16. Oktober 2020 / 14:14 Uhr

Eishockey-Nationalspieler Fauser: Müssen mit null Zuschauern kalkulieren!

Eishockey-Nationalspieler Fauser: Müssen mit null Zuschauern kalkulieren!

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Fauser
Schwere Zeiten: Nationalspieler Gerrif Fauser von den Grizzlys Wolfsburg hofft fest auf einen Start der DEL-Saison rechnet dabei aber mit null Zuschauern. © Nadine zur Nieden /Getty Images
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Die Pause wird lang und länger, ob im Eishockey-Oberhaus überhaupt noch gespielt wird, entscheidet sich Anfang November. Dabei war das deutsche Eishockey im Aufwind. Über die Befindlichkeiten im Wartestand, die Sorgen und Ängste der Profis spricht Gerrit Fauser, Olympia-Silber-Gewinner von den Grizzlys Wolfsburg, im SPORTBUZZER-Interview.

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25-prozentiger Gehaltsverzicht, Kurzarbeit, zweimal wurde der DEL-Start schon verschoben, einige Spieler haben sich ins Unterhaus ausleihen lassen - das deutsche Spitzeneishockey wackelt. Den Grizzlys Wolfsburg geht es vergleichsweise sogar noch gut. Doch die Lage zerrt auch an ihren Nerven. Wie sie mit der Corona-Situation umgehen, darüber spricht Nationalspieler Gerrit Fauser, der auch zum Kapitäns-Team der Grizzyls Wolfsburg zählt.

Wie geht es Familie Fauser?
Gut. Die Familie ist fit. Mir geht es gut. Aber natürlich ist man immer noch – und wieder – besorgt um die Situation.

Im Sommer gab es die Gelegenheit, mal wieder die Familie zusammenzuführen, Sie hatten sich sehr drauf gefreut, auch mal wieder Ihre Eltern zu sehen, die in Bayern leben. Wie lief das?
Bei meiner Familie war es gut, dass die Tests in Bayern kostenlos waren. Und es war toll, dass sie es immer auf sich genommen haben, sich vorher testen zu lassen, bevor sie zu uns hochgefahren sind. Da haben alle Rücksicht genommen.

Sportprofis und Sportler allgemein müssen stets noch einen Aspekt berücksichtigen, der über die Familie hinausgeht...
Genau. Bei uns Grizzlys wollen wir uns natürlich so gut absichern wie es nur geht, weil wir uns fit halten wollen. Es ist klar, dass wir da obervorsichtig sind, damit wir nichts in die Kabine bekommen.

Ihr Ältester ist im Kindergartenalter…
Zum Glück sind wir in der Region noch nicht so stark betroffen. Wenn wir in einer Hotspot-Region wären, müsste man schon verstärkt bedenken, wie lange das noch okay ist und wann es vielleicht verboten wird.

Die Grizzlys sind wieder in Kurzarbeit, wie läuft das ab?
Wir haben das Glück, dass uns der Verein alles zur Verfügung stellt. Wir können aufs Eis, wann wir wollen, das Equipment nutzen, dadurch verlieren nicht so viel von dem, was wir uns erarbeitet haben. Es wäre ein Schritt zurück, dann hätte man das alles für nichts gemacht, was wir uns zuvor erarbeitet haben, wenn wir jetzt wieder einen Monat nichts machen würden. Wir sind da zum Glück gut aufgestellt. Wir hoffen und warten, was sich Anfang November ergibt.

Wie ist die mentale Verfassung in so langer Ungewissheit?
Wir sind alle echt froh, dass wir trainieren dürfen. Zwischenzeitlich hatten viele ja bezweifelt, ob wir überhaupt wieder anfangen können, ob es überhaupt erlaubt wird. In der Zeit des totalen Lockdowns, da habe ich mir Sorgen gemacht, ob wir wieder so in der Gruppe sein dürfen, wie wir es jetzt sein können. Wir froh dass es wieder geht, die Mannschaft findet es auch klasse, dass wir so viel Zeit und Möglichkeiten haben, uns vorzubereiten. Das kann im Hinblick auf die Saison ein Vorteil sein, wenn wir dann schon drei Monate trainiert haben, andere nicht oder mit längeren Pausen. Das wollen wir nutzen. Das merkt man auch im Training.

Es gab aber auch einen Tiefpunkt?
Es gibt natürlich auch mal Tage, wo es schwieriger ist. Kein Geheimnis - der Tag, an dem der Start erneut verschoben wurde, an dem war es für uns alle schwer, aufs Es zu gehen, Motivation zu finden. Aber das ist ganz normal. Für die Situation, in der wir stecken, kann ich sagen, ist die Stimmung in der Mannschaft unglaublich gut. Ich bin froh, dass wir das momentan so halten können.

