06. Februar 2020 / 06:00 Uhr

Ex-Eishockey-Bundestrainer Marco Sturm über die Arbeit in der NHL, deutsche Talente und Superstar Leon Draisaitl

Ex-Eishockey-Bundestrainer Marco Sturm über die Arbeit in der NHL, deutsche Talente und Superstar Leon Draisaitl

Christian Müller
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ex-Eishockey-Bundestrainer Marco Sturm wünscht sich mehr Einsätze junger deutscher Spieler in der Deutschen Eishockey Liga (DEL).
Ex-Eishockey-Bundestrainer Marco Sturm wünscht sich mehr Einsätze junger deutscher Spieler in der Deutschen Eishockey Liga (DEL). © imago images/Action Pictures/Montage
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Ex-Eishockey-Bundestrainer Marco Sturm spricht vor den Länderspielen des "Top Team Peking", einer Perspektivmannschaft für Olympia 2022, gegen die Schweiz über die Entwicklung des deutschen Eishockeys, Superstar Leon Draisaitl und die Arbeit in der NHL.

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SPORTBUZZER: Marco Sturm, Sie wollten nie Trainer werden. Dann kamen die deutsche Nationalmannschaft und die NHL. Haben Sie sich falsch eingeschätzt?

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Marco Sturm (42): Nein, das war wirklich so. Nach meiner Spielerkarriere war erst einmal Ruhe angesagt. Ich wollte mich auf meine Kinder und meine Familie konzentrieren. Und das habe ich auch gemacht. Danach ging es ziemlich schnell. Ich war viel im Nachwuchs in den USA tätig, dann kam irgendwann der Anruf von DEB-Präsident Franz Reindl.

Dass in Ihnen auch ein Trainer schlummert, haben Sie aber offenbar nicht sofort erkannt.

Absolut nicht. Ich persönlich dachte immer, dass ich nicht der Typ dafür bin. Aber auch wenn es nur bei den Junioren war, habe ich schnell gemerkt, dass mir das Trainerleben gefällt. Ich fand auch, dass ich ganz okay bin und dass ich durch meine Erfahrung – egal ob in Europa oder in der NHL - viel gelernt habe.

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Umgang mit den Spielern größte Trainer-Herausforderung

Welche Eigenschaften sind für einen Trainer wichtig, um bei einer Mannschaft anerkannt zu sein?

Egal in welcher Sportart, hat sich der Umgang mit den Spielern verändert. Die heutige Generation tickt anders als wir früher. Es ist enorm wichtig, wie man mit Superstars oder anderen Spielern umgeht und wie man sie ausbildet. Das ist die größte Herausforderung.

Eingestiegen sind Sie bei den Los Angeles Kings im November 2018 als Assistent von Willie Desjardins, im April 2019 kam Todd McLellan. Was unterscheidet die beiden?

McLellan ist direkter in der Kommunikation mit Spielern, in der Trainingsgestaltung und in der Videoanalyse. Man merkt, dass er schon lange im Geschäft ist und großen Erfolg hatte. Das kommt bei den Spielern gut an.

Die deutschen Spieler in der NHL

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Dominik Kahun (Jahrgang 1995, Center bei den Edmonton Oilers) ©

Europäische Trainer haben es in der NHL schwierig

War es nach drei Jahren als Cheftrainer schwierig, sich daran zu gewöhnen, dass Sie nicht mehr das letzte Wort haben?

Überhaupt nicht, im Gegenteil. Als Co-Trainer in der NHL hat man trotzdem genügend Arbeit und viele Bereiche, auf die man sich vorbereiten muss. Wir haben in der Woche drei, vier Spiele. Man muss ständig die gegnerische Mannschaft analysieren, hat mit unterschiedlichen Systemen zu tun. Das ist eine ganz andere Herausforderung. Bei der Nationalmannschaft gab es zwischen den Partien viele Pausen, die man in Nordamerika nicht hat. Es war anfangs nicht so leicht, in den Rhythmus zu finden. Aber sobald man den hat, läuft die Maschine.

Warum bekommen europäische Coaches so selten eine Chance in der NHL?

Einfach nur als deutscher Trainer eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen zu gewinnen, würde nicht reichen. Ich war als Spieler schon lange in Nordamerika, hatte ein gewisses Netzwerk. Andere europäische Coaches haben Probleme, in der NHL Fuß zu fassen, weil sie niemand kennt. So jemanden zu holen ist für einen General Manager auch ein gewisses Risiko. Da geht es um sehr viel Geld, und auch um seinen eigenen Job.

Toni Söderholm, Ihr Nachfolger als Bundestrainer, ist mit dem Team WM-Sechster geworden. Also alles in bester Ordnung im deutschen Eishockey?

Alle können damit zufrieden sein, wie wir momentan dastehen. Zugleich ist das die große Gefahr. Man könnte denken, wenn es so gut läuft, muss man nichts mehr tun, um besser zu werden. Aber man muss den Zukunftsweg weitergehen. Ich hoffe, dass der Verband und die Ligen da mitziehen.

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Sturm: Anzahl der Ausländer in der DEL "in kleinen Schritten reduzieren"

Sie haben sich als Bundestrainer dafür starkgemacht, dass die DEL-Klubs die Anzahl der Importspieler reduzieren, auch der DEB hat dies eingefordert. Wie lassen sich die Bedenken der Vereine zerstreuen?

Am Ende entscheidet die Liga, wie viele Ausländer in der DEL spielen. Der Verband kann nur Vorschläge machen. Auf einmal den großen Schnitt zu machen funktioniert nicht. Aber ich hoffe, dass man die Zahl der ausländischen Spieler in kleinen Schritten reduziert, um mehr junge deutsche Akteure in der heimischen Liga spielen zu lassen. Wenn für sie kein Platz ist, wird es schwierig, unter den Top 8 der Welt zu bleiben.

Wie groß ist die Gefahr, dass andere Spieler sich hinter einem Weltstar wie Leon Draisaitl verstecken?

Generell können wir alle froh sein, dass wir einen Spieler wie ihn haben. So einen Spieler bekommt Deutschland vielleicht nie wieder. Das ist ein Geschenk für uns alle. Natürlich kann es sein, dass der eine oder andere ein wenig in den Hintergrund gerät, wenn einer wie Leon dabei ist. Aber man muss das große Bild sehen – und das ist positiv.

Gibt es für Sie die Option, dauerhaft nach Deutschland zurückzukehren – sei es beim DEB oder in der DEL?

Ich habe damals immer gesagt, ich werde nie Trainer – dann wurde ich es doch. Als ich nach Deutschland zurückkehrte, habe ich gesagt, dass ich dort vielleicht bleibe. Das hat sich dann auch schnell wieder erledigt. Die Nationalmannschaft bleibt immer ein Thema für mich. Aber im Moment ist das ziemlich weit weg.