07. Februar 2021 / 10:07 Uhr

Eiskunstlauf-Legende Peggy Schwarz: „Sport hat mir das Leben gerettet“

Eiskunstlauf-Legende Peggy Schwarz: „Sport hat mir das Leben gerettet“

Steffen Enigk
Leipziger Volkszeitung
Peggy Schwarz und Mirko Müller 1999 bei der Paarlauf-EM in Prag.
Peggy Schwarz und Mirko Müller 1999 bei der Paarlauf-EM in Prag. © Peter Schatz/Bongarts/Getty Images
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Peggy Schwarz hatte keine einfache Kindheit und flüchtete sich quasi ins Eiskunstlaufen, welches ihr Kraft gab. Inwischen bringt die gebürtige Berlinerin in Dresden Jugendlichen und Erwachsenen das Kunstlaufen bei. Bei jedem Heimspiel des FC Grimma ist die ehemalige deutsche Meisterin dabei und froh, wenn ihr Sohn Michel heil vom Platz kommt.

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Grimma. Wenn Michel Schwarz über seine Mutter spricht, gerät er ins Schwärmen. „Sie ist topfit“, meint der 25-jährige Kapitän der Grimmaer Oberliga-Fußballer, „manchmal postet sie Videos mit Pirouetten, da glaubt man nicht, dass sie bald 50 wird. Wahnsinn, was sie noch draufhat.“

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Peggy Schwarz freut sich über das Kompliment. „Das hat er nett gesagt. Aber es stimmt schon, die Eishalle ist immer noch mein Wohnzimmer.“ Die gebürtige Berlinerin arbeit als Erzieherin an einer Grimmaer Kita und fährt an den Sonntagen – wenn nicht die Pandemie wie derzeit ein Stoppzeichen setzt – früh um 5.30 Uhr nach Dresden. Dort bringt sie ab 7 Uhr als Honorar-Trainerin beim DEC Kindern und Erwachsenen das Kunstlauf-Einmaleins bei.

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Nur ihr Sohn wollte partout kein Kringeldreher werden. „Wir waren zusammen auf dem Eis, er war richtig gut, hat aber nach dem ersten Ballett-Training gesagt. Da gehe ich nie wieder hin.“ Michel jagte lieber dem runden Leder nach, wie sein Vater Heiko Brestrich einst beim BFC und beim VfB Leipzig.

Eiskunstlaufen als Lebensretter

Peggy Schwarz jedoch fand auf dem Eis Erfüllung und Erlösung von der heimischen Hölle. Sie begann bereits mit dreieinhalb Jahren. „Meine Großmutter brachte mich zum Training zu Dynamo Berlin. Ich hatte Glück, dass ich Talent besaß und bleiben durfte. Denn ich wollte nur eins: zu Hause raus.“

Ihren Vater kannte sie nicht, ihre Mutter war Alkoholikerin. „Sie hat oft gesagt: Hör auf mit dem Scheiß.“ Peggy aber machte weiter, bestand ihre Eislauf-Prüfungen. „Nach der ersten, da war ich ungefähr fünf, hat mich Heinz-Florian Oertel interviewt. Ich war stolz und hoch motiviert, habe täglich trainiert.“ Später durfte sie aufs Internat. Heute weiß Peggy Schwarz: „Der Sport hat mir das Leben gerettet.“

Drei deutsche Meistertitel mit Mirko Müller

Als Neunjährige wurde sie Paarläuferin, mit 16 und ihrem zweiten Eis-Partner Alexander König kam der große Erfolg: DDR-Meister, gleich bei ihrer ersten Europameisterschaft 1988 in Prag die Bronzemedaille und Platz sieben bei den Spielen in Calgary. Drei weitere Olympia-Teilnahmen sollten folgen, noch einmal zwei weitere siebente Ränge und ein neunter. „Aber meine ersten Spiele waren die schönsten. Wir waren drei Wochen in Kanada, konnten die Atmosphäre  genießen, viele andere Sportarten verfolgen“, erzählt Peggy Schwarz, „nach der Wende war das anders, da mussten wir kurz nach unserem Wettkampf abreisen. Außerdem war in der DDR die gesellschaftliche Anerkennung der Sportler weit höher. Wir hatten Top-Bedingungen und waren finanziell abgesichert.“

Eiskunstläuferin Peggy Schwarz und ihr Partner Alexander König
Peggy Schwarz hier mit ihrem damaligen Eis-Partner Alexander König. © privat

1995 legte sie eine Babypause ein (Michel), ihre Beziehung zu Heiko Brestrich hielt aber nicht lange. Dennoch kämpfte sich Peggy Schwarz in die Weltspitze zurück. Mit ihrem dritten Partner Mirko Müller holte sie drei deutsche Meistertitel, zwei vierte Ränge bei Europameisterschaften und als Krönung die Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft 1998 in Minneapolis.

