28. Januar 2022 / 19:16 Uhr

Eishockey-Ikone Furchner mahnt: Liga braucht Plan B für nächste Saison!

Eishockey-Ikone Furchner mahnt: Liga braucht Plan B für nächste Saison!

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Fordert einen Plan B für die nächste Saison und kritisiert die Olympia-Nichtnominierung von Dustin Strahlmeier: Eishockey-Rekordspieler Sebastian Furchner von den Grizzlys Wolfsburg.
Fordert einen Plan B für die nächste Saison und kritisiert die Olympia-Nichtnominierung von Dustin Strahlmeier: Eishockey-Rekordspieler Sebastian Furchner von den Grizzlys Wolfsburg. © City-Press Gmbh/Grizzlys Wolfsburg
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Corona-Chaos total im Eishockey-Oberhaus, Spiel auf Spiel wird abgesagt. Kein Akteur ist in der DEL so lange dabei wie Wolfsburgs Sebastian Furchner. Der fordert: "Für die neue Saison braucht die Liga einen Plan B." Und: Dass Teamkollege Dustin Strahlmeier nicht im Olympia-Kader ist, sei "ein Witz". 

Corona-Chaos total im Eishockey-Oberhaus, Spiel auf Spiel wird abgesagt. Kein aktiver Akteur ist in der DEL so lange dabei wie Wolfsburgs Sebastian Furchner (39) mit seinen über 1100 Einsätzen im Oberhaus. Der Stürmer fordert im großen SPORTBUZZER-Interview: "Für die neue Saison braucht die Liga einen Plan B." Und: Dass Teamkollege Dustin Strahlmeier nicht im Olympia-Kader ist, sei "ein Witz".

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Herr Furchner, rund 50 Spiele sind inzwischen im Eishockey-Oberhaus verlegt worden, hätten Sie gedacht, dass es so schlimm kommt...
Dass es so reibungslos läuft, wie viele vielleicht erwartet hatten, davon bin ich auch nicht ausgegangen. Ich war da skeptischer. Aber dass die Situation letztlich eigentlich schlechter ist als im letzten Jahr, das ist schon krass. Vergangene Saison war das nicht so ein Durcheinander. Alle wussten es wird schwierig, alle haben sich an strenge Protokolle gehalten, die natürlich auch von der Bundesregierung vorgegeben waren. Dazu gab es einen Lockdown, die Schulen waren zu, das hat uns in der letzten Saison in die Karten gespielt. Jetzt ist das öffentliche Leben im Gange, die Schulen sind auf, Kindergärten auch. Das ist super. Das und die sozialen Kontakte stehen über dem Sport, aber das spielt mit rein. Das normale Leben ist zurück und dadurch infizieren sich mehr Leute. So kommt Corona auch in die Kabinen, vermehrt sich bei den Busfahrten, offensichtlich auch in den Spielen.

Die Corona-Problematik beunruhigt Sie sehr?
Ja. Ich habe jetzt schon Probleme damit, daran zu denken, dass wir auf Auswärtsfahrt sind und ich bekomme den Anruf, dass eine meiner Töchter positiv ist. Das ist so mein aktueller Alptraum.

Die Grizzlys haben positive Fälle, Sie sind...
Negativ. Ich fahre seit Wochen täglich zur Teststation, bevor ich zum Training fahre, egal ob wir bei den Grizzlys Tests haben oder nicht. Ich mache es jeden Tag, für mich, meine Familie und für meine Mannschaftskollegen. Es ist wie überall in der Gesellschaft, jeder sieht das unterschiedlich. Und was der richtige Umgang ist, weiß keiner genau.

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Und in dieser Zeit die Olympischen Winterspiele, würden Sie hinfliegen wollen?
Schwierige Frage für mich, der sich nie mit dem Thema auseinandersetzen musste. Ich kann mich ja nicht wirklich hineinversetzen in einen nominierten Athleten. Es ist einfach, als Nicht-Kandidat zu sagen, ja, klar, mache ich, oder nein, würde ich nicht machen. Ich glaube, als Familienvater hätte ich verzichtet.

Für Olympia ist Dominik Bittner als einziger Grizzly nominiert, Keeper Dustin Strahlmeier nicht...
Dass der Strahli nicht nominiert ist, ist ein Witz, da brauchen wir nicht drumherumzureden. Jede andere Meinung ist Quatsch.

Woran könnte es aus Ihrer Sicht gelegen haben?
Ich kann mir nur vorstellen, dass er Verband vielleicht frühzeitig Spieler anmelden musste, aber selbst dann... Wenn man da vier oder fünf Torhüter hätte bereits melden müssen, würde das als Argument, wenn das der Grund wäre, auch nicht passen. Der Strahli war letztes Jahr mit uns im Finale, auch da schon einer der besten deutschen Torhüter, damals hätte man schon wissen können, dass er ein sehr guter Torhüter ist.

