13. Dezember 2018 / 07:31 Uhr

Eiserne Lady im Pelzmantel: Eiskunstlauf-Legende Jutta Müller wird 90 Jahre alt

Eiserne Lady im Pelzmantel: Eiskunstlauf-Legende Jutta Müller wird 90 Jahre alt

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
ARCHIV - 30.11.2013, Thüringen, Suhl: Die ehemalige Eiskunstläuferin Katarina Witt und deren einstige Trainerin Jutta Müller. Foto: Andreas Lander/dpa
Die ehemalige Eiskunstläuferin Katarina Witt und deren einstige Trainerin Jutta Müller. © Andreas Lander/dpa
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Sie ist die erfolgreichste Eiskunstlauftrainerin der Welt und eine Legende in der Geschichte des DDR-Sports. 57 Medaillen gewann Jutta Müller mit ihren Schützlingen – darunter Katarina Witt, Gaby Seyfert, Anett Pötzsch und Jan Hoffmann. Am Donnerstag feiert sie ihren 90. Geburtstag.

Jutta Müller war eine der schillerndsten und erfolgreichsten Trainerinnen des DDR-Sports. Linientreue und SED-Mitgliedschaft hielten die „Eiserne Lady“ des Eiskunstlaufs nicht davon ab, mit Pelzmantel in den Arenen der Welt an der Seite ihrer Schlittschuh-Größen deren Erfolge zu feiern. Die 57 Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften sowie Olympischen Spielen sind die einmalige Bilanz von Jutta Müller, die 1928 in Chemnitz als Jutta Lötzsch auf die Welt kam.

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Das sportliche Interesse hatte sie von ihrem Vater Emil, der 1930 Sachsenmeister im Ringkampf war. Sie selbst war aktive Sportlerin im Rollkunstlauf und Eiskunstlauf. Kurios: Ihren DDR-Meistertitel im Paarlauf errang sie 1949 mit Irene Salzmann, weil es nach dem Krieg keine männlichen Partner gab. Im Einzel erreichte sie bei den DDR-Titelkämpfen 1953 als Dritte die beste Platzierung. Als Trainerin führte Jutta Müller zuerst ihre Tochter Gaby Seyfert 1969 und 1970 zu WM-Gold. Nachdem die Ehe mit Wolfgang Seyfert gescheitert war, heiratete Jutta Lötzsch den 18-fachen Fußball-Nationalspieler und dreifachen DDR-Meister Bringfried Müller, der 2016 im Alter von 85 Jahren verstarb.

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Unter den kritischen Augen ihrer Mutter und Trainerin Jutta Müller (r) trainiert die DDR-Eiskunstäuferin Gaby Seyfert im Februar 1968 in Grenoble für den Start bei den Olympischen Winterspielen. Zur Galerie
Unter den kritischen Augen ihrer Mutter und Trainerin Jutta Müller (r) trainiert die DDR-Eiskunstäuferin Gaby Seyfert im Februar 1968 in Grenoble für den Start bei den Olympischen Winterspielen. ©

Passion und Pralinen

„Sie hat Talent erkannt und war getrieben, dass man dies nicht vergeudet“, erklärte Kati Witt das Erfolgsgeheimnis ihrer einst strengen und autoritären Trainerin. „Da war sicherlich ein großer Teil eigener Ehrgeiz bei ihr dabei, aber eben so, dass sie sich verantwortlich fühlte, das Beste gemeinsam mit dem Sportler herauszuholen.“ Sie sei eine Trainerin aus Passion gewesen, die „eigentlich nur ans Eiskunstlaufen gedacht und nichts dem Zufall überlassen“ hatte.

Jutta Müller führte das „schönste Gesicht des Sozialismus“ 1984 und 1988 zu Olympiasiegen wie 1980 auch Anett Pötzsch. Zudem holte sie mit ihrer Tochter Gaby Seyfert und Jan Hoffmann jeweils Olympia-Silber und Titel bei Europa- und Weltmeisterschaften. Fast alle ihre prominenten Schüler waren am Samstag gekommen, um sie bei einer Hommage auf dem Eis in Chemnitz zu ehren. „Ohne sie hätte ich nie diese Weltkarriere erreicht“, versicherte Kati Witt, die zu ihrer aktiven Zeit von der Trainerin oft auf strengste Diät gesetzt war. Es existiert jedoch die Legende, dass Kati hinter der Bande der Eisfläche im Chemnitzer Küchwald hin und wieder Pralinen versteckt hatte, die sie heimlich während des Trainings naschte.

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„Sie verkörperte diese Erfolge der DDR, sie wusste, wie man Erfolg produziert“, sagte Udo Dönsdorf, Sportdirektor der Deutschen Eislauf-Union, über Jutta Müller. „Und das DDR-System war wie für sie gemacht, bot ihr alle Möglichkeiten, weil Eiskunstlauf den Touch des Schillernden hatte.“ Es sei deshalb im „tristen Staat der DDR etwas Besonderes gewesen, dem Westen da etwas vormachen zu können“.

Aus nach der Wende

Nach dem Mauerfall spielte Jutta Müller keine große Rolle mehr, trainierte aber in Chemnitz noch jahrelang Nachwuchsläufer. „Leider gehörte auch sie zu den Weltklassetrainern aus der DDR, die man nach der Wende bedauerlicherweise kaltgestellt hat“, kritisierte Kati Witt. Für ihr Comeback bei den Olympischen Winterspielen 1994 in Lillehammer hat sie ihre Ex-Trainerin engagiert, damit Jutta Müller „den verdienten Respekt noch einmal zu spüren bekommt“.

Nachträglich für falsch hält auch Dönsdorf, dass die DEU der Trainer-Legende aus dem Osten nicht mehr die Bühne gegeben hat, die sie verdient hätte: „Man hätte mehr von ihrem Know-how rüberretten können.“

Auch Jutta Müller haderte damit, im vereinten Deutschland ins Abseits gestellt worden zu sein. „Natürlich war ich ein Kind des alten Systems, aber ich hätte mehr Verständnis dafür erwartet, dass ich mich während des Umbruchs in vielen Dingen neu zurechtfinden musste“, sagte sie, die sich heute kaum noch zu Wort meldet, einmal.

Eiserne Lady

„Ich habe viel verlangt und viel gegeben“, beschrieb sie ihre Beziehung zu ihren Läufern. Den Ton und die Richtung gab aber immer Jutta Müller an. Bei Kati Witt ist aus einer Hassliebe zu Athletenzeiten ein großer Respekt, eine große Verehrung und eine große Dankbarkeit geworden – aber keine Freundschaft: „Lustigerweise sieze ich sie noch immer.“

Das Publikum fragte sich stets: Was hat Frau Müller heute an? In einer Unterhaltungssendung reimte daher ein Zuschauer 1984: „Bei Olympia ist für uns der Hit – die Kür von Katarina Witt. Gleich danach folgt der nächste Knüller – das Fernsehbild von Jutta Müller.“ Mit Perücke trat die „Eiserne Lady“ nur anfangs auf – Jan Hoffmann hatte ihr diese im Glücksrausch mal vor laufender Kamera vom Kopf genommen.

Andreas Schirmer, fs

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