Die innere Lockerheit vergangener Tage gewann sie indes nicht wieder. „Es ging nur noch ums Geld, wir mussten fast alles selbst finanzieren: Choreographen, Kostüme, die Musik. Die Trainer vom Verband waren nur für das Eis zuständig. Wir brauchten für die folgende Saison immer um die 10.000 Mark, die haben wir beim Schaulaufen nach den Großereignissen verdient.“

Abruptes Karriereende nach 13 Jahren in der Weltspitze

Emotional weit schlimmer für die alleinerziehende Mutter ohne familiären Rückhalt: Sie musste den kleinen Michel während ihrer Wettkampfreisen zurücklassen, „zuerst bei fremden Leuten, später bei Freunden. Und mir war stets bewusst, dass ich auf dem Eis erfolgreich sein muss, um für mich und meinen Sohn die Existenz zu sichern. Dieser Druck war enorm.“

Genauso wie ihre Enttäuschung, als sie von Mirko Müller nach der WM 2000 abserviert wurde. „Er hat mir bei einem Kaffee so nebenbei gesagt, dass er nicht mehr mit mir laufen wird. Er hatte sich bereits eine jüngere und zehn Kilo leichtere Partnerin gesucht. Alle wussten schon Bescheid, nur ich nicht. Das war ein Schock.“ Und für Peggy Schwarz, damals 29, das abrupte Karriereende nach 13 Jahren in der Weltspitze.

Was nun? Sie hatte eine Ausbildung zur Erzieherin begonnen, durfte diese aber erst nach einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit fortsetzen und brauchte einen Job. Ein Fax aus Grimma brachte die Rettung: Der damalige ESV suchte eine Trainerin, Peggy zog mit Michel nach Sachsen und blieb. 14 Jahre lang betreute sie an der Mulde erfolgreich Eislauf-Talente, bis es wegen einer Insolvenz nicht mehr weiterging und noch eine Station als Trainerin in Halle folgte. Und da sie von ihrem geliebten Sport nicht lassen kann, gibt sie ihre Erfahrungen nun in Dresden weiter.

„Fußball erscheint mir brutal hart“

Peggy Schwarz fand in Grimma eine neue Heimat, neuen Mut und einen neuen Lebenspartner , wurde noch einmal Mutter. 2004 kam Michels Halbbruder Kimi zur Welt. Auch er wurde kein Eisläufer. Der 16-Jährige frönt einer anderen Leidenschaft, betreibt Segelfliegen in Oschatz. „Seit einem Hubschrauberflug will Kimi Pilot werden.“ Aber auch die Beziehung zu Kimis Vater ging nach elf Jahren auseinander.

Ihre Söhne habe sie immer bedingungslos unterstützt, sagt Peggy Schwarz noch. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie sich eine Kindheit ohne Liebe anfühlt. „Ich gehe heute noch zu jedem Heimspiel von Michel, auch wenn mir Fußball brutal hart erscheint und ich stets froh bin, wenn er heil vom Rasen kommt.“

Unter den Pandemie-Bestimmungen leidet auch Familie Schwarz. Kimi, der zu Hause vor dem Computer hockt, darf nicht zum Segelfliegen, Michel nicht zum Fußball, Peggy nicht in die Eishallen und nicht zum Zumba-Tanzen, ihrem zweiten Fitness-Standbein. „Ich hoffe, dass sich das bald wieder ändert. In meiner Kita-Gruppe habe ich vier bis sechs Kinder in der Notbetreuung. Ich versuche, mit ihnen täglich eine Stunde Spazieren zu gehen und viel Sport zu machen. Wir alle brauchen Bewegung“, meint Peggy Schwarz. Es müssen ja nicht Pirouetten auf dem Eis sein. „Aber ich werde weiter welche drehen. Das Eiskunstlaufen hat mir unendlich viel gegeben.“