlebt.“ Auch Kramers Bruder Timo, der in Kiel als Brandmeister tätig ist, habe noch an den Ereignissen zu knabbern. „Es ist bis heute belastend, wenn ich bei Holstein-Spielen aus dem Ultra-Block beschimpft werde oder Drohungen per Sprachnachricht erhalte“, sagte der 32-Jährige.

Die Angeklagten beteuerten, der gewaltbereiten Fußballszene abgeschworen zu haben. „Ich habe alle Kontakte gekappt, ich will mir mein Leben nicht verbauen“, sagte Samuel G.. Auch Joshua L. habe ein neues Leben begonnen. Aussagen, die die szenekundigen Beamten der Polizei und die Jugendgerichtshilfe bestätigten, und die letztlich ausschlaggebend waren für das milde Urteil. L. wurde freigesprochen und G. entgegen der Forderung der Staatsanwaltschaft lediglich verwarnt. Überdies muss der Kieler jeweils 1500 Euro Schmerzensgeld an Kramer und an das Projekt „Schleswig-Holstein kickt fair“ zahlen.

Mehr zum Thema

ANZEIGE: 50% auf dein Winter-Set! Der Deal des Monats im SPORTBUZZER-Shop.

Die aktuellen TOP-THEMEN
Anzeige
Sport aus Kiel
Sport aus aller Welt