20. Mai 2021 / 16:37 Uhr

Eishockey-Experte Goldmann über die WM, einen emotionalen Ex-Grizzly und ein DEL-Problem

Eishockey-Experte Goldmann über die WM, einen emotionalen Ex-Grizzly und ein DEL-Problem

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Goldmann
WM als Wundertüte: Sport1-Experte Rick Goldmann beleuchtet die Liga, die kommenden, besonderen Titelkämpfe und die Nominierung des Wolfsburgers Dominik Bittner (l.). © Imago Images/Sport1
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Ex-Profi Rick Goldmann begleitet als Experte bei Sport1 Eishockey-Übertragungen, insbesondere schon bei vielen WMs. Am Freitag beginnen die Titelkämpfe 2021. Im Sportbuzzer-Interview spricht Goldmann über die verdiente Nominierung eines Grizzlys, erklärt, warum die WM eine Wundertüte wird, welcher Deutsche da ein Star werden kann, beleuchtet aber auch kritisch die DEL und findet Verständnis für Pavel Gross' Frust-Rede.

Er hat lange in der DEL gespielt, war zwischendurch eine Weile in Nordamerika, verletzte sich leider bei seinem einzigen NHL-Einsatz für die Ottawa Senators schwer. Inzwischen ist Rick Goldmann seit langem bekannt als TV-Experte für Sport1 bei Eishockey-Übertragungen aus der DEL oder von den Weltmeisterschaften. Vor den heute beginnenden Welttitelkämpfen in Lettland (Sport1 überträgt ab 15 Uhr die Partie gegen Italien im Free-TV) spricht der früheren Verteidiger im SPORTBUZZER-Interview über die WM, einen emotionalen Ex-Grizzly und Wolfsburger Bratwurst.

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Herr Goldmann, die WM geht los, Sie sind nicht vor Ort…
Leider. Es ist eine sehr spezielle WM nicht nur für die Spieler. Die haben Einzelisolation und Teamisolation durchlaufen, nun bleiben alle immer auf einer Hotel-Etage, haben da ihre Besprechungen, fahren mit dem Bus ins Stadion. Nur auf dem Eis gibt es Fremdkontakt. Die wenigen Journalisten, die zugelassen sind, leben auch in einer Bubble. Da haben wir uns entschieden, die WM aus München zu machen. Und das hat schon Nachteile, denn normalerweise schaue ich bei den Spielen oft weg vom Puck, studiere Laufwege, beobachte, was auf der Bank passiert. Jetzt geht das nicht, denn wir haben auch nur das Fernsehbild. Aber ich bin froh, dass überhaupt eine Eishockey-WM stattfindet.

Eine WM in Zeiten der Pandemie…
...da steht die Gesundheit an erster Stelle, aber für die Sportart ist es immens wichtig, dass sie sich international präsentieren kann. In den meisten Nationen, vor allem in den europäischen, ist die Nationalmannschaft das Zugpferd Nummer 1. Du musst dich zum jetzigen Zeitpunkt ins Schaufenster stellen. Das hilft den Ligen, auch der DEL. Die hat ein schwieriges Jahr hinter sich, das sie gut gemeistert hat, aber sie hat auch viel Geld verloren. Wirst du weiter nach hinten durchgereicht – noch weiter hinter Fußball, womöglich hinter andere Sportarten, dann wird das ein langfristiger Schaden.

Sie haben die Liga angesprochen, wie hat die DEL Corona gemeistert?
Ich glaube, die Konzepte waren gut. Dass nur ein Spiel ausgefallen ist, war eine großartige Leistung. Alles in allem war es ein Kraftakt. In der Krise den Weg gefunden zu haben, eine Saison zu spielen und zu Ende zu spielen, das ist sehr, sehr wichtig gewesen. Noch ein Jahr wird das aber nicht gehen, glaube ich.

Auch die Spieler haben einiges in Kauf genommen…
...genau. Die Spieler haben immense Entbehrungen auf sich genommen – und viele ziehen das jetzt für die WM noch weiter durch, das ist Mentalität gefordert. Ich glaube: Diese WM wird im Kopf entschieden

Ihr Fazit zur DEL-Meisterschaft?
Mannheim war für mich die Mannschaft, die es zu schlagen galt. Ich habe lange gedacht, Mannheim kann keiner halten, das muss ich ganz ehrlich sagen. Wolfsburg hat in den letzten Spielen der Hauptrunde Fahrt aufgenommen, hat seine Stärken immer mehr ausgespielt und sich in seinem System entwickelt, das war sehr stark. Aber auch überraschend.


