22. Juni 2021 / 18:00 Uhr

Eintracht Serbitz-Thräna: Verloren im sächsisch-thüringischen Regelwirrwarr

Eintracht Serbitz-Thräna: Verloren im sächsisch-thüringischen Regelwirrwarr

Nico Schmook
Leipziger Volkszeitung
Schatzmeister und Jugendleiter Michael Majetschak spricht im Interview. Der FSV Serbitz/ Thräna spielt als einziger Verein mit dem Sitz in Thüringen in Sachsens Amateurliegen.
Der Blick von Michael Majetschak schweift in die Ferne: Er ist Jugendleiter und Schatzmeister beim FSV Eintracht Serbitz-Thräna. © Alexander Prautzsch
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Die Ortschaften Serbitz und Thräna trennt nur die Landesgrenze zwischen Thüringen und Sachsen. Der Verein gehört zwar zum Sächsischen Fußballverband, trägt seine Spiele aber im Altenburger Land aus - was durch die verschiedenen Corona-Regelungen für die beteiligten Personen mit vielen Komplikationen verbunden war.

Serbitz. Felder und Wiesen soweit das Auge reicht, in der Ferne einzelne Häuser, die ein kleines Dorf vermuten lassen, die Sonne strahlt am Horizont, ein Traktor kommt einem entgegen, es riecht nach frisch gemähtem Rasen. Es ist ein idyllisches Bild, das einem hier geboten wird. Zwischen all dieser Idylle schlängelt sich die B93, die Leipzig mit Zwickau verbindet und dabei auch einen Abstecher ins Altenburger Land nach Thüringen macht. Genau dort, nur einige hundert Meter von der Grenze zu Sachsen entfernt, befindet sich Serbitz. Eine Handvoll Straßen, ein Autohaus, eine Bushaltestelle und rund 200 Einwohner. Serbitz als Paradebeispiel für den Begriff „Dorf“. Der Fußballplatz, der auch Teil der kleinen Ortschaft ist und am Ortsausgang liegt, kann also kaum verfehlt werden. Dass man den Weg nicht findet und sich verirrt - ausgeschlossen. Anders als beim ansässigen Verein FSV Eintracht Serbitz-Thräna. Der verirrte sich in Bürokratie und fand sich in den vergangenen Monaten im Durcheinander zwischen Corona-Schutzverordnungen wieder.

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„Nennen uns auch gerne mal Länderauswahl“

„Nee, geht gerade nicht. Ich hab jetzt die Presse zu Besuch.“ Rund um Mike Majetschak herrscht reges Treiben. Der Frühjahrsputz steht an, das Trainingsgelände wird nach den Wintermonaten wieder auf Vordermann gebracht. Rund 15 Freiwillige haben sich gefunden, die mit anpacken und den Rasen mähen, fegen oder die Fugen vom Unkraut befreien. Dass ein besonderes Klima in diesem Verein herrscht, ist jetzt schon zu merken. „Zum Glück seid ihr da. Jetzt habe ich eine Ausrede nicht mitmachen zu müssen“, scherzt Majetschak mit einem breiten Grinsen, die Augen von seiner Sonnenbrille verdeckt. Der 48-Jährige, der Nachwuchsleiter und Schatzmeister beim Thüringischen Verein ist, ist gut drauf. Das war in den letzten Monaten nicht immer so. Wie bei wohl allen Amateursportvereinen kamen mit der Corona-Pandemie auch bei den Serbitzern die harten Zeiten. Erst war monatelang kein Training möglich. Mit den ersten sinkenden Inzidenzzahlen konnte man dann zwar wieder auf den Rasen und damit etwas in Richtung Alltäglichkeit zurückkehren, mit Normalität hatte das alles jedoch noch nicht viel zu tun.

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Allmählich kehrt der Alltag zurück. Der FSV Serbitz-Thräna spielt als einziger Verein mit Sitz in Thüringen in Sachsens Amateurliegen. Zur Galerie
Allmählich kehrt der Alltag zurück. Der FSV Serbitz-Thräna spielt als einziger Verein mit Sitz in Thüringen in Sachsens Amateurliegen. ©

Zwischen dem Bornaer Ortsteil Thräna und dem Ortsteil Serbitz der Gemeinde Treben im Altenburger Land verläuft die sächsisch-thüringische Landesgrenze. Als im Jahr 1990 durch eine Volksbefragung der bis dahin sächsische Landkreis Altenburg dem Freistaat Thüringen zugeordnet wurde, zog sich die Ländergrenze von Sachsen und Thüringen genau zwischen zwei Ortschaften hin. Davon unmittelbar betroffen war der Sportverein FSV Eintracht Serbitz/Thräna. „In einer Mitgliederversammlung wurde damals letztendlich entschieden, die Spiele weiter im sächsischen Fußballverband zu bestreiten – obwohl unsere Spielstätte im thüringischen Serbitz liegt“, so Majetschak. „Passend dazu nennen wir uns auch gerne mal Länderauswahl“, erzählt er mit einem breiten Lächeln über die einzigartige Konstellation.

