27. Mai 2021 / 07:19 Uhr

Eine Ära, die keine Zeit hatte: Was bleibt von Nagelsmann bei RB Leipzig?

Eine Ära, die keine Zeit hatte: Was bleibt von Nagelsmann bei RB Leipzig?

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Die Wege von Julian Nagelsmann und RB Leipzig trennen sich am Saisonende.
Die Wege von Julian Nagelsmann und RB Leipzig trennen sich am Saisonende. © IMAGO/motivio
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Aus den Augen, aus dem Sinn? Davon kann nach dem Abgang von Julian Nagelsmann Richtung Bayern München eher keine Rede sein. LVZ-Chefreporter Guido Schäfer wirft einen letzten Blick zurück, auf 23 gute Monate und vier weniger schöne Wochen mit dem hochbegabten 33-Jährigen bei RB Leipzig. Aber auch auf einen außergewöhnlichen Weg.

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Leipzig. Als Julian Nagelsmann 2019 die Kommandobrücke bei RB Leipzig besteigt, wird er gottbegnadet, Thomas Tuchel in freundlich, Ralf Rangnick in jung und José Mourinho in normal genannt. Mit zarten 31. Jetzt ist er 33 und wieder weg. Nach 23 guten Monaten und vier unguten Wochen. Zwei Jahre früher als vereinbart. Nächster Halt: München. TV-Legende Marcel Reif ist 71, hat im Fußball alles und das Gegenteil von allem erlebt: „Der Wechsel war alternativlos. Wenn die Bayern anrufen, hast du ein Problem.“

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Beraterwechsel legt Grundstein

Als Nagelsmann noch nicht mit den ganz Großen verglichen wird, entspannt er gerne in der Sinsheimer Thermen & Badewelt in Sichtweite zur Hoffenheimer Wirsol Rhein-Neckar-Arena. Der Cheftrainer der TSG hat nichts gegen einen Plausch am Beckenrand. Irgendwann geht das nicht mehr. Er ist zu erfolgreich, zu bewundert. Kehrseite des Ruhmes eines jungen Mannes, der die Hoffenheimer 2016 als jüngster Bundesliga-Trainer aller Zeiten vor dem Abstieg rettet und 2017 und 2018 in die Champions League führt. Hinter dem seit seinen großen Taten im kleinen Sinsheim halb Europa her ist.

DURCHKLICKEN: Pressestimmen zum Wechsel von nach Leipzig

Julian Nagelsmann wird neuer Trainer von RB Leipzig. Der 30-Jährige verlässt die TSG Hoffenheim. Auch internationale Medien berichten über den spektakulären Bundesliga-Transfer. Der <b>SPORT</b>BUZZER hat die Pressestimmen zusammengefasst. Zur Galerie
Julian Nagelsmann wird neuer Trainer von RB Leipzig. Der 30-Jährige verlässt die TSG Hoffenheim. Auch internationale Medien berichten über den spektakulären Bundesliga-Transfer. Der SPORTBUZZER hat die Pressestimmen zusammengefasst. ©

2018 sagt Nagelsmann Ja zu RB Leipzig, am 1. Juli 2019 hat er seinen ersten Arbeitstag bei den Roten Bullen. Vertrag bis 2023, ohne, nun ja, Ausstiegsklausel. Hoffenheim kassiert fünf Millionen Euro Ablöse. Nagelsmann wird wie Jürgen Klopp von Marc Kosicke beraten. Im Sommer 2020 schließt sich Nagelsmann Volker Struth an. Struth unterhält beste Kontakte zum: FC Bayern München.



Bei seiner Vorstellung in Leipzig spricht Nagelsmann davon, das Erbe von Ralf Rangnick aufzuhübschen. Schöner Wohnen mit dem German Wunderkind, mehr Ballbesitz und Lösungen gegen tief stehende Gegner.

Frühreif. Erfolgreich. Selbstgewiss. Mitteilsam. Unterhaltsam. Nagelsmann. Frank Aehlig, ehemals Ralf Rangnicks rechte Hand in Leipzig, sagt zu seinen Zeiten als Sportchef beim 1. FC Köln: „Julian ist ein brillanter Verkäufer und Botschafter des Fußballs, ohne dass er die Inhalte vergisst. Man muss ihn nicht zu einer Pressekonferenz tragen, er fühlt sich da wohl. Und wenn seine Taktik nicht gut war, sagt er: Sorry, das war mein Bock!“ Ausnahmen bestätigen die Regel, siehe das 1:4 von Berlin.

