25. Januar 2019 / 22:12 Uhr

Einer von uns – SC DHfK-Legende Christian Prokop schafft Sprung in die Weltspitze

Einer von uns – SC DHfK-Legende Christian Prokop schafft Sprung in die Weltspitze

Matthias Roth
Leipziger Volkszeitung
Christian Prokop - eine Leipziger Ikone als Nationaltrainer.
Christian Prokop - eine Leipziger Ikone als Nationaltrainer. © imago
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Bundestrainer Christian Prokop steht vor seinem größten sportlichen Triumph. Vor einem Jahr stand der 40-Jährige noch kurz vor dem Rauswurf.

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Es ist nur eine kleine Szene, sie besitzt aber eine ungeheure Symbolkraft. Christian Prokop steht beim WM-Vorrundenspiel gegen Brasilien vor seiner Bank und genießt einfach das Spiel der deutschen Nationalmannschaft. Als Mitte der zweiten Halbzeit wieder ein spektakulärer Angriff mit einem Tor endet, lacht der 40-Jährige und schüttelt ungläubig den Kopf. Der Bundestrainer wirkt in diesem Augenblick völlig entspannt, nahezu gelöst. Am Ende fertigen die Deutschen die starken Südamerikaner mit 34:21 ab. Prokop klatscht mit seinen Spielern ab, umarmt einige sogar.

Vor einem Jahr, nach dem EM-Debakel in Kroatien, schien der rasante Aufstieg des gebürtigen Kötheners mit einem unsanften Aufprall zu enden. Gefragt oder ungefragt, Fachmann oder Laie: Jeder teilte verbal aus. Das Ziel war immer dasselbe: Christian Prokop. Szenen wie jetzt im Brasilien-Spiel schienen damals undenkbar.

Prokop stand schon vor dem Rauswurf

Prokop, ein paar Monate zuvor erst mit einem bestens dotierten Fünf-Jahresvertrag ausgestattet, stand schon nach seinem ersten Turnier vor dem Rauswurf. Was die Handballszene damals für nahezu unmöglich hielt, hat Prokop geschafft. Er behielt seinen Job und ist heute erfolgreicher denn je zurück. Die deutsche Mannschaft hört auf ihn. Die Fans lieben und verehren den Bundestrainer gleichermaßen. Vor allem aber hat er seine Kritiker mit Leistung und Ergebnissen verstummen lassen. Wer ist dieser Handballverrückte und was macht ihn so stark?

Frauenschwarm und Schwiegermuttertyp

Prokop erreicht heute nicht mehr nur die eingefleischten Handballfans. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel ruft ihn an, um Glück zu wünschen. Eine Randnotiz zeigt noch etwas anderes. Während ein Millionenpublikum die Spiele der deutschen Mannschaft an den Fernsehgeräten verfolgt, schnellen in Auszeiten und TV-Interviews mit dem Bundestrainer die Abrufe bei LVZ.de im Internet in die Höhe. Geklickt wird ein Artikel über die Hochzeit Prokops. Der Text stammt zwar schon aus dem Dezember 2016, wird aber bei Google mit der Suchkombination „Prokop“ und „Frau“ noch immer an erster Stelle angezeigt. Prokop ist auch ein Frauenschwarm und Schwiegermuttertyp. Vor allem aber ist er ein Familienmensch.

Seine Sabrina lernt Lehramtsstudent Christian 2008 an der Hochschule in Hildesheim kennen. Selbst für die Hochzeit acht Jahre später ordnet Prokop sein Leben dem Handball unter. Das Ja-Wort gibt er seiner Frau am 23. Dezember, seinen Geburtstag feiert er wie immer Heiligabend und am 25. Dezember steht er mit der Mannschaft des SC DHfK Leipzig schon wieder beim Training in der Halle. Die große Hochzeitsparty folgt erst im Sommer danach. Das Paar hat inzwischen zwei Kinder: Anna (5) und Luca (2). Nach wie vor wohnen sie im Leipziger Stadtteil Gohlis. Seine aus Stade stammende Frau arbeitet seit mehreren Jahren an einer Grundschule und unterrichtet dort Sport und Deutsch. Der Rückhalt durch die kleine Familie hat Prokop über schwierige Monate hinweggeholfen.

Mehr Handball aus der Region

In den vergangenen anderthalb Jahren machte er einen teils schmerzhaften Lernprozess durch. Es beginnt mit seinem bevorstehenden Abschied 2017 vom SC DHfK. Prokop ist zu diesem Zeitpunkt die Ikone des Leipziger Handballs. Er hat aus einem abstiegsbedrohten Zweitligisten eine schlagkräftige Erstligatruppe geformt. Dafür wird der Coach zum Handball-Trainer des Jahres in Deutschland gewählt, sein Vertrag beim SC DHfK bis 2021 verlängert. Eine Trennung scheint undenkbar.