Guckt man noch jeden Tag auf die Corona-Zahlen?
Ja. Natürlich guckt man auf die Entwicklung. Aber im Moment nicht mehr in der Verbindung mit der DEL. Die Zahl, mit der wir rechnen müssen und darüber muss sich jeder Verein, glaube ich, im Klaren sein, ist die Zahl null - dass wir mit null Zuschauern kalkulieren müssen. Da brauche ich nicht jeden Tag auf die Infektionszahlen zu schauen. Natürlich hoffe ich, dass die so niedrig wie möglich bleiben. Aber für die Liga muss man nichts hochrechnen, spekulieren, zumal es sich immer wieder mal explosionsartig verändern kann, selbst wenn es vorher gut aussieht. Wir können jetzt einfach nur hoffen, dass alle Klubs es hinkriegen, dass sie eine Möglichkeit finden, es zu finanzieren, dass wir irgendwie spielen können.

Sonst?
Natürlich würden wir am liebsten vor Fans spielen. Das macht es ja auch aus. Aber das Schlimmste wäre, gar nicht zu spielen, das wäre für die Spieler schlecht, für den Sport schlecht, die Nationalmannschaft schlecht. Und ein Jahr komplett ohne Eishockey, das, so glaube ich, würde den Fans mit Sicherheit nicht gefallen, die gucken sich das bestimmt im Fernsehen an, bevor sie gar nichts sehen. Und wer weiß, vielleicht, wenn sich die Lage bessert, dürfen wir dann irgendwann Leute rein lassen. Ein Start aber wäre enorm wichtig.

Momentan würde die DEL sonst viel Potenzial ungenutzt lassen müssen. Das DEB-Team ist amtierender Olympia-Zweiter, Sie standen auch im Team, Leon Draisaitl wurde jüngst zum wertvollsten Spieler der NHL gewählt, mit Tim Stützle und Lukas Reichel waren gleich zwei Deutsche Erstrunden-Draft-Picks in der NHL - ein Novum.
Richtig, es hat sich einiges vorwärts entwickelt in unserem Sport, wir haben uns viel erarbeitet in den letzten Jahren. Starten wir in der DEL nicht, würde uns das ganz schon zurückwerfen.

Mehr zu den Grizzlys Wolfsburg

Einige Vereine leihen jetzt Top-Spieler in die 2. Liga aus, wo es am 6. November losgehen soll. Nürnbergs Patrick Reimer geht zum ESV Kaufbeuren, Kölns Moritz Müller zu den Kassel Huskies, Nürnbergs Marcus Weber zum SC Riessersee, wobei das jeweils quasi ihre Heimatklubs sind. Wie sehen Sie den Leih-Trend?
Das passiert ja eher da, wo noch nicht oder nicht so viel trainiert wird. Ich verstehe es, wenn Klubs jetzt sagen, wir gehen kein Risiko, lieber sparen wir das Geld jetzt – und sie können dann am Ende spielen. Wo jetzt noch nicht oder nicht viel trainiert wird, ist das eine super Sache für die Jungs, die fit bleiben wollen. Am Ende macht es ja auch Spaß, auf dem Eis zu sein. Für mich ist das momentan noch kein Thema, auch in der Mannschaft noch nicht wirklich, weil wir ja die Möglichkeit haben, uns super vorzubereiten. Aber sollte natürlich die DEL entscheiden, dass wir gar nicht spielen, aber die 2. Liga oder andere Ligen, eventuell auch im Ausland, spielen, dann ist das mit Sicherheit für viele eine Option, oder Überlegung, bevor sie ein Jahr zu Hause sitzen.

Am Ende ist das womöglich nicht einmal mehr nur eine Frage des Verdienstes...
Genau, ein Spieler, der ein Jahr gar nicht spielt - puuuh, da brauchst du dann schon ein bisschen länger, bis du wieder reinkommst. Zum Glück ist das noch nicht so in meinen Gedanken, und ich hoffe, dass ich nicht in die Situation komme, dass ich mir darüber Gedanken machen muss.

Ist es am Ende nicht irgendwann auch mal zu viel Vorbereitungszeit?
Finde ich nicht. Wir hatten intensive Wochen, jetzt machen wir in Eigenregie natürlich weniger. Aber, und das finde ich echt cool, ich kann an Sachen arbeiten, die mich schon lange ärgern, wofür man sonst oft in der Teamvorbereitung zwischen den Partien kaum Zeit hat. Und für die jungen Spieler ist es auch super, intensiver an speziellen Dingen auf dem Eis arbeiten zu können. Trotzdem, wir wollen spielen. Das ist jetzt meine längste Eishockey-Pause aller Zeiten. Das ist nichts, was ich wiederholen möchte.