26. Juli 2020 / 12:55 Uhr

Eishockey-Rekordspieler Furchner zur DEL-Saison: "Bin optimistisch, aber manchmal auch unsicher"

Eishockey-Rekordspieler Furchner zur DEL-Saison: "Bin optimistisch, aber manchmal auch unsicher"

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Grizzlys-Kapitän Sebastian Furchner: Das Thema Corona beobachtet er aufmerksam.
Grizzlys-Kapitän Sebastian Furchner: Das Thema Corona beobachtet er aufmerksam. © Gero Gerewitz
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Kein aktiver DEL-Spieler hat mehr DEL-Partien (1030) auf dem Buckel als er. Seine Stimme hat Gewicht. Bei den Grizzlys Wolfsburg, wo er Kapitän ist und im Eishockey-Oberhaus. Vor seiner vielleicht letzten Saison spricht Sebastian Furchner (38) im SPORTBUZZER-Interview über Corona, seine Befindlichkeit, Sorgen und Hoffnung mit Blick auf eine ganz besondere Spielzeit.

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Herr Furchner, als Eishockey-Profi und als Familienvater mit zwei Schulkindern behalten Sie die Corona-Situation wahrscheinlich sehr genau im Blick?
Auf jeden Fall. Und da gibt es Dinge, die mich nachdenklich machen. Warum war es so schwierig, freiwillig einen Corona-Test zu bekommen? Warum werden Teststationen abgebaut, was ist aus dem Corona-Drive-In in Wolfsburg geworden? Jetzt ist Urlaubszeit, viele Menschen werden aus verschiedensten Ländern zurückkehren. Mit dem Flugzeug, aber viele auch mit dem Auto. Kann sich jeder, der möchte, wirklich schnell testen lassen? Jetzt tut sich ja was in Sachen Tests. Aber hoffentlich ist das auch schnell umsetzbar. Wann die Ferienzeit ist, wusste man doch seit Monaten.

Sebastian Furchner vor seinem 1000. DEL-Spiel

Sie haben im Mai gesagt, Sie würde vor allem ein Konzept interessieren, wie man wieder spielen kann. Jetzt gibt es ein Konzept, wie finden Sie es?
Es sieht schon ganz gut aus. Es wird eine große Herausforderung, das alles umzusetzen, manches wird ähnlich wie in der Fußball-Bundesliga. Erst einmal muss man alles haargenau umsetzen, dann vielleicht nachjustieren. Es ist verständlich, erst einmal unter größtmöglichen Sicherheitsvorkehrungen zu starten. Vorsicht ist erst einmal besser. So kommt man dahin, dass man sagt, man kann wieder Eishockey spielen.

Waren Eishockey-Profis an der Konzept-Erstellung beteiligt?
Das weiß ich nicht genau, glaube ich aber nicht. Diese Dinge betreffen uns zwar, aber das müssen Mediziner oder Leute von Liga und Verband klären, das muss von oben kommen, hauptsächlich vom Gesundheitswesen. Das ist die erste Instanz.

Werden genug Zuschauer zu den Spielen kommen dürfen? Länger ohne geht ja nicht, sagt die Ligenleitung?
Das Stadionerlebnis wird ein anderes als in den Jahren zuvor und ein anderes als es hoffentlich wieder sein wird, wenn ein Impfstoff gefunden ist. Ich glaube, jeder der Livesport sehen will, wird sich daran anpassen. Hygiene, die Kontakt-Nachverfolgung, Mund-Nasenschutz - das wird besonders wichtig werden. Und: gegenseitige Rücksichtnahme. Da müssen wir jetzt alle zusammen durch. Und jeder, der will, dass unser Sport gemacht wird, wird damit umgehen und sich dran halten. Ich bin optimistisch, aber manchmal auch unsicher. Was passiert, wenn es einen Corona-Fall gibt? Letztlich sage ich aber: In irgendeiner Form muss es weitergehen. Dass die Regierung es unterstützt mit dem Hilfspaket, ist gut, wir müssen irgendwie ins Spielen kommen. Was für ein Imageschaden wäre das, wenn wir ein Jahr nicht spielen? Und die Vereine würden das nicht überleben. Ich glaube fest, wir werden eine Saison spielen. Sie wird interessant und es wird auch anstrengend für die Spieler werden, aber alle werden froh sein, wenn sie auf dem Eis stehen.