Der Erfolg des Trainers weckt aber auch Begehrlichkeiten an anderer Stelle. Der SC Magdeburg und die Füchse Berlin strecken ihre Fühler nach Prokop aus und bekommen einen Korb. Ein Mann lässt nicht locker: Bob Hanning. Er ist nicht nur Füchse-Manager, sondern auch Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB). Er will nach dem Ausstieg von Dagur Sigurdsson unbedingt den Leipziger zur Nationalmannschaft holen. Beim SC DHfK sind die Verantwortlichen wegen des bevorstehenden Abgangs schockiert, aus der Fachwelt hagelt es Kritik. Prokop sei zu unerfahren im Umgang mit Stars und habe international noch nichts vorzuweisen, lauten die Vorbehalte. Der Trainer ist hin und her gerissen. Auf der einen Seite lockt die große Aufgabe, auf der anderen Seite ist ihm der SC DHfK eine Herzensangelegenheit.

Leipziger Fans kämpfen für Prokop

Vor allem die Leipziger Fans drehen jetzt auf. Beim Heimspiel gegen Minden recken sie im März 2017 tausendfach Blätter mit den Initialen des Trainers in die Luft. Die Cheerleader tragen Prokops Vornamen auf dem T-Shirt-Rücken, die Zuschauer rufen immer wieder seinen Namen. Der Couch ist von der Aktion emotional angefasst und entscheidet: Ich bleibe in Leipzig. Hanning lässt ein Nein nicht gelten und bearbeitet Prokop weiter. Es beginnt ein Hin und Her mit Showdown bei einem Auswärtsspiel in Flensburg, keine zwei Wochen nach dem Fanbekenntnis für Prokop. Auf der nächtlichen Pressekonferenz zieht Prokop schließlich einen Schlussstrich und verkündet nun doch den Wechsel zum DHB. Seine DHfK-Spieler sind sprachlos, sie glaubten bis dahin fest an einen Verbleib ihres Übungsleiters.

DHfK-Gesellschafter und Ex-Manager Maik Gottas meint mit etwas Abstand zum Prokop-Abschied: "Die Tatsache, dass jemand nach deinem Herz greift und es versucht rauszureißen, war eine sehr emotionale Geschichte. Da brauchte ich lange, um runterzukommen. Wir wussten nicht: Sollte das zu unserer Verunsicherung im Liga-Konkurrenzkampf dienen? Oder wollte die Verbandsspitze von uns Loyalität in Gutsherren-Art einfordern? Für Christian war das Bundestrainer-Amt mit Stolz und Ehre verbunden. Das hat uns umgestimmt."

500.000 Euro Ablösesumme

Auch für DHfK-Manager Karsten Günther ist das eine der aufregendsten Phasen in seiner Karriere. Tagelang ist er wegen der gefühlten feindlichen Übernahme seines Trainers auf 180. Am Ende schlägt er für den Verein zumindest eine Ablösesumme von einer halben Million Euro heraus und lässt seinen Coach schließlich ziehen. Ein Novum in der deutschen Handballgeschichte. Ein neuer Bundestrainer wurde noch nie aus einem Vertrag herausgekauft. Dafür ist Günther aber seinen wichtigsten Mann los. „Bei uns war alles auf Christian ausgerichtet“, sagt der damalige Kapitän Lukas Binder.

CCCP unterm Hallendach

Die Vita des Trainers hat wegen seiner Unentschlossenheit in diesen Wochen einen ersten Kratzer bekommen. Zum Saisonende versöhnen sich zumindest die Leipziger Fans mit ihrem Coach. Prokop hat auf einem Banner seinen symbolischen Ehrenplatz unter dem Hallendach gefunden und ist neben anderen Vereinsgrößen bis heute bei allen Heimspielen präsent. CCCP steht auf der Stofffahne, ein Wortspiel. Auf den ersten Blick ist das in kyrillischer Schrift die Abkürzung für UdSSR. Gemeint ist damit aber Chef-Coach Christian Prokop. Großes Land, großer Trainer – das passt irgendwie zusammen.

Das Problem für Prokop in seinem neuen Job ist: Es geht nicht so weiter wie in Leipzig. Dort hat er keine junge Truppe, die schnell merkt, wie sie durch den Trainer Tag für Tag besser wird. In der Nationalmannschaft stehen ihm gestandene Profis von Spitzenklubs gegenüber. Prokop will auch dort auf Biegen und Brechen sein Abwehrsystem einführen.

Taktikkurs für Journalisten

Wie schwierig es zu erlernen ist, lässt ein Crashkurs für Journalisten erahnen. Prokop lädt dafür noch in seiner Leipziger Zeit einige Pressevertreter zu sich in die Kabine ein und erklärt geduldig an der Taktiktafel wie er spielen lässt. Steinchen vor, Stein zurück, manchmal auch zur Seite. Es ist anspruchsvoll, beim SC DHfK aber erfolgreich. Prokop gibt zu: Neue Spieler brauchen rund drei Monate, bis sie alles verinnerlicht haben. Diese Zeit hat er bei den wenigen Lehrgängen mit der Auswahl nicht, bekommt Gegenwind aus der Mannschaft und der Bundesliga, holt sich schließlich mit seinem unsicheren Agieren und seinen überladenen Ansprachen während der Auszeiten bei der EM 2018 den nächsten Kratzer ab und steht auf der Kippe. Später sagt der Bundestrainer: „Ich konnte mich selbst nicht mehr hören.“ Am Ende bleibt er mit knappem Votum im Amt und lernt daraus.

