13. Januar 2021 / 07:29 Uhr

Angeln, Jagen, Wurst machen: Dreimaliger Bob-Olympiasieger Nehmer wird 80 und hat viel zu tun

Angeln, Jagen, Wurst machen: Dreimaliger Bob-Olympiasieger Nehmer wird 80 und hat viel zu tun

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Meinhard Nehmer (l) und Bernhard Germeshausen bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck mit ihrem Bob DDR II.
Meinhard Nehmer (l) und Bernhard Germeshausen bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck mit ihrem Bob DDR II. © dpa
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Sein Gespür an den Lenkseilen war legendär, seine Tüfteleien ebenfalls. Bis heute ist Meinhard Nehmer der einzige Pilot, der mit dem Viererbob nie stürzte. Er holte Olympia-, WM- und EM-Gold. Am Mittwoch feiert der nach wie vor Nimmermüde seinen 80. Geburtstag.

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Varnkevitz/Rügen. Angeln, jagen, schlachten, Wurst selber machen - Meinhard Nehmer hat viele arbeitsreiche Hobbys. Dabei hatte er sein Grundstück in Varnkevitz, ein Ortsteil von Putgarten rund fünf Kilometer von Kap Arkona entfernt, extra um etliche Hektar reduziert. „Ich habe immer zu tun, so bleibe ich fit“, sagte der dreimalige Bob-Olympiasieger vor seinem 80. Geburtstag an diesem Mittwoch. So bleibt auch kaum Zeit zum Feiern, außer mit Kindern und Enkelkindern mal anzustoßen.

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Besuche von Raimund Bethge

Der gelernte Landwirt, ausgebildete Wettertechniker, Ingenieur für Landmaschinentechnik und Fregattenkapitän der Volksmarine war schon immer ein geselliger Typ. Daher schmerzt auch der Verlust seiner geliebten Frau Renate vor drei Jahren sehr. „Das Alleinsein ist nicht schön“, sagte er leise. Ein Besuch von seinem langjährigen Freund und Anschieber Raimund Bethge ist da immer aufbauend.

Der ehemalige Cheftrainer der deutschen Bobfahrer ist oft auf der Insel Rügen. Nehmer war für Bethge nicht nur als Pilot eine wichtige Bezugsperson. „Seine Persönlichkeit, seine ruhige Art und seine Ausstrahlung machen ihn so wertvoll“, sagte Bethge, der als Anschieber mit Nehmer 1977 Weltmeister wurde. Nehmer war es auch, der Bethge nach seinem schweren Unfall auf der Bobbahn in Cesana Ende 2005 täglich anrief und ihm Kraft für die Genesung gab.

Die DDR-Besatzung Bernhard Germeshausen (l-r), Hans-Jürgen Gerhardt, Bogdan Musiol und Meinhard Nehmer feiert den Sieg im Viererbob-Wettbewerb der Olympischen Winterspiele 1980 in Lake Placid.
Die DDR-Besatzung Bernhard Germeshausen (l-r), Hans-Jürgen Gerhardt, Bogdan Musiol und Meinhard Nehmer feiert den Sieg im Viererbob-Wettbewerb der Olympischen Winterspiele 1980 in Lake Placid. © dpa

Nehmer war im Eiskanal der Ausnahmepilot schlechthin. „Ich bin als einziger Weltklassemann noch nie in einem Viererbob beim Wettkampf gestürzt, das hat noch heute Bestand“, sagte der ehemalige Speerwerfer stolz. Nur einmal legte er sich in Königssee mit dem kleinen Schlitten auf die Seite: „Da hatte ich etwas probiert“, erzählte er schmunzelnd: „Das bekam ausgerechnet Raimund zu spüren.“

Spannung heute etwas raus

Seine erste sportliche Sternstunde hatte Nehmer 1976 in Innsbruck. Erst spürte er als Fahnenträger „eine unglaubliche Gänsehaut“, dann sorgte er für den ersten Olympiasieg eines DDR-Bobs. Stunden später setzte er im Viererbob noch einen drauf. Bob-Geschichte schrieb Nehmer dann 1980 in Lake Placid: Auf der schon damals berüchtigten Bahn am Mount van Hoevenberg durchbrach er als erster Pilot die Minuten-Grenze und holte sein drittes Olympia-Gold. „Alle Experten sagten: das sei nicht möglich. Ich habe es ihnen gezeigt, die 50.000 Leute an der Bahn flippten total aus. Dafür werde ich in den USA noch heute als Hero verehrt. Bei den Amis muss es eben total rauchen in der Rinne“, erinnerte sich Nehmer.

Heute sei hingegen „die Spannung beim Bob etwas raus. Auch weil die richtig starke Konkurrenz aus Italien, Österreich und der Schweiz fehlt“, betonte Nehmer, der nach der politischen Wende erst in Italien und dann in den USA arbeite. Die Amerikaner gewannen dank Nehmer mit Brian Shimer 1993 die erste WM-Medaille nach 24 Jahren. Unter der Regie von Bethge kam er dann zum deutschen Verband als Bahntrainer zurück: „Er konnte wie kein anderer die Bahn lesen“, erinnerte sich der heutige Cheftrainer Rene Spies.

Meinhard Nehmers Gold-Bob von den Olympischen Spielen in Lake Placid 1980 von Bobpilot Meinhard Nehmer war eine Zeit lang im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig ausgestellt.
Meinhard Nehmers Gold-Bob von den Olympischen Spielen in Lake Placid 1980 war eine Zeit lang im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig ausgestellt. © André Kempner

Mitglied in der "Hall of Fame"

Aufgefallen war Nehmer damals schon der junge Francesco Friedrich. „Wahnsinn, was er am Start raushaut“, lobte Nehmer den Rekordweltmeister und gestand: „Wir waren am Start nie die Schnellsten.“ Dafür hatte der exzellente Tüftler ein Gespür an den Lenkseilen und stellte fast immer den schnellsten Bob. „Ich hatte 15 Jahre einen DKW F9, an dem ich in der Werkstatt fast alles allein gemacht habe.“ Bremser Bogdan Musiol betonte: „Er war extrem experimentierfreudig und hat die Kisten schon damals komplett bis ins kleinste Detail auseinandergenommen.“

Für Wolfgang Hoppe, der das olympische Double 1984 in Sarajevo schaffte, ist „Meinhard der markanteste Punkt in der gesamtdeutschen Bobgeschichte. Wären seine Erfolge nicht gewesen, wäre die Entwicklung nicht so vonstattengegangen.“ 2016 wurde Nehmer für seine Verdienste in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.