Der Wolfsburger Ex-Coach Pavel Gross war nach dem K.o. mit Mannheim not amused, schimpfte über den späten Ligastart und den Spielplan.
Ich fand es gut, dass mal jemand die Meinung sagt. Wann hat man so ein Interview, wo jemand emotional, den Druck, den er die ganze Zeit trägt, mal nicht nur weglächelt, oder mit einem Satz abtut, sondern der dich mitnimmt, wie es wirklich ist. Das war absolut authentisch, vieles davon kann ich unterschreiben, wenn man ein wenig differenziert. Das war das interessanteste Interview der ganzen Saison. Es zeigt, unter wie viel Druck die Akteure gestanden haben und was da für ihn kaputt gegangen ist.

Aber die kurzen Play-Offs, der späte Start – das war doch ein einstimmiger Liga-Beschluss.
In dem Moment ist es ihm hochgekommen, da war er absolut ehrlich. Und ich finde, das waren Gedanken, die zugelassen sein müssen. Natürlich kann man mal hinterfragen, warum es die deutsche Eishockey-Liga als einzige nicht wie alle anderen in Europa schafft, normal zu starten. Und dann geht es ins Differenzieren. Dazu gehört dann: In der KHL waren anfangs 10.000 Fans bei manchem Spiel, in einem Team gab es 16 Corona-Fälle, es musste eine Mannschaft mit ausschließlich Junioren antreten, nur damit das Spiel stattfindet. Andere Ligen haben zum Teil irgendwann zugemacht. Aber wenn man als Profiliga auf so wackligen Beinen steht, dass man so zittert und nicht weiß, wie man in eine Saison reinkommt, und vielen die Pleite droht, dann muss man sich mal das Fundament anschauen. Das Fundament ist in Deutschland nicht nur bröckelig, das ist in manchen Standorten nicht vorhanden. So kann man nicht wirtschaften. Da fand ich gut, dass Pavel Gross das so hinterfragt. Das ist ein Kritikpunkt, den man sich mal anschauen sollte.

Täuscht das Gefühl, dass Deutschland in den letzten Jahren extrem viele Eishockey-Talente entwickelt hat?
Nein. Ich kann mich nicht erinnern, dass Deutschland mal so eine Masse an spielerisch guten jungen Akteuren hatte und weitere, die noch von unten nachdrängen. Vor 15 Jahren musste man das auffüllen mit eingedeutschten Spielern. Die Zeit ist definitiv vorbei.

Es gibt eine neue U23-Regel für die DEL, drei statt wie bisher zwei U23er müssen auf den Spielberichtsbogen. Viele sagen, das kostet gestandenen deutschen Spieler den Arbeitsplatz.
Man hat jetzt die Masse an Nachwuchsspielern, es findet ein Squeeze-Out auf dem deutschen Markt statt, das stimmt. Der nächste Schritt müsste eigentlich sein, die Zahl der Importstellen zu verringern. Das würde Sinn ergeben. Aber ich glaube, diese Denkweise ist schwierig für viele Entscheidungsträger in der deutschen Eishockey-Liga.

Zurück zur WM - als Deutschland 2018 Olympiasilber holte, fehlten die NHL-Stars im Turnier, das wird bei dieser WM wieder so sein, weil die NHL-Play-Offs gerade erst begonnen haben. Steigert das wie 2018 die Chancen für das DEB-Team?
Das bringt die Leistungsdichte auf jeden Fall näher zusammen. Wie schon gesagt, Mentalität wird wichtig werden. Teamspirit ist diesmal vielleicht das allerwichtigste. Keine Fans dabei, Leben in der Bubble, man hängt die ganze Zeit aufeinander – man sagt immer: Wenn etwas Positives entsteht, etwas ins Rollen kommt, Teamspirit wächst, dann geht was. Und genau das wird dieses Jahr noch viel bedeutsamer sein. Da ist eine Parallele zu 2018. Diese WM wird eine Wundertüte. Kleinere Aspekte werden mehr entscheiden, wenn die großen Namen nicht da sind. Das machte es auch sehr spannend. Ein Beispiel: Deutschlands Moritz Seider hat das Potenzial, der beste Verteidiger der WM zu werden, aber: Er spielt in Schweden, da war alles offen, er konnte sich normal bewegen, jetzt geht es in eine Bubble, das kennt er gar nicht.