Dennoch überwiegen Lobeshymnen. RB-Abwehrchef Willi Orban: „Das Training auf dem Platz und vorm Videorecorder ist anspruchsvoll für Körper und Geist.“ Ralf Rangnick: „Julian ist ein europäischer Top-Trainer mit einem überragenden Talent, Ehrgeiz, riesigem Potenzial und großer Zukunft.“

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Er macht Spieler besser

Was Nagelsmann mit Christoph Daum zu tun hat. Beide konnten als Trainer nicht mit dem Pfund Bundesliga-Star wuchern, mussten Zweifel zerstreuen, liefern. „Ich habe Julian als sehr intelligenten und wissbegierigen Gesprächspartner kennengelernt“, sagt Daum. „Sein Fußball ist beeindruckend, facettenreich, mutig. Er macht Spieler besser.“

Zum Beispiel Timo Werner: Unter Nagelsmann wird Werner zum Ehe-Anbahner, Hochzeits-Planer und Gatten in Personalunion, macht sich bettfein für die Premier League. Marcel Reif sieht Parallelen zu King Klopp. „Nagelsmann ist ein ähnlicher Typ wie Jürgen Klopp. Beide haben diesen hochehrenwerten Beruf des Trainers gelernt, erreichen ihre Spieler, holen das Maximum aus ihren Mannschaften heraus, strahlen eine faszinierende Arroganz in ihrer besten Erscheinungsform aus.“ Reiner Calmund gehört ebenfalls zu Nagelsmanns Verehrern. „Julian ist ein Taktik-Fuchs ohne Angst vor den Gegnern.“

Er ist auch ein großartiger Redner. 25. Januar 2020, Rauschen im Frankfurter Riederwald, RB verliert 0:2 bei der SGE, die erste Pleite nach 25 von 27 möglichen Punkten. Nagelsmann steigt in die Bütt und schafft es in die Breaking News. „Wir sind kurz vorm Gipfelkreuz und die Frage ist: Wollen wir ans Gipfelkreuz oder drunter parken, was essen und trinken und dann wieder runtergehen? Das Leben ist geprägt von tausend Entscheidungen. Und das betrifft auch die Frage: Will ich Gewinner sein oder ein bisschen mitspielen und ein kleiner Gewinner sein?“

DURCHKLICKEN: Bilder zum 0:2 in Frankfurt im Januar 2020

RB Leipzig unterliegt bei Eintracht Frankfurt nach einer insgesamt schwachen Vorstellung mit 0:2. Zur Galerie
RB Leipzig unterliegt bei Eintracht Frankfurt nach einer insgesamt schwachen Vorstellung mit 0:2. ©

Schwarmverhalten und Balljagd

Der eigene Traum vom Profi-Fußballer endet früh: In der A-Junioren-Bundesliga duelliert sich der Abwehrmann von 1860 München mit Stürmern wie Sandro Wagner vom FC Bayern München. Nagelsmann: „Ich hatte nicht den Körper für eine Profi-Karriere, das Prägendste meiner kurzen Laufbahn waren die ständigen Verletzungen.“

Er muss mit 20 bei der zweiten Mannschaft des FC Augsburg aufhören. Kurz später verstirbt Nagelsmanns Vater. Karriere-Aus, die Trauer um den Papa, die Suche nach einem kleineren Haus für die Mutter. Das alles ist eigentlich zu viel für einen 20-Jährigen. „Es war die schlimmste Zeit meines Lebens, aber auch eine, die mich stark gemacht hat.“ Für alles, was kommt. Es kommt eine Menge.

Sein Augsburger Trainer Thomas Tuchel braucht einen Co-Trainer, Nagelsmann eine neue Perspektive. 2008 wird aus dem Spieler der Trainer Nagelsmann. Der Abiturient ist begeistert von Tuchels Herangehensweise. Die Summe aus den Spielern eins bis elf muss mehr als elf ergeben, der Mehrwert entsteht durch Einflussnahme des Trainers. Von Tuchel lernen, heißt, dem Gegner Raum, Zeit und Ball nehmen. Via Schwarmverhalten und Balljagd.

Wiedersehen 2016 in der Bundesliga: Thomas Tuchel und sein ehemaliger Co-Trainer Juian Nagelsmann beim Duell zwischen Borussia Dortmund und 1899 Hoffenheim.
Wiedersehen 2016 in der Bundesliga: Thomas Tuchel und sein ehemaliger Co-Trainer Juian Nagelsmann beim Duell zwischen Borussia Dortmund und 1899 Hoffenheim. © Imago / Sven Simon

Jobzufriedenheit? Von Anfang an da. „Als Trainer siehst du das große Ganze, entwickelst Übungen, versuchst, Ziele zu erreichen. Als Spieler machst du dir nicht so viele Gedanken. Deswegen ist der Trainerjob sehr erfüllend.“ Und, nein, Nagelsmann trauert einer Spieler-Karriere nicht nach. Jugendtrainer in Augsburg, bei 1860 München, in Hoffenheims U17 und U19. Wann er wusste, dass er ein guter Coach ist? „2014, da wurden wir Deutscher Meister.“ Mit der U19 von Hoffenheim.

Es braucht mehr als "Good luck!"

