03. Mai 2021 / 16:38 Uhr

Eishockey-Experte Ehelechner über Furchner, Likens, Strahlie und die Titelchancen der Grizzlys Wolfsburg

Eishockey-Experte Ehelechner über Furchner, Likens, Strahlie und die Titelchancen der Grizzlys Wolfsburg

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
(L-R) Gerrit Fauser von den Grizzlys Wolfsburg, Eric Mik und Mathias Niederberger von den Eisbären Berlin während des Spiels zwischen den Eisbären Berlin gegen die Grizzlys Wolfsburg am 02.05.2021 in Berlin, Deutschland. (Foto von City-Press GmbH)
Begeistert von Furchner und Likens: TV-Experte und Ex-Profi Patrick Ehelechner vor dem Play-Off-Final-Showdown. Die Grizzlys hält er für stark, aber Berlin sieht er noch nicht aus dem Rennen. © Magentasport, City-Press Gmbh/Grizzlys Wolfsburg
Anzeige

Er war DEL-Torhüter, ist Eishockey-Kommentator und -Experte bei Magentasport. Im SPORTBUZZER-Interview schaut Patrick Ehelechner vor Spiel zwei des Play-Off-Finales um die 100. deutsche Eishockey-Meisterschaft  auf die Chancen der Eisbären Berlin und der Grizzlys Wolfsburg und hat bei Wolfsburg vor allem drei Akteure als Schlüssel im Visier: Dustin Strahlmeier, Jeff Likens und Sebastian Furchner.

Anzeige

Er hat 280 DEL-Einsätze als Torhüter unter anderem für Nürnberg und Augsburg gemacht, ist seit Langem als Eishockey-Kommentator und -Experte tätig, hat diese Rolle momentan bei Magentasport, zudem präsentiert Patrick Ehelechner dort das Format Kühlbox, in der er DEL-Profis, aber auch NHL-Stars wie Leon Draisaitl, der dabei auch mal Wolfsburg lobte, immer wieder Spannendes, Interessantes und Unterhaltsames entlockt. Im SPORTBUZZER-Interview schaut er auf das Final-Duell, in dem Wolfsburg nach dem 3:2 in Berlin am Sonntag nur noch einen Sieg braucht und hat bei den Grizzlys vor allem drei Akteure als Schlüssel im Visier. Dustin Strahlmeier, Jeff Likens und Sebastian Furchner.

Anzeige

Hand aufs Herz, Herr Ehelechner, wen haben Sie im Finale erwartet?
Mannheim und Bremerhaven. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass vielleicht Bremerhaven aus der Außenseiterrolle nach starker Hauptrunde etwas machen könnte. Die habe ich im Norden als Geheimfavorit gesehen. Im Süden waren es für mich ganz klar die Adler.

Dann kam Wolfsburg...
Da muss man ein wenig ausholen. Man muss sich die letzten Hauptrunden-Spiele der Wolfsburger anschauen, da hatte sich etwas, ich will nicht sagen angebahnt, aber irgendwie entwickelt. Von sieben Spielen sechs gewonnen, nur in München verloren, wenn man vom bedeutungslosen Spiel gegen Straubing absieht. Ich hatte Wolfsburg beim Sieg in Straubing kommentiert, da hatte ich das Gefühl, da sehe ich das System der Wolfsburger der vergangen Jahre aus der Zeit von Pavel Gross. Die Null muss stehen, wie man so sagt, unheimlich kompakt, auf die Konter warten, irgendeiner trifft vorn immer. Das hat mich brutal an die früheren Jahre erinnert, umso gespannter war ich auf das Duell gegen den Ex-Coach. Da war natürlich Brisanz drin.

Mehr zu den Grizzlys Wolfsburg

Und dann ist Ihr Favorit raus...
Ja. Es waren geile Spiele, Spannung pur. Ich glaube, der Serien-Knackpunkt war dann Wolfsburgs 2:1 in der Overtime im Heimspiel gegen Mannheim. Du warst 0:1 zurück, warst fast raus, Furchi dann mit dem sensationell feinen Tor zum 1:1, danach hat das alles seinen Lauf genommen. Am Freitag in Mannheim wieder typisches Wolfsburg-Spiel, hinten kompakt, Schüsse blocken. Und im Kasten einen Dustin Strahlmeier - für mich der beste Torwart in den Play-Offs.

Sie sind mit Strahlmeier befreundet, haben Sie im Interview vor der Saison gesagt, haben ihn besonders im Blick...
Ich verfolge ihn schon länger - Straubing, Schwenningen, dann Wolfsburg. Es freut mich sehr, seinen Karriere-Weg zu sehen, wie er sich nun, bei einem auf dem Papier stärkeren Team als seinen damaligen schlägt. Es ist bemerkenswert, wie er sich wieder weiterentwickelt hat. Sehr beeindruckend.

