16. Februar 2018 / 06:00 Uhr

Eisschnelllauf-Star Claudia Pechstein im Interview: "Warum tust du dir das an?"

Eisschnelllauf-Star Claudia Pechstein im Interview: "Warum tust du dir das an?"

Peter Stein
Märkische Allgemeine Zeitung
Claudia Pechstein sammelte schon neun Olympische Medaillen - darunter fünf goldene.
Claudia Pechstein sammelte schon neun Olympische Medaillen - darunter fünf goldene. © Getty
Anzeige

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein verschiebt bei Olympia 2018 Altersgrenzen. Holt sie mit 45 Jahren nochmal eine Medaille?

Anzeige

SPORTBUZZER: Frau Pechstein, hätten Sie mal daran gedacht, mit fast 46 Jahren noch an Olympischen Spielen teilzunehmen?

Anzeige

Sicher nicht. Aber es ist so gekommen. Wäre ich Sprinterin gewesen, hätte ich sicher schon lange aufgehört. Aber auf der Langstrecke ist es noch möglich, Weltklasseleistungen zu bringen. Mein gefühltes Alter ist mal so, mal so. Manchmal spüre ich schon, dass ich keine 21 mehr bin. Ich regeneriere langsamer.

Können Sie sich noch an Ihre ersten Olympischen Winterspiele vor 26 Jahren in Albertville erinnern?

Natürlich, das vergisst man nicht. Ich hatte mich als 19-Jährige auf den letzten Drücker qualifiziert, war mit den 5000 Metern erst am Ende dran. Ich habe damals bei Olympia 14 Tage trainiert. Auf dem Zimmer war Christa Luding wie eine Mama für mich. Sie hat sich rührend um mich gekümmert. Dann war der Wettkampf. Ich bin gelaufen und in die Kabine gegangen zum Umziehen. Dann hat mir einer gesagt, ich solle zur Siegerehrung kommen. Ich wusste gar nicht, dass ich Dritte geworden war. Ich dachte, ich solle nur zuschauen kommen. Ich hatte nicht mal die offiziellen Klamotten für die Siegerehrung dabei.

Wären Sie nicht vom Weltverband ohne positiven Dopingtest wegen eines erhöhten Blutwertes gesperrt worden, könnten es schon die achten Spiele sein. Ärgert Sie das noch immer?

Der Ärger wird wohl nie verflogen sein. Andererseits wäre ich jetzt vielleicht nicht in Pyeongchang. Ich hätte nicht meinen Partner Matthias Große kennengelernt. Wir haben gemeinsam seit 2010 einen sehr schönen Weg zurückgelegt. Da möchte ich keinen Tag missen. Ich bereue nichts.

Olympia 2018: Goldhoffnung Claudia Pechstein

Pechstein feiert bei der EM 2006 im Mehrkampf im norwegischen Hamar ihren Europameistertitel. Sie sichert sich den Gesamtsieg mit einem zweiten Platz über 5000 Meter. Zur Galerie
Pechstein feiert bei der EM 2006 im Mehrkampf im norwegischen Hamar ihren Europameistertitel. Sie sichert sich den Gesamtsieg mit einem zweiten Platz über 5000 Meter. ©

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat Sie rehabilitiert, als klar war, dass Sie Blutanomalie von Ihrem Vater geerbt haben. Wie sehr belastet Sie da der fortwährende juristische Streit mit der Internationalen Eislaufunion (ISU)?

Der Kampf gegen die ISU ist noch nicht zu Ende. Aber um die juristischen Dinge kümmern sich mein Mann und mein Manager Ralf Grengel. Ich weiß, dass ich mich sportlich rehabilitiert habe. Jedes gute Ergebnis ist ein Sieg gegen bestimmte ISU-Funktionäre. Die Aggression gegen diese Leute, die mir Unrecht zugefügt haben, nehme ich mit auf das Eis, das ist Motivation für mich.

Mit welchen Erwartungen sind Sie zu den Winterspielen nach Südkorea gekommen?

Grundsätzlich bin ich hier, um mein Bestes zu geben. Und wenn ich damit Vierte oder Fünfte werde, dann kann ich bei entsprechender Leistung auch stolz darauf sein. Mein Leben hängt nicht von einer Medaille ab. Ich werde keine andere sein, egal, wie ich abschneide. Die größten Chancen habe ich im Einzel sicher über 5000 Meter, weil ich da schon immer meine besten Ergebnisse erzielt habe. Diese Strecke liebe ich einfach, weil ich mich mehr als viele andere Mädels quälen kann. Da kommt es auch auf die mentale Stärke an.

Wann merken Sie, ob die Qualität des Eises gut ist oder schlecht, es schnell ist oder langsam?