Der Profitrainer: Am 11. Februar 2016 wird Nagelsmann zum Cheftrainer der im Sinkflug befindlichen Hoffenheimer Bundesliga-Profis. Bei seiner Antrittsrede ist er 28 Jahre, sechs Monate und 15 Tage jung, meistert das Kennenlernen mit gut abgehangenen Profis wie Tim Wiese ohne Spickzettel mit Bravour. Eine Regierungserklärung aus dem Stegreif.

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Jung, erfolgreich, visionär, selbstgewiss. Das gefällt nicht jedem. Und so hören 500 Stars und Sternchen der Trainer-Szene im Sommer 2019 beim Trainer-Kongress in Kassel genau hin, was ihnen Nagelsmann zu sagen hat. Nagelsmann mag solche Auftritte, spricht, wie seine Fußballer kicken: schnell, selbstsicher, eindrucksvoll.

Nagelsmann über das Coachen: „Das ist die Königsdisziplin, man muss auf Veränderungen reagieren, gute Entscheidungen treffen, Akzente setzen, das Spiel lesen.“ Zur Überforderung im Training: „Wenn ich meinen Spielern drei Dinge vorgebe und sie merken sich drei, ist das gut. Wenn sie sich von zehn fünf merken, ist es besser.“ Über Leitlinien: „Wir wollen mutig spielen, offensiv und attraktiv. Und das muss ich als Trainer vorleben.“ Mit seinem Auftreten, seiner Aufstellung und Ausrichtung.

Nagelmanns Mantra: Unterstütze und beschütze deine Spieler. „Good luck, boys, reicht heute nicht mehr.“ Am Ende einer 45-minütigen Regierungserklärung blicken Bernd Schuster, Dragoslav Stepanovic, Sandro Schwarz, Alexander Zorniger und Co. beeindruckt aus ihren Trainingsanzügen.

Weiterbildung ist wichtig, Stillstand ist Rückschritt

Lob vom britischen Taktik-Nerd: Dave Statman ist ein englischer Fußball-Analyst mit eigenem YouTube-Kanal, entreißt dem internationalen Fußball Geheimnisse, die der noch gar nicht kennt. Die Überraschungseier, die Nagelsmann den Gegnern ins Nest legt, haben es Dave angetan. Wer beim Video mit Taktik-Nerd Dave alle Ästelungen der Gedankenwelt von Nagelsmann kapiert, kann ein Atom-U-Boot bauen und im Nebenfach gewinnen. Für Statman ist Nagelsmann „a genius“.

Auf den Platz bringt das Genie die Taktiktafel mit. Auf der malt er seinen aus aller Welt stammenden Fußballern auf, was er will. „Ein deutsches Dreieck oder Viereck sieht genauso aus wie ein französisches oder englisches.“ Über Weiterbildung sagt er: „Stillstand ist Rückschritt. Ich schaue mir viele Spiele an, habe einen guten Draht zu Trainern, die in Europa unterwegs sind. Da gibt es mal eine Whatsapp, ein Telefonat oder Videos, über die wir diskutieren.“

April, 2021, Anfang vom Ende, schönen Gruß aus München: Als Hansi Flick bei den Bayern genug von Hasan Salihamidzic und Co. hat, hinterlegt er bei seinem Kumpel Oliver Bierhoff sein Interesse am glänzend dotierten (Bundestrainer-)Job des Vorruheständlers. Bierhoff sieht sich und sein Spätwerk gesichert. Oliver Kahn meldet sich bei Nagelsmann. Der bringt – wohl in einer von Berater Volker Struth verordneten Schockstarre – Lena Gercke ins Spiel. Alsbald sind alle geständig.

Die Volksseele brodelt: Was erlaube Nagelsmann?

Nagelsmanns Abkürzung zu seinem persönlichen Gipfelkreuz wird heiß diskutiert. Saß der Ehrgeizling schon bei seinem Leipzig-Dienstantritt auf gepackten Koffern? Hat er nur auf einen Wink aus München gewartet? Weshalb lässt RB den wichtigsten Mann im Verein gehen und klebt den Bayern ein XXL-Pflaster auf eine selbst zugefügte Wunde? Ist RB zuständig für Traum-Erfüllungen lederbehoster Naturburschen? Die Beziehung RB/Nagelsmann leidet, die letzten Wochen Zweisamkeit ziehen sich wie Kaugummi, enden unschön. Pokal futsch, beste Bundesliga-Saison futsch, Stimmung im Souterrain.

Mehr zum Nagelsmann-Abschied

Die Volksseele vergisst die 23 Monate währenden Flitterwochen auf Wolke 7, vergisst Highlights wie das Champions-League-Halbfinale gegen Paris und den 3:2-Hammer gegen Manchester United. Die Volksseele brodelt und fragt: Was erlaube, Nagelsmann?

In und um München ist es hügeliger als in Leipzig, herrscht Wetterfühligkeit, kühlen ungezählte Experten ihr Mütchen am FC Bayern. Da helfen nur Siege und Titel. Dieser besondere junge Mann wird sie holen. Müssen.