17. Oktober 2020 / 17:05 Uhr

Eine einzige Baustelle: Die hannoverschen Vereine haben zu wenig Hallen 

Eine einzige Baustelle: Die hannoverschen Vereine haben zu wenig Hallen 

Christoph Hage
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Im hannoverschen Stadtgebiet fehlt es an Sporthallen.
Im hannoverschen Stadtgebiet fehlt es an Sporthallen. © LKGS
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Zu wenig Hallen für zu viele Vereine: Die Situation war schon vor Corona extrem angespannt. Jetzt, wo sich Hannover seit mehr als acht Monaten mit Abstand und Mundschutz durch den Alltag quält, droht sie zu eskalieren. Die Kluft ist größer geworden und hat dazu geführt, dass erste Klubs keine neuen Mitglieder mehr aufnehmen können.

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„Was ist die Steigerung von Katastrophe?“, fragt Andreas Multhaupt. „Super-GAU?“ Der Handball-Abteilungsleiter des Hannoverschen SC befindet sich aktuell in Quarantäne, weil er in Kontakt mit einer positiv auf Covid-19 getesteten Person gekommen ist. Er hat also genug Zeit, um sich über fehlende Sporthallen im Stadtgebiet zu unterhalten.

Von der Vermietung bis zum baulichen Zustand

Und es ist eine lange Mängelliste, die Multhaupt ins Feld führt: die Anzahl an Großraumhallen, die Vermietung des Fachbereichs Schule, monatelange Sperrungen, ungenutzte Synergieeffekte und der bauliche Zustand. Seitdem die Bundespolizei die Halle am Niedersachsenring zu Schulungszwecken nutzt und die Halle am Goethekreisel gesperrt ist, sind dem HSC zusätzliche Zeiten weggefallen.

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"Wir haben keine Hallen"

Noch schlimmer ist die Situation bei TuS Bothfeld. „Wir sind der größte Handballverein in Hannover“, sagt Angelika Bode – aber damit fangen die Probleme auch schon an. Die stellvertretende Abteilungsleiterin berichtet von einem „Kraftakt“, der nötig sei, um allen Teams ein Dach über dem Kopf zu verschaffen. Schon vor der Pandemie sei die Situation „nicht die beste“ gewesen. Weswegen TuS bei den jüngeren Interessenten zu Beginn des Jahres einen Aufnahmestopp verhängt hat, mittlerweile nimmt man wieder Minis auf. „Wir hätten genug Trainer und Betreuer, haben aber keine Hallen“, sagt Bode. „Es entstehen große Neubaugebiete, aber die Infrastruktur wächst nicht mit."

Zeitkorridor macht Vereine wütend

Laut Angaben der Stadt vermietet die Verwaltung 167 Schulsporthallen. „Daneben gibt es eine Reihe von Hallen in freier Trägerschaft“, sagt Pressesprecherin Susanne Stroppe. Circa 260 Nutzergruppen, darunter 192 Vereine, seien aktuell Mieter. Wobei sich die Zeiten durch die Maßnahmen infolge der Corona-Pandemie um circa 15 Prozent reduziert hätten. „Die Angaben lassen sich nur schätzen“, sagt Stroppe.

Eine Hygienemaßnahme der Stadt, die vielen Vereinen sauer aufstößt: Zwischen den Einheiten muss ein Zeitkorridor von 30 Minuten eingehalten werden. „Dadurch soll ein direkter Kontakt vermieden sowie die Konzentration an Aerosolen in den Räumlichkeiten verringert werden“, sagt Stroppe. Das aber führt dazu, dass die Hallen um 21.30 Uhr verlassen werden müssen, damit der Hausmeister um 22 Uhr abschließen kann.

"Problem, dass wir uns auf den Füßen rumstehen"

Bernd Schröder, Handball-Abteilungsleiter des TV Badenstedt, hat ausgerechnet, „dass uns dadurch sechs Stunden in der Woche wegfallen“. In 51,5 Stunden würde sich der TVB im Sommerhalbjahr wöchentlich in der Halle tummeln. Im Winter, wenn andere Sportarten unter das Dach strömen, würden 16 Stunden wegfallen. „Dann haben wir das Pro­blem, dass wir uns auf den Füßen rumstehen“, sagt Schröder, der bemängelt, dass die Mietverträge „teilweise zig Jahre alt“ seien. „Da gibt es mit Sicherheit Verträge, die nicht auf aktuellem Stand sind.“

Punktspiele sind fast unmöglich

Der Badmintonabteilung von 96 sei es teilweise unmöglich geworden, Punktspiele auszutragen, sagt der Abteilungsleiter. „Der Kampf ist über alle Sportarten hinweg der gleiche“, berichtet Steffen Brand. „Das Vereinssportzentrum hat uns gerettet. Es ist Fakt, dass einige Mitglieder unzufrieden sind, weil sie im Training auf der Bank sitzen müssen.“

Hockeyvereine haben vereinseigene Hallen

Ganz anders sieht die Situation bei den Hockeyvereinen DHC, DTV und 78 aus, die allesamt über eine vereinseigene Halle verfügen. „Sonst hätten wir ein dickes, dickes Problem“, sagt DTV-Trainer Tobias Jordan. Auch der DHC will in diesem Jahr so lange wie möglich unter freiem Himmel bleiben, sagt die Hockey-Abteilungsleiterin Sylke Stünkel. Die GfL, Hannovers größter Volleyballverein, habe das große Glück, dass sie zwei Drittel des Angebots in der Waldorfschule am Maschsee abdecken könne. „Da sind wir deutlich flexibler“, sagt Sportwartin Birte Große.

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"Gerade unsere Wettkampfabteilungen haben alle schon mehrfache Salti geschlagen"

Herausfordernd nennt Mareike Wietler, Geschäftsführerin des VfL Eintracht, die Situation. „Wir können nicht all unsere Sportarten in der Halle anbieten, das klappt nicht. Und bei einigen mussten wir improvisieren oder sie finden nicht statt.“ Dem TKH seien wegen der Hallenzeiten rund 50 Mitglieder abhandengekommen, vor allem im Bereich Kinderturnen. „Gerade unsere Wettkampfabteilungen haben alle schon mehrfache Salti geschlagen, um einen geregelten Betrieb aufrechtzuerhalten“, sagt der zweite Vorsitzende Olaf Jaehner, der keine gesamtstädtische Lösung sieht: „Es muss leider jeder Verein für sich einen Weg finden.“

Der Stadt sei bewusst, dass die Corona-Maßnahmen zu einer Verringerung der Trainingsmöglichkeiten geführt hätten. „Die Verwaltung ist jedoch bemüht, in enger Abstimmung mit den Vereinen eine bestmögliche Auslastung zu erreichen“, sagt Stroppe. Aufgrund des Infektionsgeschehens sei es weiterhin notwendig, „an den Maßnahmen festzuhalten“.

Chefin des Stadtsportbundes wünscht sich Lösungen

Die Schlussworte gehören Rita Girschikofsky: „Ich würde mir wünschen“, sagt die Chefin des Stadtsportbundes, „dass sich die Verwaltung mit uns zusammensetzt und nach Lösungen sucht.“ Denn: „In anderen Städten geht es ja auch.“ Nur in der Landeshauptstadt nicht.