Wolfsburg hat mit Dominik Bittner nur einen Spieler dabei - ein bisschen wenig für den Vizemeister, oder?
Für mich wären – und da sieht man, wie gut der DEB-Kader ist – Fauser und Strahlmeier Kandidaten gewesen, aber in den Positionen ist der Kader eben auch gut besetzt. Bittner war anfangs verletzt, hat nach hinten raus und in den Play-Offs dann wahnsinnig stark gespielt. Der hat ja alles gespielt, fünf gegen fünf, Überzahl, Unterzahl, die Berufung ist absolut verdient.

Eine Frage muss noch sein, sie haben vor Jahren mal die Bratwurst am Imbiss an Wolfsburgs Eis-Arena zur besten der Liga erkoren. Gilt das noch?
Vergessen habe ich sie nicht. Dieses Jahr hat es sich leider nicht ergeben. Aber das ist ein guter Punkt. Eishockey ist auch Fankultur, das Drumherum, die Gespräche in den Pausen, das ganze Flair – das ist ein ganz wesentlicher Faktor. Auch bei jeder WM. So fair, so großartig. Ohne Fans hat auch der DEL etwas gefehlt. Und das ist absolut mein Wunsch, dass die Fans wieder zurückkehren in die Arenen und es wieder eine normale Saison gibt. Und dass ich auch mal wieder in Wolfsburg an eine Bratwurst komme.

Die WM in Riga im TV

Die Eishockey-Weltmeisterschaft findet vom 21. Mai bis zum 6. Juni im lettischen Riga statt. Nach dem starken sechsten Platz bei der WM 2019 hat sich die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft auch für dieses Turnier einiges vorgenommen. Das Team von Bundestrainer Toni Söderholm trifft in der Vorrundengruppe B auf die Topteams Kanada, Finnland und USA. Außerdem geht es gegen Lettland, Norwegen, Italien und Kasachstan. Die besten vier Mannschaften qualifizieren sich für das Viertelfinale.

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SPORT1 überträgt alle 64 WM-Spiele live auf den SPORT1-Plattformen. Im Free-TV präsentiert SPORT1 die Eishockey-WM mit dem On-Air-Team um Moderatorin Laura Papendick, Kommentator Basti Schwele und Experte Rick Goldmann so umfangreich wie nie zuvor. Es werden insgesamt über 30 Livespiele gezeigt, darunter alle Partien mit deutscher Beteiligung sowie die Halbfinals und das Finale. Dazu gibt es eine umfangreiche Rahmenberichterstattung: In den täglichen Countdown- und Analyse-Sendungen im Studio warten aktuelle Highlights, Experten-Talks und Stimmen zu den einzelnen Partien. Insgesamt berichtet SPORT1 über die Eishockey-WM 2021 in rund 110 Livestunden im Free-TV, damit stehen pro Spieltag im Schnitt über sieben Livestunden Eishockey auf dem Programm. Die weiteren WM-Partien sind auf dem Pay-TV-Sender SPORT1+ sowie im kostenlosen Livestream auf SPORT1.de zu sehen.

Die Übertragungen der Eishockey-WM auf SPORT1 im Free-TV starten am Freitag, 21. Mai, live ab 15 Uhr mit dem Auftaktspiel von Deutschland gegen Außenseiter Italien.

Alle DEB-Spiele in der Übersicht:

Freitag, 21. Mai (15:15 Uhr): Deutschland - Italien (live bei SPORT1)

Samstag, 22. Mai (11:15 Uhr): Norwegen - Deutschland (live bei SPORT1)

Montag, 24. Mai (19:15 Uhr): Deutschland - Kanada (live bei SPORT1)

Mittwoch, 26. Mai (15:15 Uhr): Kasachstan - Deutschland (live bei SPORT1)

Samstag, 29. Mai (19:15 Uhr): Deutschland - Finnland (live bei SPORT1)

Montag, 31. Mai (15:15 Uhr): USA - Deutschland (live bei SPORT1)

Dienstag, 1. Juni (19:15 Uhr): Deutschland - Lettland (live bei SPORT1)