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„Am Ende haben 300 Meter darüber entschieden“

Doch das einzigartige Vereinsgebilde hatte nun Folgen. Majetschak & Co mussten auf zwei Corona-Verordnungen gleichzeitig achten. Welche für den Verein gerade gültige war, war nicht klar. Und so entschied man, sich auf die zu berufen, die die meisten Vorteile brachte. Beispielsweise war im November vergangenen Jahres in Sachsen das Training untersagt, 300 Meter weiter in Thüringen durfte aber der Ball rollen. Mit Blick auf die Jugendspieler, die mehrheitlich in Sachsen zur Schule gehen, erinnert sich der Nachwuchsleiter: „Das war einfach alles nur noch sehr kurios. In der Schule müssen sie alle Abstand halten und nachmittags dürfen sie dann in den Zweikampf gehen.“

Mit steigenden Zahlen und strengeren Regeln kehrte beim Verein immer mehr die Vorsicht ein, sich das beste aus den Verordnungen herauszupicken ging auch nicht mehr. „2021 haben wir dann einfach das genommen, was ging“, berichtet der 48-Jährige. Hieß: Ab April, als in Sachsen das Training im Amateursport mit Auflagen wieder genehmigt war, trainierte man im Borna. Aber nur für zwei Wochen. Dann kam die Bundesnotbremse. Danach sanken die Inzidenzen weiter, sodass auch schnell in Thüringen das Training wieder möglich war. Als im sich Anfang Juni die Verordnungen wieder änderten, änderte sich auch wieder der Trainingsort. Denn nun war die Thüringer Verordnung abermals die bessere. Es durfte in 20er Gruppen trainiert werden, zudem gab es keine Testpflicht. In benachbarten Bundesland gab es diese. „Da hinten müssten wir uns alle testen lassen, hier nicht.“, erzählt der Nachwuchsleiter und zeigt auf einzelne Häuser am Horizont, die zum benachbarten, sächsischem Dorf gehören. „Am Ende haben 300 Meter darüber entschieden. Das war alles einfach nur noch ein Wirrwarr.“

„Na los, schneller“

Ein Wirrwarr, dass nicht nur beim FSV Eintracht Serbitz/Thräna für Fragezeichen sorgte. Auch im 16 Kilometer entfernten Meuselwitz hatte man mit diesen zu kämpfen und stand vor ähnlichen Problemen. Die Situation war auch dort eine besondere. So ist die Frauenmannschaft des ZFC Meuselwitz als einzige thüringische Mannschaft in der sächsischen Landeskasse Nord vertreten. Die Frage nach der richtigen Verordnung beschäftigte die Verantwortlichen auch dort. „Es war eine sehr spezielle Situation. Wir haben gefühlt jeden Tag auf die Internetseiten vom thüringischen und sächsischen Fußballverband geschaut“, erinnert sich Cheftrainer Toni Beer mit einem Lachen. Am Ende hätte aber die Verordnung, die für das Altenburger Land gültig war, auch für die ZFC-Frauen gegolten. Mit Folgen, wenn der Spielbetrieb weiter geführt worden wäre. Denn in Sachsen durften die Vereine zum Beispiel schon 14 Tage eher ins Training starten. Der ZFC hätte dann mit erheblichen Nachteilen zu kämpfen gehabt. Doch dazu kam es nicht.

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„Na los, schneller“. „Hopp hopp“. Die Anweisungen des Trainers, das Klatschen der Bälle. Altbekannte Geräusche schallen wieder über den kleinen Trainingsplatz in Serbitz. Das Training der C-Jugend ist im vollen Gange. Seit letzter Woche ist das wieder möglich. Das erste Spiel seit mehr als acht Monaten steht an. Auch Zuschauer dürfen unbegrenzt kommen. Die Normalität, sie scheint nach vielem Durcheinander nun auch in der Idylle Serbitz wieder angekommen zu sein.