Wie groß ist die Lust auf die nächste Saison angesichts der Corona-Misere?
Sportlich ist mein Hunger ungebrochen. Das Drumherum ist natürlich hart, im inzwischen zweiten Jahr der Pandemie. Als Kapitän muss man auch mit steuern, auf die Jungs einwirken. Von daher weiß ich, was unser Manager Charly Fliegauf da leistet. Respekt, das ist ganz schön harte Kost. Unser Coach Mike Stewart hat letzte Saison ja nicht aktiv mitgemacht, da merkt man manchmal schon, dass er einen anderen Blick darauf hat, was gar nicht schlecht ist. Aber insgesamt ist das sehr nervenaufreibend, nie zu wissen, was wann wie ist. Das zehrt. Ich habe neulich zu meiner Frau gesagt: Seit 19 Jahren spiele ich Profi-Eishockey, einmal wurde ein Spiel abgesagt nach dem Aufwärmen. Und jetzt? Regelmäßige Absagen, teils am Spieltag. Inzwischen glaube ich erst, dass es angeht, wenn ich in der Kabine sitze vor dem Warmup. Die Leichtigkeit des Sports ist da auf eine harte Probe gestellt.

Das heißt?
Eishockey war für mich immer auch ein Spiel, diese Leichtigkeit ist da schon abhanden gekommen. Ich weiß, das ist Jammern auf hohem Niveau, anderen Leuten in anderen Berufen ergeht es oft ähnlich. Und unser Spiel ist unser Job. Aber die ganze Geschichte empfinde ich hin und wieder schon als ganz schön belastend.

Der typische Eishockey-Rhythmus ist weg, das Kabinenleben auch. Wie geht man damit um?
Das Kabinenleben war wenigstens bis vor ein paar Wochen weitgehend normal. Aber seit Omikron und mit unserer zweiten Quarantäne hat sich das natürlich massiv verändert. Wenn wir auf dem Eis stehen, ist alles normal, ansonsten lebt man das Profidasein zwischen Hoffen und Bangen.

Das Kabinenleben ist doch ein extremer Teil des Eishockeys...
Das stimmt. Viele Mannschaften kommen über Zusammenhalt, die Teamchemie ist auch was, was uns oft ausgezeichnet hat. Wir versuchen momentan, viele Themen auszublenden, uns auf den Sport zu fokussieren, das Beste aus der Lage zu machen. Ich glaube, wem das am Schluss am besten gelingt, die jeweilige Situation anzunehmen, wie sie ist und das Drumherum auszublenden - diese Mannschaft hat die größte Chancen am Schluss oben zu stehen. Das ist dann vielleicht nicht die sportliche Beste. Die Mannschaft, die die Kombination sportlich und mentale Stärke am häufigsten für die zwei bis zweieinhalb Stunden Spiel hinkriegt, wird am Ende oben stehen.

Da müssten Sie doch nach allem, was bisher von den einzelnen Grizzlys-Spielern zum Thema Teamchemie zu hören war, ein gutes Gefühl haben...
Das Gefühl ist gut, ja. Jetzt. Aber es ist die Frage, wie geht die Pandemie weiter, wie der Umgang mit ihr? Laut den Prognosen sind wir noch mitten im Anstieg. Mitte, Ende Februar, Anfang März soll unsere Hauptrunde ja schon zu Ende sein.

Bekommt die DEL noch alle Spiele durchgezogen?
Ich befürchte, irgendwann wird der Punktequotient greifen. Für Iserlohn kann ich mir kaum vorstellen, wie die ihre Partien noch alle durchbekommen wollen. Da muss die DEL vielleicht auch andere Wege gehen.

Sie meinen zum Beispiel, Spiele auszutragen die austragbar sind, wie das jetzt Augsburg, das eigentlich gegen Wolfsburg gespielt hätte, mit Iserlohn macht?
Ja. Solange noch Abstieg stattfinden soll, sollten alle Spiele gespielt werden, es wäre sportlich einfach nicht fair, wenn man absteigen müsste und nicht alle Spiele ausgetragen hat. Man sollte versuchen, es irgendwie hinzubekommen. Es wird immer schwieriger, ich hoffe, es gibt nach der Pause eine klare Linie und sei es dann eben: Wenn eine Mannschaft nicht antreten kann, wird das Spiel als nicht ausgetragen gewertet.


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Die Klubs fordern immer lauter, wieder (mehr) Fans zuzulassen...
Das ist auch ein Thema, das man diskutieren kann. Ich glaube schon, dass bei 25 Prozent oder 50 Prozent Auslastung und wenn die Regeln eingehalten werden, der Sport kein Pandemietreiber ist. Andererseits: Weicht man diese Regeln auf, reduziert das dann vielleicht auch den Respekt vor anderen Maßnahmen. Das ist ein schwieriges Thema. Aber ich persönlich glaube, Zuschauerzulassung wäre in einem vertretbaren Rahmen kein Pandemietreiber. Was ich mir wünsche ist klar: das ist ausverkauft. Bei dem Thema fällt mir aber noch etwas anderes ein...

Nämlich?
Manche Klubs jammern, jammern, jammern, Zuschauer, wir können nicht überleben - und verpflichten kurze Zeit später Spieler. Da sage ich sorry, das passt für mich nicht zusammen.

Sie waren im Vorfeld nicht so optimistisch für einen reibungslosen Ablauf dieser Spielzeit, wie ist es denn für die nächste, die wahrscheinlich ihre letzte sein wird?
Ganz wichtig fände ich, dass wir uns als Liga besser darauf vorbereiten, dass wir da nicht wieder blauäugig rangehen wie diesmal, denken, dass die Sache vorbei ist. Ich hoffe, dass es vorbei geht. Aber keiner weiß es. Kommt womöglich noch einmal eine andere Corona-Variante? Da muss man sich als Liga einen Plan B überlegen, für den Fall dass es wieder schlecht läuft.

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