21. November 2021 / 16:12 Uhr

Nach Elfmeter-Ärger in Bremen: Ex-Schiri Rafati rechnet mit "Denkpause" für Referee Stieler

Nach Elfmeter-Ärger in Bremen: Ex-Schiri Rafati rechnet mit "Denkpause" für Referee Stieler

René Wenzel
RedaktionsNetzwerk Deutschland
 Nach dieser Aktion meldet sich der VAR bei Schiedsrichter Tobias Stieler (rechts). Dieser entscheidet auch für Ex-Referee Babak Rafati überraschend auf Strafstoß für Werder Bremen.
Nach dieser Aktion meldet sich der VAR bei Schiedsrichter Tobias Stieler (rechts). Dieser entscheidet auch für Ex-Referee Babak Rafati überraschend auf Strafstoß für Werder Bremen. © IMAGO/MIS/Getty/RND (Montage)
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Es war wohl die größte Schiedsrichter-Fehlentscheidung der aktuell laufenden Zweitliga-Saison. Im Spiel zwischen Werder Bremen und dem FC Schalke 04 sogt ein Elfmeter-Pfiff von Tobias Stieler nach Videobeweis für viel Wirbel. Ex-Referee und SPORTBUZZER-Kolumnist Babak Rafati kann die Aufregung verstehen

Die Aufregung beim FC Schalke 04 ist groß. Eine klare Fehlentscheidung von FIFA-Schiedsrichter Tobias Stieler kosteten dem Klub zwei Punkte im Kampf um die Bundesliga-Rückkehr. S04-Trainer Dimitrios Grammozis bezeichnete den Elfmeter-Pfiff in der Pressekonferenz nach dem 1:1 (0:0)-Remis bei Werder Bremen als "eine absolute Frechheit, wie ich sie noch nie erlebt habe". Die Entscheidung des erfahrenen Bundesliga-Referees Stieler in der Nachspielzeit habe "alle Rahmen gesprengt." Der frühere Schiedsrichter Babak Rafati zeigt im Gespräch mit dem SPORTBUZZER "absolutes Verständnis" für die Aufregung der Schalke-Verantwortlichen.

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Zur umstrittenen Szene: Bremens Roger Assalé nahm den Ball mit der Hand mit in Richtung gegnerischen Strafraum. Gegenspieler Henning Matriciani versuchte die Kugel zu klären, traf aber nur ins Leere. FIFA-Referee Stieler ließ das Spiel zunächst weiterlaufen, wurde dann aber von Videoschiedsrichter Christian Dingert und dessen Assistenten Asmir Osmanagic auf einen angeblichen Kontakt am Fuß des Werder-Angreifers aufmerksam gemacht. Stieler schaute sich die Aktion am Bildschirm an und zeigte nach einer kurzen Beobachtung auf den Punkt. "Wenn er ihn gleich pfeift, verstehe ich es. Wenn er dann rausgeht, und sich nach längerem Zuschauen so sicher ist, ist das eine der krassesten Fehlentscheidungen, die ich jemals gesehen habe", wütete Schalke-Sportdirektor Rouven Schröder. Niclas Füllkrug verwandelte in der Nachspielzeit den höchst umstrittenen Strafstoß zum 1:1. Kurz danach war die Partie vorbei.

Rafati: "Zu einhundert Prozent kein Foulspiel"

Und was sagt Rafati zu der Situation? "Assalé hat sich den Ball absichtlich mit dem Arm vorgelegt. Man sieht eine klare Spannung in seinem linken Arm. Wenn überhaupt gab es dann noch einen leichten Kontakt am Fuß, aber das war zu einhundert Prozent kein Foulspiel. Der Videoschiedsrichter hat seine Eingriffsschwelle komplett verfehlt und seine Kompetenz überschritten", sagte der 51-Jährige. Die Schalker Beschreibungen des Elfmeters reichten von Skandalelfer bis zu Witzelfmeter. Für den früheren Referee aus Hannover steht fest: "Der Videoschiedsrichter war eine tolle Erfindung. Aber im fünften Jahr ist die Umsetzung immer noch katastrophal. Die Qualität der Schiedsrichter hat durch die Einführung des VAR gelitten."

Die Diskussionen über die Fehler der Unparteiischen gehen trotz der Hilfe aus dem Kölner Keller weiter. Rafati sieht jetzt den Deutschen Fußball-Bund gefordert. "Man sollte den Videoschiedsrichter nur noch bei faktischen Entscheidungen mit einbeziehen – also bei Abseits oder der Frage, ob ein Vergehen innerhalb oder außerhalb des Strafraums gewesen ist. Aktuell ist es eher ein Interpretationspoker. Jeder hat eine andere Auslegung, die Schiedsrichter verlieren ihre Glaubwürdigkeit", meint Rafati.

DFB wohl bald mit Stellungnahme

Durch solche Ereignisse wie am Samstagabend im Bremer Weserstadion drehe sich das "Rotationsprinzip" immer weiter. In der kommenden Woche werde Schalke bei "jedem kleinen Kontakt" den Videoschiedsrichter einfordern. "Es wird weiterhin jede Woche einen anderen Verein treffen. Und das sorgt für immer mehr Ärger zwischen den Schiedsrichtern und den Klubs", sagt Rafati, der zeitnah mit einer Stellungnahme des DFB zur Fehlentscheidung im Zweitliga-Topspiel rechnet.

Auf Konsequenzen müssen sich nach Ansicht des Ex-Referees die betroffenen Unparteiischen um Stieler einstellen. "Man spricht nach solchen Verfehlungen immer von einer Denkpause und nicht von einer Sperre. Es wird dann vom DFB so verkauft, als wolle man den Schiedsrichter vor der Öffentlichkeit schützen. Man will vermeiden, dass er wieder im Fokus stehen könnte. Das ist aber nicht der richtige Weg", sagt Rafati.


Der frühere Bundesliga-Schiri sieht den Verband auch in einem anderen Bereich gefordert – die Besetzung des Videoschiedsrichters. "Man darf doch nicht die direkten Konkurrenten in den Keller setzen. Es gibt immer noch einen Konkurrenzkampf unter den Schiedsrichtern. Es kann nicht sein, dass ein Bundesliga-Schiedsrichter vor dem Monitor sitzt und einem anderen Bundesliga-Schiedsrichter Anweisungen gibt. Dort müssten andere Experten sitzen", betont Rafati. Der 51-jährige Hannoveraner denkt dabei beispielsweise an Assistenten, die "sowieso keine Bundesliga-Perspektive" haben: "Die können viel freier entscheiden und besitzen mindestens genauso viel Kompetenz."