Bundestrainer holt sich Berater

Prokop lässt Hilfe zu. Er vertraut nun zwei Beratern. Vor den TV-Kameras wirkt er heute locker und formuliert auf den Punkt. Angenehm für die Zuschauer in Mitteldeutschland: Seine Herkunft leugnet Prokop nicht und lässt seinen anhaltischen Dialekt in Interviews weiter durchklingen. Viel wichtiger ist aber seine Kommunikation mit den Spielern. Er besucht nach dem Turnierdebakel jeden Profi persönlich. Prokop redet mit seinem Kapitän Uwe Gensheimer stundenlang in Paris, wo der Linksaußen unter Vertrag steht. Mit seinem Abwehrchef Hendrik Pekeler sitzt er nach einem Spiel mit den Rhein-Neckar-Löwen noch ewig in der menschenleeren SAP-Arena in Mannheim.

Er gewinnt damit Vertrauen, bringt die Spieler hinter sich und formt im Neuanlauf eine schlagkräftige Truppe. „Sein gesamtes Auftreten bei der WM ist fast höher einzuordnen als sein fachliches Niveau“, findet André Haber, einst Co-Trainer an der Seite von Prokop beim SC DHfK Leipzig und inzwischen dort Chefcoach. Ebenso wichtig: Interna dringen nicht mehr von der Mannschaft nach außen. Spieler und Trainer haben sich bei dieser Heim-WM endlich gefunden. Die Handball-Euphorie hat das gesamte Land erfasst. „Die Rückschläge haben ihm geholfen nachzujustieren. Christian ist aber Christian, im Kern hat er sich nicht verändert“, findet DHfK-Manager Günther.

Vater ist engster Vertrauter

Und dann sind da noch Prokops Eltern, die ihm bis heute eine Stütze sind. Seine Mutter Claudia ist eine ehemalige Leistungsturnerin und sein Vater Heinz ist selbst Handballtrainer, der den Sohn zum Sport brachte und bis heute wichtigste Bezugsperson geblieben ist. Christian darf als Kind viel ausprobieren, Fußball und Schwimmen gehören dazu. Am Ende landet er dann doch auf dem Parkett. Heinz Prokop trainiert seinen Jungen in Köthen. Das hoffnungsvolle Nachwuchstalent wechselt später in die 1. Bundesliga. Auf seiner letzten Station als Spieler in Minden stoppt ihn schließlich eine verhängnisvolle Verletzungsgeschichte. Prokop musste sie schon oft erzählen und immer wieder lässt sie die Zuhörer erschrecken. Die Geschichte steht aber auch für seine Zielstrebigkeit und Disziplin.

Verletzung stoppt Profi-Karriere

Nach Problemen im linken Knie steht Prokops Spielerkarriere damals in Minden vor dem Aus. Nur ein radikaler Eingriff kann zu diesem Zeitpunkt noch helfen. Prokop lässt sich den Oberschenkel brechen und von einem Spezialisten neu ausrichten, um die Belastung vom Knorpel zu nehmen. Anschließend muss er umschulen, von Rechtshänder auf Linkshänder. Der Rückraumspieler findet zu erstaunlicher Wurfhärte zurück, am Ende reicht es aber nicht mehr für die 1. Bundesliga. Statt Top-Profi wird er zu einem der jüngsten Trainer in der Bundesligageschichte.

An diesem Sonntag könnte er nun seine Karriere mit einer WM-Medaille krönen. Egal wie das Spiel ausgeht, bereits durch den Halbfinaleinzug werden jede Menge Feiern, Ehrungen und Talkshow-Auftritte folgen. Prokop wäre aber nicht Prokop, wenn er nicht schnell zum Tagesgeschäft zurückfände. Seine nächste Aufgabe ist nämlich vom DHB schon klar definiert: Die deutschen Handballer sollen bei den Olympischen Spielen im kommenden Jahr in Tokio die Goldmedaille gewinnen, mit einem entspannten Trainer an der Seitenlinie und ohne den zu wichtigen Heimvorteil im Rücken.

Christian Prokops Vereine als Trainer

2003 - 2004 Eintracht Hildesheim

2005 - 2006 MTV Braunschweig

2006 - 2009 TSV Hannover-Anderten

2009 - 2011 SC Magdeburg II

2011 - 2012 SV Post Schwerin

2012 - 2013 Tusem Essen

2013 - 2017 SC DHfK Leipzig

2017 - aktuell Nationalmannschaft Deutschland

Christian Prokops Vereine als Spieler

Jugend - 1998: SV Bernburg

1998 - 2000 Dessauer HV

2000 - 2001 HC Wuppertal

2001 - 2003 GWD Minden

2003 - 2003 HG 85 Köthen

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