Die Torhüter in der Final-Serie - Vorteil für Wolfsburg?
Das würde ich nicht sagen. Nicht umsonst sagt ein Philipp Grubauer, Top-NHL-Keeper für die Colorado Avalanche, dass der beste Torwart in der DEL der Niederberger Mathias ist. Aber Niederberger und Strahlmeier sind beide auf extrem hohem Niveau. Was für Strahlie und die Wolfsburger spricht, ist die geringere Zahl an Gegentoren, Dustin ist unter zwei Gegentoren im Schnitt, Mathias leicht drüber. Der Druck aufseiten der Berliner ist höher. Nicht nur weil sie mit dem Rücken zur Wand stehen, sondern weil jeder von ihnen in dieser Final-Konstellation den Sieg erwartet hat. Die Wolfsburger können befreiter aufspielen, sie sind der Underdog.

Kann Wolfsburg am Mittwoch Meister werden?
Es wird entscheidend sein, wie Berlin aus der Kabine kommt, ob sie ihr Spiel durchsetzen können. Wenn Wolfsburg es schafft, die ersten 20 Minuten sein Spiel zu spielen, nur Schüsse aus harmlosen Positionen zulassen, vielleicht selbst in Führung zu gehen, dann wird es für Berlin von Minute zu Minute schwieriger, dann wird es auch ein Kopf-Problem. Auffällig fand ich am Sonntag, dass Berlin in Überzahl solche Probleme hatte, zwar Positionen fand, aber wenig gefährliche Schüsse brachte. Das ist nervig, das kostet Kraft und Energie, umgekehrt bringt es aber auch nichts, zu schießen, wenn ein Strahlmeier freie Sicht hat oder die Schusswege absolut dicht sind.

Welche Rolle werden die Play-Off-Dinosaurier spielen? Armin Wurm und Sebastian Furchner haben mit den Grizzlys drei Final-Serien verloren. Können die das abschütteln? Ausblenden?
Ja. Das können sie. Natürlich ist das für Furchi etwas Besonderes, dass er noch mal mit seinen Wolfsburgern im Finale steht, er ist ja nicht mehr der Allerjüngste. Aber auch so einer blendet das aus. Und noch was: 50 Prozent eines Erfolges entstehen im Hintergrund. Im Training, in der Kabine. Und da ist so ein Furchner der entscheidende Faktor, der pusht, der kann sein Team motivieren, da brauchst du nicht den teuersten Mental-Trainer der Welt, wenn du einen Sebastian Furchner drin hast. So einer kann noch die entscheidenden zwei, drei Prozent durch Motivation im Team rauskitzeln. Und ich sehe noch so einen Dinosaurier...

Nämlich?
Jeff Likens! In den Play-Offs hat er nur einen Punkt gemacht, aber was ist das für ein Verteidiger?! Was spielt der für geile erste Pässe?! Was er an Schüssen blockt, wie taktisch clever er oft seinen Körper einsetzt hinten, um seinen Mitspielern noch ein, zwei Sekunden Zeit zu schinden für den Aufbau - das sind für mich so Charaktere, die in der Zeitung nicht so oft das große Bild kriegen oder auf der Titelseite landen. Der macht für mich einen fantastischen Job im Defensiv-System der Wolfsburger. Seine Leistung wird am Mittwoch mitentscheidend sein bei der Frage Meisterschaft oder noch nicht. Torjäger und Top-Paraden sieht jeder, aber es gibt auch diese heimlichen Helden, die wichtig sind.

Sie haben als langjähriger DEL-Torwart viele Spiele erlebt. Geben Sie uns mal einen Einblick in die Kabine, wie sehen die Profis aus nach intensiven Play-Off-Partien?
Da haben manche drei, vier, fünf Eispacks an sich, manche sehen aus wie die Eismännchen. Heute geht es oft in die Eistonnen. Das ist schon brutal, wie man da aussieht. Aber da gibt es kein Jammern, da wird sich aufgeopfert. Da musst du eine gravierende Verletzung haben, um nicht mehr aufzulaufen.

Was spricht trotz des Serien-Rückstands noch für Berlin?
Berlin hat in jeder Serie das erste Spiel verloren, die Eisbären kennen die Situation, sie haben die mentale Stärke, haben es gegen Iserlohn und Ingolstadt bewiesen, dass sie eine Serie nach 0:1 drehen können. Trainer Serge Aubin hat viel aus der Mannschaft gemacht, ist engagiert, sachlich, ruhig, das ist wichtig in der Situation, in der sie sind. Dann haben sie Spieler wie den erfahrenen Frank Hördler, der sieben Titel mit Berlin gewonnen hat, dazu Ryan McKiernan, Matt White, Marcel Noebels, Lukas Reichel - wenn man es Eins zu Eins vergleicht, haben die Eisbären die größere individuelle Klasse. Da sind sie, was die Tiefe angeht, einfach besser besetzt. Aber - das wissen wir alle - am Ende sind nicht die Einzelkönner gefragt, sondern das Team ist wichtig. Dennoch ist die individuelle Klasse etwas, das noch für Berlin spricht.