Das spüre ich einfach. Ich merke jedes bisschen, jedes Krümelchen, wenn das Eis nicht passt, es also nicht so gleitet. Ich brauche schnelles Eis.

Wie viele Paar Eisschnelllaufschuhe haben Sie mit?

Ich laufe immer in denselben Schuhen, aber ich habe sechs, sieben verschiedene Paar Kufen dabei. Die kann ich wechseln, manchmal schraube ich da auch noch kurz vor dem Start um. Da wir die Kufen im Flugzeug nicht mehr im Handgepäck mitführen dürfen, habe ich sie auf verschiedene Gepäckstücke verteilt. Und mein Mann passt auf (lacht).

Anzeige

Der Goldfahrplan: Hier können deutsche Athleten abräumen

Sonntag, 25. Februar (ZDF/Eurosport): Für einen goldenen Abschluss sollen die deutschen Piloten Francesco Friedrich, Nico Walther und Johannes Lochner im Viererbob sorgen. Ab 1.30 Uhr geht er in den Eiskanal. Um 5.10 Uhr kämpfen sensationell die deutschen Eishockey-Spieler um das letzte Gold von Olympia 2018. Gegner sind die Olympischen Athleten aus Russland. Zur Galerie
Sonntag, 25. Februar (ZDF/Eurosport): Für einen goldenen Abschluss sollen die deutschen Piloten Francesco Friedrich, Nico Walther und Johannes Lochner im Viererbob sorgen. Ab 1.30 Uhr geht er in den Eiskanal. Um 5.10 Uhr kämpfen sensationell die deutschen Eishockey-Spieler um das letzte Gold von Olympia 2018. Gegner sind die Olympischen Athleten aus Russland. ©

Und wann merken Sie, dass es im Rennen läuft?

Nach den ersten zwei Runden. Wenn ich da meinen Schritt gefunden habe und im Rhythmus bin, dann mache ich einen guten Lauf. Wenn ich das Gefühl habe, die Verbindung zwischen Schlittschuh und Eis stimmt, wenn ich das Eis richtig fühlen kann, dann weiß ich, dass ich gut unterwegs bin.

Wie ist denn Ihre Form jetzt mit fast 46 Jahren im Vergleich zu früheren Jahren?

Ich war in den letzten zehn Jahren nie so stark wie in dieser Saison. Vor vier Jahren in Sotschi war der Druck viel größer, weil ich nach der Sperre zurückgekommen bin und die letzten Spiele acht Jahre zurücklagen. Ich weiß, wie ich trainieren muss. Aber ich brauche einen Trainer wie Peter Mueller, der mir täglich – auf Deutsch gesagt – in den Hintern tritt. Wenn mir die Zunge auf dem Eis klebt und ich den letzten Lauf weglassen will, dann treibt er mich noch mal an. Er meint, was getan ist, ist getan und kann mir keiner mehr nehmen. Davon profitiere ich. Natürlich hat mir der Körper hier und da auch Grenzen aufgezeigt, und manchmal habe ich mich gefragt: „Warum tust du dir das an?“ Ich habe zum Beispiel an einem Wettkampf mit Inlineskatern über 105 Kilometer teilgenommen.

Haben Sie Ihr Training in den vergangenen Jahren eigentlich noch einmal verändert?

Ich mache nichts anders, habe jetzt aber mehr auf Qualität geachtet. Das Krafttraining wurde noch mal ausgebaut. Ich habe aber meine Ernährung umgestellt, halte die Vorgaben eines Ernährungsberaters konsequent ein und muss auf die geliebte Schokolade verzichten. Matthias ist der Meinung, ich wiege jetzt acht Kilo weniger (lacht).

Sie trainieren mit einem von Ihnen bezahlten internationalen Männerteam. Warum?

Weil ich keine Frau als Trainingspartnerin auf meinem Niveau mehr habe. Früher mit Anni Friesinger war das noch anders.

Olympia 2018: Alle Goldmedaillen-Gewinner

Laura Dahlmeier gewann in Pyeongchang schon zwei Goldmedaillen. Aber wie sieht's mit den anderen Olympiasiegern aus? Der SPORTBUZZER gibt einen Überblick über die bisherigen Gewinner. Zur Galerie
Laura Dahlmeier gewann in Pyeongchang schon zwei Goldmedaillen. Aber wie sieht's mit den anderen Olympiasiegern aus? Der SPORTBUZZER gibt einen Überblick über die bisherigen Gewinner. ©

Ist nach den Spielen in Südkorea Schluss?

Bei der Einkleidung in München habe ich gesagt: „Tschüs Mädels, bis in vier Jahren.“ Und keiner hat das für einen Scherz gehalten. Wenn es der Körper noch zulässt, dann werde ich meinen 50. Geburtstag 2022 im olympischen Dorf feiern.