Furchner-Ehrung in Wolfsburg

Die Furchner-Ehrung in Wolfsburg Zur Galerie
Die Furchner-Ehrung in Wolfsburg © Boris Baschin / Jürgen Braun

Der Spielplan - sie sagten, er wird straff. Wie wirkt sich das aus?
Es wird viele Spiele in weniger Zeit geben. Es wird sehr komplex. In allen Bereichen. Zum Beispiel: Weniger Training, wir müssen, wenn es los geht, extrem fit sein. Viele Spiele in kurzer Zeit erhöhen das Verletzungsrisiko, das erfordert wiederum einen eher breiteren Kader. Wenn bislang einer mit Erkältungssymptomen ausfiel, blieb er zwei drei Tage vom Training weg. Jetzt wird er länger wegbleiben. Da brauchst du also eigentlich mehr Spieler. Die Vereine werden es unterschiedlich handhaben, breiter mit mehr gestandenen Spielern oder breiter mit mehr jungen Spielern. Das wird eine Philosophiefrage sein. Dazu ist es aber auch eine finanzielle. Wenn alles finanziert ist, sind wir alle froh, dann kommen wir alle gut finanziell aus der Sache raus. Man darf aber von Klubseite nicht überpacen nach dem Motto ,ich habe kein Geld', verhandele über eine Gehaltsreduzierung und setze dann aber drei Spieler auf die Tribüne. Da packen sich dann ja alle an den Kopf. Das ist jetzt ein Spagat, dem die Manager ausgesetzt sind.

Mit Jannik Möser und Phil Hungerecker sind zwei junge Spieler neu dazugekommen, dazu mit Dustin Strahlmeier ein neuer Torwart. Sie haben sie im Sommertraining schon näher kennen gelernt. Ihr Eindruck?
Was ich so gesehen habe, sind die Jungen wahnsinnig gut trainiert. Die Wahrheit liegt natürlich auf dem Eis, das ist klar. Du kannst der größte Hulk sein, wenn du es nicht aufs Eis bringst, nützt das nichts. Sie sind sehr konzentriert, fokussiert, fleißig, das macht schon Spaß, sie zu sehen. Strahlie ist ein eindrucksvoll positiver und netter Kerl. Ich mag ihn nach den ersten Eindrücken. Er arbeitet konzentriert und fokussiert. Wichtig für mich ist, dass er die Pucks hält und in der Kabine ein positiver Typ ist.

Philip Bruggisser, der neue Abwehr-Däne, war kurzzeitig dabei...
Nur zwei Tage, da kann ich wenig zu den Eindrücken aus dieser Phase sagen. Aber er ist sehr nett und was ich sagen kann: Aus der Phase während der Telefonmeetings zur Gehaltsstundung, wo ich natürlich auch die Neuen angesprochen habe, ihre Meinung auch hören wollte, da hat er sich sehr gut eingebracht. Das fand ich super positiv.

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Wie hat sich dieser lange Sommer für Sie angefühlt?
Ich bin Eishockeyspieler, kein Gewichtheber, kein Fahrradfahrer, kein Langläufer - klar, jede Nachricht, die die Saison weiter nach hinten schob, war wie ein Tiefschlag. Aber es ist auch verständlich, warum man das auf November geschoben hat. Ich versuche das positiv zu nehmen. Es ist auch ein Monat mehr Zeit, sich vorzubereiten. Kondition wird ein wesentlicher Faktor werden. Aber eins ist auch klar, das Spiel fehlt einem schon extrem.

Waren Sie in diesen Wochen schon mal irgendwo auf dem Eis? Das haben ja auch Grizzlys in früheren Sommern schon mal gemacht?
Nein, es macht auch keinen Sinn, wenn wir erst Ende August Eis haben, jetzt mal irgendwo zwischendurch einmal auf das Eis zu gehen.

Ab 23. August soll es in der Wolfsburger Eis-Arena wieder Eis geben, wahrscheinlich werden Sie es dann wie stets als einer der Ersten betreten?
Mit Sicherheit.

Sie sind Rekord-Aktiver im Oberhaus, haben noch eine Saison angehängt: diese. Ist es die letzte?
Naja, ich habe dieser Tage schon mal mit meinem Ex-Mitspieler, Freund und Co-Trainer Tyler Haskins drüber gesprochen. Ich bin selbst gespannt. Ich habe in diesem Sommer 40 Prozent mehr trainiert als in den Jahren zuvor. Wenn sich das entsprechend auswirkt, ist alles offen. Wirkt sich das nicht aus, ja dann könnte mit dann fast 39 Schluss sein. Aber erst einmal wollen wir alle spielen.