06. April 2020 / 07:59 Uhr

Eishockey-Bundestrainer Toni Söderholm über Corona, die Ziele für Olympia 2022 und Superstar Draisaitl

Eishockey-Bundestrainer Toni Söderholm über Corona, die Ziele für Olympia 2022 und Superstar Draisaitl

Christian Müller
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Toni Söderholm ist seit 2019 als Trainer der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft tätig.
Toni Söderholm ist seit 2019 als Trainer der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft tätig. © imago images/Action Pictures
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Eishockey-Bundestrainer Toni Söderholm wollte die Nationalmannschaft auf die WM in der Schweiz vorbereiten - die fällt aber aus. Im Exklusiv-Interview mit dem SPORTBUZZER spricht der Finne über Superstar Leon Draisaitl, die Folgen der Corona-Krise und die Ziele für Olympia 2022.

SPORTBUZZER: Toni Söderholm, die Eishockey-WM und alle Vorbereitungsspiele sind abgesagt. Hat der Bundestrainer jetzt Langeweile?

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Toni Söderholm (41): Eigentlich nicht. Aber das ist eine neue Situation. Wir hatten uns um die WM viele Gedanken gemacht und uns so gut wie möglich vorbereitet. Wenn sie nicht stattfindet, ist das schon enttäuschend. Aber es gibt jetzt viel wichtigere Sachen.

Welche Folgen für das Eishockey befürchten Sie langfristig?

Ich würde erst mal das Positive sehen: Wenn die Lage sich beruhigt hat, glaube ich, dass Leute wieder ihren Lieblingssport live sehen wollen. Alle werden die Möglichkeit, Sport anzuschauen und auch selbst auszuüben, noch mehr genießen. Für einen Spieler werden Dinge, die vorher ein Problem waren, keines mehr sein, weil du einfach happy bist, dass du wieder spielen darfst.

Welche Probleme könnten das sein?

Die Gefahr durch das Finanzielle ist zwar, dass die Möglichkeiten nicht so groß sind wie vorher. Aber alle müssen die Lage verstehen. Wenn das Geld nicht da ist, ist das Geld nicht da.


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Ihr Vertrag läuft bis nach Olympia 2022 in Peking. Was muss sich bis dahin in Deutschland verbessern?

Wenn wir ganz unten anfangen: Trainingsmöglichkeiten für die jungen Spieler – off Ice und on Ice. Zusammenarbeit mit dem Schulsystem. Dass die jungen Akteure Eishockey-Profi werden wollen und alle dies unterstützen: Schule, Eltern, alle. Dass wir dadurch qualitativ bessere Spieler bekommen im Alter von 15 bis 20. Wenn du dann eine größere Basis von Spielern hast, die gut entwickelt sind, hast du größere Möglichkeiten in der DEL oder in der Nationalmannschaft. Die Trainerausbildung hat sich in den vergangenen Jahren sehr verbessert. Auch das ist ein wichtiger Punkt.

Der DEB hat sich in den vergangenen Monaten einmal mehr für eine Reduzierung des Importspieler-Anteils in der DEL starkgemacht.

Wenn man sich die Anzahl von Spielern anschaut, die jetzt oder in den nächsten Jahren aus der U23 kommen, dann glaube ich, dass man sie auch irgendwo schützen und ausbilden sollte. Wir sollten schauen, dass die deutschen Spieler die besten Möglichkeiten bekommen. Wir haben genügend Akteure, und wir könnten die Reduzierung zumindest auf den Tisch bringen, um zu versuchen, eine Lösung zu finden.

"Leon weiß genau, wie gut er ist"

Wenn der Wille da wäre, mehr deutsche Spieler in die DEL zu bringen, wäre das schon jetzt möglich?

Von der Anzahl und Qualität her ja. Die Reduzierung zunächst um einen Spieler, die wir vorgeschlagen haben – da glaube ich nicht, dass das einen Unterschied macht. Finanziell könnte das aber für die Klubs interessant sein. Denn ich glaube nicht, dass ein junger deutscher Spieler so teuer ist wie ein älterer Ausländer.

Was können Sie einem Weltstar wie Leon Draisaitl noch beibringen?

Das ist individuelles Coaching. Was für einen Spieler passt, passt vielleicht nicht für die anderen. Leon weiß ganz genau, wie gut er ist. Ihm muss man nicht so viel zeigen. Für einen wie ihn ist wichtig, dass er jeden Tag sieht, wo für ihn die besten Möglichkeiten liegen. Wenn ein Spieler diese Spitzenqualität hat, fängst du Schritt für Schritt an, seine Schwächen zu verbessern. Dann hast du am Ende hoffentlich einen kompletten Eishockeyspieler.

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Welche Schwächen sehe Sie noch bei Draisaitl?

Bei der letzten WM ist diese Frage zu meinem Lieblingsthema geworden. Die Leute haben damals überhaupt nicht verstanden, dass es nicht um Kritik ging. Aber das bespreche ich direkt mit Leon.

Welchen Stellenwert hat er für Sie?

Wenn wir Leon zur Nationalmannschaft bekommen, ist er für uns immer sehr wichtig und eine positive Sache. Im Moment ist er unser bester Offensivspieler und einer der Top-3-Offensivspieler der Welt. Das hat er zwei Jahre in Folge gezeigt.

"Du hast immer die Möglichkeit zu gewinnen"

Ihr erstes Jahr war mit WM-Platz sechs und Platz zwei beim Deutschland-Cup sehr erfolgreich. Was wollen Sie bis 2022 erreichen?

Wir sollten nicht blind auf die Resultate schauen. In beiden Turnieren gab es Möglichkeiten, noch besser zu werden. Für mich ist wichtig, dass die Jungs verstehen, dass für sie alles möglich ist. Sie sollten immer Top-4-Platzierungen als Ziel haben. Das Endresultat ist tagesformabhängig. Durch die Corona-Krise haben wir nur noch eine WM und zwei Deutschland-Cups bis Peking. Daher ist die Zusammenarbeit zwischen der Liga, dem DEB, zwischen den Klubs, mir und den Analysten noch wichtiger geworden.

Mit den Top-4-Ambitionen nehmen Sie auch den Kampf auf gegen die großen Nationen.

Diese Diskussion hat mich bei der WM im vergangenen Jahr richtig genervt. Es gibt einen Gegner – und es ist egal, ob er groß oder klein ist. Du hast immer eine Möglichkeit zu gewinnen. Immer.