26. April 2020 / 16:10 Uhr

Eins zu eins online übertragbar: Leipziger Schachspieler trotzen Corona

Eins zu eins online übertragbar: Leipziger Schachspieler trotzen Corona

Anton Kämpf
Leipziger Volkszeitung
Auge in Auge am Schachbrett, das ist im Moment nicht möglich.
Auge in Auge am Schachbrett, das ist im Moment nicht möglich. © Getty Images
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Während vor allem Mannschaftssportler in Zeiten geschlossener Sportstätten auf dem Trockenen sitzen, können die Schachspieler ihrem liebsten Hobby weiter frönen. Lediglich auf offizielle Wettkämpfe müssen sie wegen der Schummelgefahr verzichten.

Leipzig. In seiner weltberühmten „Schachnovelle“ beschrieb der Wiener Autor Stefan Zweig das Schachspiel als „eine Mathematik, die nichts errechnet, eine Kunst ohne Werke, eine Architektur ohne Substanz und nichtsdestominder erwiesenermaßen dauerhafter in seinem Sein und Dasein als alle Bücher und Werke (...) um die Langeweile zu töten, die Sinne zu schärfen, die Seele zu spannen“.

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Michael Limpert erklärt seine Faszination des Schachspiels nicht ganz so ausgeschmückt. „Es ist die Vermischung von verschiedenen Charakteren. Schach hat nicht unbedingt etwas mit Intelligenz zu tun, denn zum Schluss ist es ein Spiel und Sport, der schlecht gespielt gegen einen gleich schlechten Gegner unglaublich Spaß macht, das ist der Charme“, trifft es der passionierte Denksportler jedoch keineswegs unpassender. Als Mitglied des Vereins Schachgemeinschaft Leipzig stehen auch sein Vereinsleben und die Wettkämpfe des Schachclubs still. Der Sächsische Schachverband hat Spielbetrieb und Veranstaltungen bis Ende Mai ausgesetzt. Bis dahin muss sich der Kopf vor den Bildschirmen fit halten. Denn die Partie auf den acht mal acht Quadraten hat ein nicht zu unterschätzendes Alleinstellungsmerkmal im Sport: Sie ist eins zu eins online übertragbar.

Digitale Meisterschaft schwer umzusetzen

Schach im Internet gibt es unter Hobbyspielern schon lange. In Zeiten der Corona-Pandemie entdeckt auch der organisierte Betrieb den digitalen Raum. Limpert und seine Vereinskollegen treffen sich ein bis zwei Mal in der Woche, um untereinander Online-Turniere auszufechten. Der SV Markneukirchen aus dem Vogtland veranstaltete bereits mehrere Wettbewerbe. Mitte April führte der Schachbund Deutschland erstmals die deutsche Amateurmeisterschaft auf einer Online-Plattform durch und auch Weltmeister Magnus Carlsen organisiert ein Turnier im Internet – mit üppigem Preisgeld.

Das Schachzentrum im Clara-Zetkin-Park ist für gewöhnlich Anlaufpunkt für SchachspielerInnen vor allem aus dem Stadtzentrum und dem Musikviertel. Aktuell müssen die Denksportler an den Bildschirm ausweichen.
Das Schachzentrum im Clara-Zetkin-Park ist für gewöhnlich Anlaufpunkt für SchachspielerInnen vor allem aus dem Stadtzentrum und dem Musikviertel. Aktuell müssen die Denksportler an den Bildschirm ausweichen. © Leipzig report

Eine offizielle digitale Meisterschaft sei jedoch schwer umzusetzen, sagt Limpert. „Es kann nicht richtig kontrolliert werden, ob jemand schummelt“, erklärt er. Selbst bei Nahmeisterschaften käme es schon mal dazu, dass jemand heimlich ins Handy schaut: „Da ist die Versuchung wegen des Ehrgeizes groß.“ Deshalb bleibt es bei Hobbypartien auf kostenlosen Plattformen. Lange möchte die Leipziger Schachgemeinschaft jedoch nicht virtuell spielen, der soziale Kontakt fehle. Dieser soll im neuen Vereinsheim in der Delitzscher Straße nachgeholt werden, dessen Bauarbeiten dieses Jahr begonnen haben. „Das müssen wir dann aber auch mit Leben füllen“, fordert Limpert. Wann, wenn nicht nach der Krise?